Fracking-Anlage in Wyoming, USA

Fracking in den USA Erst Boom, dann Crash?

Stand: 15.11.2019 06:50 Uhr

Fracking hat Amerikas Ölindustrie groß gemacht. Doch auf der glänzenden Fracking-Fassade gibt es erste Risse – endet jetzt die amerikanische Erfolgsstory?

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

Man nehme ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien und presse es unter hohem Druck in die Gesteinsschicht – so lautet Amerikas Geheimrezeptur für den Aufstieg zur Öl-Großmacht. Dank des Fracking-Booms setzten sich die USA binnen nur eines Jahrzehnts an die Spitze: Kein Land der Erde produziert mehr Öl als die USA.

Laut dem jüngsten „World Energy Outlook“ der Internationalen Energieagentur (IEA) dürfte sich daran auch kaum etwas ändern. Demnach sollte die US-Produktion zwar ihr Wachstum im Vergleich zu den letzten Jahren verlangsamen. Doch bis zum Jahre 2030 dürfte der Zuwachs in den USA immer noch 85 Prozent des weltweiten Anstiegs der Ölproduktion ausmachen.

Auch kurzfristig sieht es auf den ersten Blick nach einer Fortsetzung des US-Fracking-Booms aus. So hat die amerikanische Energiebehörde EIA erst in dieser Woche ihre Prognose für den US-Öl-Output im kommenden Jahr auf 13,29 Millionen Barrel pro Tag angehoben.  

Wunschdenken der OPEC?

Opec
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Zunehmende Verzweiflung bei der OPEC

Ein Szenario, an das das Erdölkartell OPEC noch nicht so recht glauben mag. OPEC-Generalsekretär Mohammad Barkindo unterstrich am Donnerstag, er sei überzeugt, dass die US-Ölwirtschaft 2020 an Schwung verlieren dürfte.

Nun kann man im Falle der OPEC durchaus Wunschdenken unterstellen. Schließlich versucht sie seit Jahren verzweifelt, mit Förderkürzungen den Ölpreis zu pushen. Im Falle einer sinkenden US-Produktion könnte sie es sich durchaus leisten, auf neue Förderkürzungen zu verzichten – und so wieder mehr Öl in den Markt pumpen, ohne zugleich einen dramatischen Ölpreisverfall fürchten zu müssen.  

Sinkende Investitionen, sinkende Produktion?

Tatsächlich gibt es aber auch unabhängige Experten und nackte Fakten, die gegen eine ungebremste Fortsetzung des Fracking-Booms sprechen. So ist die Zahl der aktiven Bohrlöcher seit vergangenem Jahr um rund 20 Prozent gefallen. „Das könnte sich in Kürze auf die US-Produktion durchschlagen“, betont David Iusow, Experte des Finanzdienstleisters IG Group.

Laut einer Untersuchung der internationalen Anwaltskanzlei Haynes and Boone mit Sitz in Texas sieht sich die Industrie überdies mit „sinkenden Möglichkeiten der Kreditaufnahme“ konfrontiert. Mit anderen Worten: Die Gläubiger drehen der Frackingindustrie langsam den Geldhahn zu.  

Fracking
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Grafische Darstellung der Fracking-Methode

„Wenn Du keine Kosten mehr einsparen kannst, dann musst du weniger investieren, um deine Kosten zu senken. Und in genau dieser Phase befinden wir uns jetzt“, betonte Jesse Thompson, Ökonom der Federal Reserve Bank of Dallas, kürzlich gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Der Experte berichtete zudem von steigenden Arbeitslosenzahlen in der Fracking-Industrie.  

Sinkender Output über die Zeit

Experten verweisen auch auf die ökonomischen Eigenschaften von Schieferölbohrungen und -formationen. Die Produktion von Schieferöl fällt in den ersten Jahren nämlich stark ab. Nach drei Jahren können im Durchschnitt nur noch etwa 75 Prozent der anfänglichen Produktionsmenge gefördert werden. 

Hinzu kommt: Die Fracking-Unternehmen sind mittlerweile sehr gut darin, die besten Lagerstätten eines Ölfeldes auszumachen. Dort wird natürlich zuerst gebohrt. Die nachfolgenden Bohrstellen sind dann weniger produktiv.

 Amerikanische Energiebehörde zu optimistisch?

Fracking in Pennsylvania
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Fracking in Pennsylvania

Kritiker unterstellen der amerikanischen Energiebehörde EIA, sie würde die aktuellen Daten einfach in die Zukunft extrapolieren – und die genannten Faktoren unterschätzen. Sie halten daher die Schätzungen der EIA zum US-Öl-Output für viel zu optimistisch.  

„Das Enttäuschungspotenzial ist größer, als der Markt bislang annimmt“, betont denn auch Shin Kim, Öl-Expertin bei S&P Global Platts.  

US-Öl-Aktien werden gemieden

Auch die Börsenkurse zeichnen ein Bild der US-Ölindustrie, das keineswegs mit den positiven Fracking-Prognosen der amerikanischen und internationalen Energiebehörden mithalten kann.  

Die Aktienkurse kleinerer und mittelständischer Fracking-Unternehmen stehen ebenso wie die Papiere der großen Ölkonzerne seit Monaten schon unter Druck. Die großen Vermögensverwalter ziehen sich aus dem Sektor zurück, wie die monatliche Fondsmanager-Umfrage von Bank of America/ Merrill Lynch zeigte.  

Schweinezyklus am Ölmarkt

US-Erdöl-Produktion
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Nur eine kleine Delle oder endet jetzt die zweite Boom-Phase?

Es wäre übrigens nicht das erste Mal, dass die US-Fracking-Blase platzt. „Der Fracking-Boom scheint einen zweiten Höhepunkt überschreiten zu wollen“, betont Robert Rethfeld, Marktexperte bei „Wellenreiter-Invest“. „Die zweite Boom-Phase (2016-2018) dürfte aus den gleichen Gründen enden wie die erste (2012-2014): Hohe Preise ermutigen Investments und führen zur Überproduktion. Die Folge ist eine Sättigung an den Weltmärkten, was die Preise fallen lässt.“

Fallen aber die Preise, wird es für die oftmals hoch verschuldeten Fracking-Unternehmen immer schwieriger, profitabel zu arbeiten. Die logische Folge ist eine sinkende Produktion und eine Marktbereinigung, bei der verlustreiche Firmen pleitegehen oder aufgekauft werden. Damit wird wiederum der Grundstein für die nächste Boom-Phase gelegt.  

Jetzt kommt es auf die OPEC an

Der Ölpreis würde in diesem Falle mit einiger Verzögerung wieder steigen – vorausgesetzt die OPEC nutzt nicht die Gunst der Stunde und schraubt ihre Fördermenge in die Höhe. Ölexperten, aber auch Heizölkäufer und Autofahrer dürften daher dem OPEC-Treffen am 5. und 6. Dezember in Wien mit großer Spannung entgegensehen

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Bayern 2 am 16. Oktober 2019 um 08:30 Uhr.

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