Eine Hand greift nach Geldscheinen, die aus einem Geldautomaten ausgeworfen wurden | Bildquelle: dpa

Trotz lockerer Geldpolitik Warum bleibt die Inflation aus?

Stand: 29.09.2020 14:09 Uhr

Eine Inflation scheint derzeit weit und breit nicht in Sicht. Und doch wird die Zahl der Mahner nicht kleiner, die vor den Gefahren des Geldruckens warnen. Wie realistisch ist das Inflationsszenario? Wie schützen wir unser Geld vor dem Wertverfall?

Von Thomas Spinnler , boerse.ARD.de

Die Notenbanken kaufen Anleihen in Billionenhöhe und versorgen die Finanzmärkte ständig mit frischem Geld, die Leitzinsen bleiben anhaltend auf niedrigstem Niveau – hinzu kommen staatliche Konjunkturpakete in einer Größenordnung, die bis dato unvorstellbar war. Staatsschulden werden in unerreichte Höhen katapultiert. Viele Kritiker der lockeren Geldpolitik sprechen vom Gelddrucken und stellen die bange Frage: Wann kommt die Inflation?

Inflationsrate Deutschland
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Inflationsrate Deutschland

Wenn man sich aber die aktuelle Entwicklung der Verbraucherpreise ansieht, dann scheint ein Inflationsszenario in weiter Ferne zu liegen. Im Juli sanken die Preise im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,1 Prozent, im August stagnierten sie. Im September gingen sie sogar um 0,2 Prozent zurück.   

Es fehlt der Nährboden für höhere Teuerungsraten

Auch Experten rechnen zumindest derzeit nicht mit einer Inflation. "Aktuell sehen wir keine großen Inflationsgefahren", schreiben die Fachleute der Fondsgesellschaft DWS. Auch Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, bleibt gelassen. Gitzel rechnet trotz der billionenschweren Notenbankhilfen nicht damit, dass der "jahrzehntelange Trend fallender Inflationsraten" kippen werde.

Denn der Masse an Rettungsmaßnahmen von Staaten und Notenbanken stehe laut DWS die noch immer fragile Wirtschaftslage gegenüber: "Millionen von Arbeitnehmern befinden sich nach wie vor in Kurzarbeit. Angesichts der angespannten Lage am Arbeitsmarkt weltweit ist nicht mit aggressiven Lohnforderungen zu rechnen." Denn vor allem steigende Löhne der Arbeitnehmer gelten als erforderlich, um die Inflation anzuheizen.

EZB-Gebäude in Frankfurt
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EZB-Gebäude in Frankfurt: Hier wird über Inflation nachgedacht

Aber das kann sich ändern, wie Gitzel feststellt: Der bevorstehende tief greifende demografische Wandel und die Knappheit an Arbeitskräften werde die Wende bringen. "Fehlen Arbeitnehmer, bekommen Gewerkschaften wieder größere Verhandlungsmacht. Löhne werden zulegen und Unternehmen die höheren Kosten auf die Produkte umlegen. Das ist dann der Nährboden für höhere Teuerungsraten."

Oder eher Deflation?  

Aber ob es wirklich dazu kommen wird, darüber streiten die Gelehrten. Auch die Sorge vor einer Deflation war insbesondere zu Beginn der Corona-Krise bei Marktbeobachtern verbreitet. Deflation ist so etwas wie das Gegenteil einer Inflation: Der Begriff bezeichnet eine starke Abnahme der Geldmenge bei gleichzeitig nachlassender Nachfrage nach Gütern und Diensten. Eine Deflation hat in der Regel einen Preisverfall und somit einen Rückgang an Investitionsvolumen zur Folge.

Kaum Verkehr
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Kaum Verkehr, die Wirtschaft bricht ein: Corona und die Folgen

Ariel Bezalel, Head of Strategy Fixed Income bei Jupiter AM, vertritt die Deflations-Position – und das schon seit längerem: "Mit meiner Einschätzung zu wichtigen strukturellen Kräften wie der hohen Verschuldung, den alternden Gesellschaften und der Disruption durch Globalisierung, Technologie und Niedriglohnarbeit gehöre ich seit vielen Jahren dem Lager der Deflationisten an", so Bezalel. Die Corona-Krise habe einige dieser Trends beschleunigt. Bezalel weist unter anderem darauf hin, dass die Billionen, die in die Finanzmärkte flössen, in der Realwirtschaft kaum Wirkung zeigen würden.   

Helikoptergeld würde die Inflation anheizen

Anders sähe es nach Ansicht des Fachmanns aus, wenn die Zentralbanken den Einsatz alternativer geldpolitischer Instrumente wie dem Helikoptergeld, also direkte Zahlungen an Konsumenten, ernsthafter in Erwägung ziehen sollten oder es zu einer dauerhaften Verlagerung hin zur Monetarisierung von Schulden käme.

Mit Monetarisierung der Staatsschulden ist gemeint, dass Notenbanken Staatsanleihen aufkaufen und so letztlich die Schuldenaufnahme der Staaten finanzieren. Das tut die EZB zwar, indem sie längst auf dem Sekundärmarkt Staatsanleihen erwirbt. Von einer dauerhaften Verlagerung kann man aber wohl noch nicht sprechen: "Derartige Schritte hätten klarere inflationäre Auswirkungen", so die Einschätzung Bezalels.

Helikoptergeld
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Wenn uns Helikopter Geld zuwerfen, wird es eng

Das Fazit von Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank, lautet: "Das Zuviel an Geld dürfte die Inflation in den kommenden zwei bis drei Jahren zwar noch nicht steigen lassen, weil die hohe Arbeitslosigkeit den Anstieg der Arbeitskosten niedrig hält. Stattdessen wird die Liquidität die Vermögenspreise wohl weiter nach oben treiben." Wenn man sich die Preise an den Immobilienmärkten und den Aktienbörsen ansieht, weiß man, was gemeint ist.

Was tun gegen die Inflation?

Wer sich vor den Auswirkungen einer steigenden Inflation bei äußerst geringen Zinsen auf Konten und Sparbücher schützen will, kommt um die Geldanlage in Aktien kaum herum. Schließlich werden die Auswirkungen der Nullzinspolitik der Notenbanken und der damit zusammenhängenden niedrigen Verzinsung vor allem vor dem Hintergrund der sogenannten Enteignung der Sparer thematisiert. Geld auf dem Sparbuch bringt derzeit praktisch keine Rendite.    

Spareinlagen Real- und Nominalzins
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Real- und Nominalzins bei Spareinlagen

Doch es führt ein wenig in die Irre, den guten alten Zeiten nachzutrauern, als es auf dem Sparbuch noch anständige Zinsen gab. Der Realzins deutscher Sparkonten war in den vergangenen Jahrzehnten häufig negativ, weil die Inflation höher lag als die nominalen Zinsen der Banken. Was nützt ein Prozent auf Sparbeträge, wenn die Inflation bei zwei Prozent liegt?     

"In den USA drücken die fallenden Zinsen die Gewinnrendite von Anleihen und Sparkonten, sodass Kapital in die Aktienmärkte fließt", fasst Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest die Lage zusammen. Der Fachmann fragt sich, wann der Leidensdruck der deutschen Anleger derart unaushaltbar werde, dass auch hier Kapital in die Aktienmärkte fließt. Bislang nehmen die Deutschen lieber reale Verluste bei ihren Rücklagen in Form von Bankguthaben oder Bargeld in Kauf.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete BR24 am 29. September 2020 um 16:38 Uhr.

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