Euromünze

Entwicklung auf dem Zinsmarkt Die Sparer sind die Verlierer

Stand: 12.06.2019 06:45 Uhr

Wenn der deutsche Staat Schulden aufnimmt, muss er dafür keine Zinsen zahlen, sondern bekommt sogar noch Geld geschenkt. Das klingt paradox, ist aber Realität – und ein Warnsignal für alle Sparer und Anleger.

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen befindet sich im freien Fall. Am vergangenen Freitag fiel sie auf ein Rekordtief von minus 0,26 Prozent. Anleger zahlen also 26 Cent drauf, um dem deutschen Staat 100 Euro zu leihen. Willkommen in der verrückten Welt der Staatsanleihen!

Rendite 10-jährige Bundesanleihe
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Im Tiefflug: Die Rendite zehnjährigerer Bundesanleihen

Zum Vergleich: 2008 musste der deutsche Staat seinen Gläubigern noch über vier Prozent Zinsen zahlen.

Sicherheit verzweifelt gesucht

Hintergrund dieses wahrlich dramatischen Renditeverfalls ist die steigende Nachfrage nach Bundesanleihen. Das treibt den Preis, sprich: den Kurs der deutschen Anleihen. Mit dem steigenden Kurs sinkt aber die Rendite, also das, was der deutsche Staat dem Anleihekäufer zahlen muss.

Doch warum sind zehnjährige Bundesanleihen derzeit so begehrt? Ganz einfach: Zehnjährige Bundesanleihen sind gewissermaßen die Königinnen unter den sichereren Staatsanleihen. Die legen sich Anleger weltweit ins Depot, wenn sie auf Nummer sicher gehen wollen. Und das wollen immer mehr Anleger. Von dieser Entwicklung wollen auch spekulative Investoren profitieren, die die Anleihen trotz negativer Renditen in Erwartung weiter steigender Kurse kaufen.

alt Olaf Scholz

Was sind Bundesanleihen?

Die Finanzagentur des Bundes legt im Auftrag des Finanzministeriums Staatsanleihen auf. Über sie nimmt der Bund am Kapitalmarkt Geld auf. Bundesanleihen sind somit nichts anderes als Schuldverschreibungen des deutschen Staates.

Trump schürt Fluchtreflexe

Donald Trump
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Wehe, wenn er spricht - oder twittert

Der Trump-Faktor spielt dabei eine große Rolle. Die Drohgebärden des US-Präsidenten – sei es gegen China, Mexiko oder die deutsche Autoindustrie – halten die Finanzmärkte seit Monaten in Atem. Anleger reagieren darauf mittlerweile geradezu reflexartig mit einer Flucht in vergleichsweise sichere Anlagen. Neben dem Schweizer Franken, Gold und US-Staatsanleihen zählen dazu eben auch Bundesanleihen.

Doch nicht nur die Trump'sche Rhetorik, auch die Angst der Anleger vor einer globalen Rezession und der Italien-Konflikt mit der EU schüren die Risikoscheu der Investoren und treiben sie in die als sicher geltenden Bundes-Anleihen.

Zahlen der Deutschen Finanzagentur zeigen, dass erstmals seit Jahren auch wieder Finanzinvestoren in nennenswertem Umfang deutsche Staatsanleihen kaufen. 2018 kauften Vermögensverwalter wie Hedgefonds Papiere im hohen zweistelligen Milliardenbereich.

Wer sich verschuldet, gewinnt

Gewinner der Negativzinsen ist natürlich in erster Linie der deutsche Staat, der fürs Schuldenmachen sogar noch Geld bekommt. Die Finanzierung des Staatsdefizits wird so fast zum Kinderspiel.

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Niedrige Zinsen treiben Nachfrage nach Wohnimmobilien

Von der negativen Bund-Rendite profitieren aber auch all jene, die sich Geld leihen – Unternehmen ebenso wie Privatpersonen. Laut dem FMH-Index für Hypotheken liegt die durchschnittliche Baufinanzierung für zehn Jahre aktuell unter einem Prozent.

Wer spart, verliert

Verlierer sind dagegen diejenigen, die sich über festverzinsliche Anlagen Geld fürs Alter auf die Seite legen wollen. Die Negativzinsen der Bundesanleihen drücken nämlich auch den Zins für Spareinlagen. Laut der FMH-Finanzberatung bekommen Anleger für eine Festgeldanlage von 10.000 Euro über zehn Jahre nur noch Zinsen zwischen 0,5 und 1,5 Prozent.

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Die Altersvorsorge wird immer schwieriger

Lebensversicherungen erzielen im derzeitigen Niedrigzinsumfeld ebenfalls kaum noch Überschüsse. Zieht man dann noch die Inflation ab, schwindet die Kaufkraft des Ersparten dramatisch. Auch Pensionskassen sind im Würgegriff der Negativzinsen. Nicht wenige versuchen schon jetzt, den Garantiezins zu senken.

Die logische Folge: Anleger, die einen Gewinn erwirtschaften wollen, werden in riskante Anlagen geradezu getrieben. Der Boom an den Aktien- und Immobilienmärkten, aber auch bei hochspekulativen Unternehmensanleihen, so genannten Junk Bonds, hat hier seinen Ursprung.

Rekordtief bei Bundesrendite trifft alle Deutschen

12.06.2019 16:03 Uhr

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Krisensignale allerorten

Konjunktur
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Konjunktursorgen nehmen zu

Denn nicht nur in Deutschland, auch an vielen anderen Märkten für Staatsanleihen herrscht ein heftiger Zinsdruck. In Japan und der Schweiz driften die Renditen immer weiter in den negativen Bereich. In den USA fällt die Rendite für zehnjährige Papiere in Richtung der Zwei-Prozent-Marke.

Langläufer notieren bereits heute niedriger als kurzfristige Papiere, die Zinsstrukturkurve ist somit invers. Das war in der Vergangenheit ein verlässlicher Vorbote für eine Rezession.

Wer die nüchternen Zahlen des Zinsmarktes betrachtet, findet somit eine beängstigende Häufung von Warnsignalen. Anleger und Sparer sollten sie besser ernst nehmen.

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Die Gewinner und Verlierer der Negativzinsen

Sparschwein

Sparer
Die Negativzinsen der Bundesanleihen drücken auch den Zins auf Spareinlagen. Laut der FMH-Finanzberatung bekommen Anleger etwa für eine Festgeldanlage von 10.000 Euro über zehn Jahre nur noch Zinsen zwischen 0,1 und 1,25 Prozent. Damit bleibt dem kleinen Anleger im festverzinslichen Bereich nichts mehr, wo er sein Geld – nach Abzug der Inflation – gewinnbringend anlegen könnte.

Quelle: boerse.ard.de

Über diese Thema berichteten SWR3 aktuell am 31. Mai 2019 sowie Deutschlandfunk am 11. und 12. Juni 2019 jeweils um 23:42 Uhr.

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