Die Eon-Konzernzentrale in Essen von außen.  | Bildquelle: dpa

Tausch-Deal mit RWE Wie mächtig ist die neue Eon?

Stand: 17.09.2019 14:43 Uhr

Der deutsche Energiemarkt steht vor dramatischen Umwälzungen: Die EU-Kommission hat die Teilübernahme von Innogy durch Eon genehmigt. Verbraucherschützer und einige Stadtwerke fürchten, dass der Essener Versorger zu mächtig wird. Drohen den Kunden höhere Preise?

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Als vor über einem Jahr die Manager von Eon und RWE einen gigantischen Milliardentausch einfädelten, gab es viel Applaus. An der Börse schossen die Kurse von Eon und RWE nach oben. Eon-Chef Johannes Teyssen schwärmte von einem der "kreativsten Deals der deutschen Wirtschaftsgeschichte". Die beiden Versorger vereinbarten, Teile ihrer Geschäfte zusammenzulegen und zu tauschen. Eon soll die Netze und das Endkundengeschäft von Innogy übernehmen, RWE erhält im Gegenzug das gesamte Geschäft der erneuerbaren Energien von Innogy und Eon.

Widerstand von Stadtwerken und Lichtblick

Doch schnell formierte sich Widerstand gegen den RWE-Eon-Deal. Eine Gruppe von Stadtwerken und der Hamburger Ökostrom-Anbieter Lichtblick riefen die Kartellbehörden an und verlangten harte Auflagen. Sie fordern, dass die neue Eon die Billigstromanbieter Eprimo und E-wie-Einfach komplett abtreten.

Eon-RWE-Handschlag
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Eon-Chef Johannes Teyssen (l) und RWE-Chef Rolf Martin Schmitz geben sich die Hände

Bei RWE hatte die EU-Kommission keine Bedenken. Sie winkte rasch den Deal durch, den RWE betraf - ohne Auflagen. Bei Eon jedoch leitete Brüssel im März eine vertiefte Prüfung ein. Die von vielen Unternehmen gefürchtete Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager ließ untersuchen, ob die Übernahme von Innogy durch Eon den Wettbewerb behindert und Preiserhöhungen zur Folge hat.

Mehrere Zugeständnisse von Eon

Um grünes Licht aus Brüssel zu erhalten, machte Eon einige Zugeständnisse. So wollen sich die Essener in Deutschland von 260.000 Kunden trennen, die Heizstrom beziehen. Zudem gibt Eon Ladestationen für Elektroautos ab und verkauft einen Teil seiner Strom- und Gasvertriebsgeschäfte in Osteuropa. Man wollte "nicht mit dem Kopf durch die Wand", sagte Eon-Chef Teyssen am Dienstag. "Da bekommt man nur eine blutige Nase."

Brüssel gab nun nach diesen Zugeständnissen die Freigabe für den RWE-Eon-Deal. Für Eon sei es ein historischer Tag, sagte Teyssen. Man sei "erleichtert, stolz, aber auch ein bisschen demütig", dass es geklappt habe mit der Übernahme.

Kundenzahl wird sich mehr als verdoppeln

Einigen Stadtwerken jedoch dürfte dies missfallen. In einer Stellungnahme hatte jüngst eine Gruppe von zehn Stadtwerken, darunter Aachen, Leipzig und die Frankfurter Mainova, gewarnt, dass Eon "mit den Erlösen aus dem Netzgeschäft und der Grundversorgung kurzfristig Kampfpreise anbieten, kleinere Konkurrenten verdrängen und so den Markt verschließen kann".

Eon war bisher schon der größte deutsche Versorger. Mit Innogy wird der Stromriese noch mächtiger. Die Kundenzahl in Deutschland wird sich mehr als verdoppeln von fünf auf fast zwölf Millionen. In Europa zählt Eon künftig 50 Millionen Kunden.

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"Energiemarkt wird auf den Kopf gestellt"

Die Grünen-Europa-Abgeordnete Jutta Paulus warnt schon vor "neuen kartellartigen Strukturen, die drohen". Tatsächlich wird "die neue Eon durch ihre Marktmacht den Energiemarkt auf den Kopf stellen", glaubt Udo Sieverding, Energie-Experte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Ob die Privatkunden dadurch ein Nachteil hätten, liege aber an ihnen selbst, meint Sieverding. Sie müssten künftig ihre Stromtarife noch genauer beobachten, bei Zusatzleistungen auf die Gesamtkosten achten und gegebenenfalls den Anbieter wechseln.

Das könnte allerdings schwierig werden, befürchten mehrere Stadtwerke. Denn durch die Innogy-Übernahme wird sich Eon auch an zahlreichen Regionalversorgen beteiligen und verfügt künftig über rund 150 Marken. Dadurch können die Essener Vergleichs- und Vermittlungsplattformen wie Check24 und Verivox dominieren.

Eon: Kunden haben weiter große Auswahl

Eon weist den Vorwurf einer zu großen Marktmacht zurück. Vorstandschef Teyssen hat immer wieder betont, der Wettbewerb in Deutschland sei in keiner Weise gefährdet. Die Kunden könnten fast in jedem Postleitzahlen-Gebiet unter rund 100 Anbietern auswählen.

Das bestätigen die Experten von Verivox. Mit der Fusion von Eon und Innogy entstehe zwar einer der größten Energieversorger Europas, "aber wir sehen den Wettbewerb dadurch nicht gefährdet", sagt Leo Lützenkirchen, Bereichsleiter Energie des Vergleichsportals. Die Verbraucher könnten heute pro Postleitzahl aus durchschnittlich 160 Stromanbietern wählen, vor zehn Jahren seien es nur 66 gewesen.

In der Presse wird spekuliert, dass EU-Wettbewerbskommissarin Vestager den RWE-Eon-Deal ohne große Auflagen durchgewunken hat, um keinen neuen Ärger  mit Deutschland zu provozieren. Die resolute Dänin hatte zuletzt die Fusion der Zug-Riesen Siemens und Alstom sowie die Stahl-Fusion zwischen ThyssenKrupp und Tata blockiert.

Squeeze-out bei Innogy?

Was wird nun aus Innogy? Eon wird voraussichtlich die restlichen Minderheitsaktionäre per Squeeze-out herausdrängen. Die Essener halten schon jetzt über 90 Prozent der Anteile. Damit ist die Voraussetzung für eine Zwangsabfindung der Minderheitsaktionäre gegeben.

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An der Börse wird die neue Eon relativ skeptisch gesehen. Die Aktie tritt seit einem Jahr auf der Stelle. Dagegen zog der Kurs von RWE in den letzten zwölf Monaten um rund 20 Prozent an. RWE wandelt sich durch die Innogy-Übernahme vom Kohle-Produzenten zum Ökostrom-Anbieter – zumindest teilweise. Noch besser lief es für Innogy. Die Aktie schoss um 22 Prozent in die Höhe. Anleger spekulieren auf eine fette Abfindungsprämie durch Eon.

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Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. September 2019 um 17:00 Uhr.

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