Siemens-Chef Joe Kaeser

Gewinneinbruch und Proteste Siemens verfehlt Erwartungen

Stand: 05.02.2020 19:05 Uhr

Siemens hat das neue Geschäftsjahr mit einem Gewinneinbruch begonnen. Doch auf der Hauptversammlung spielt vor allem die Klimadebatte eine Rolle. "Grotesk", findet Vorstandschef Joe Kaeser.

Zwar hatten sich vor der Münchner Olympiahalle kaum mehr als hundert Demonstranten eingefunden, um gegen einen Auftrag für Siemens für eine neue Kohlemine in Australien zu demonstrieren. Doch spielte das Thema beim Aktionärstreffen in der Halle eine beherrschende Rolle.

"Bei solchen Themen kann man nicht gewinnen", sagte der Vorstandschef resigniert. Der Mini-Auftrag für Signaltechnik stehe in keinem Verhältnis zu den Bemühungen des Konzerns um Klimaschutz. Der Streit ums Klima überschattet auch den bevorstehenden Börsengang der Energie-Sparte Siemens Energy, die vor allem Technik für Kohle- und Gas-Kraftwerke liefert.

"Für die Mine irrelevant"

Rund ein Dutzend Vertreter von Umwelt- und Menschenrechts-Gruppen haben sich in der Hauptversammlung zu Wort gemeldet oder wollen dies noch tun. Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe sagte: "Wenn die Diskussion etwas Gutes hat, dann das: Wir sehen uns angespornt, den Wandel von Siemens in Richtung Nachhaltigkeit zu beschleunigen."

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Kaeser widersprach der Annahme der Klimaschützer, dass ein Ausstieg von Siemens die gigantische Kohlemine zu Fall bringen könnte. Die Signaltechnik für eine Bahnstrecke zum Abtransport der geförderten Kohle zum Hafen sei "für die Inbetriebnahme der umstrittenen Mine irrelevant".

Der Siemens-Chef bezeichnete die Entscheidung für den Auftrag aber als Fehler: "Wären wir noch einmal in der Situation, in der wir frei entscheiden könnten, fiele sie sicher anders aus."

"Wäre besser gewesen zu verzichten"

Auch Vertreter großer Kapitalanleger gingen mit Siemens wegen des Umgangs mit dem Auftrag ins Gericht. Union-Investment-Fondsmanagerin Diehl sprach von einem "kommunikativen Desaster" und einem Imageschaden, der auch den Start von Siemens Energy an der Börse belaste. "Bei einer sorgfältigen Prüfung aller Umwelt- und Reputationsrisiken hätte Siemens diesen Auftrag niemals unterzeichnen dürfen."

Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck äußerte Verständnis für Kaesers Haltung. "Ich nehme Herrn Kaeser ab, dass er die Entscheidung über die Signalanlage für die Kohlemine in Australien nicht leichtfertig getroffen hat", sagte er der "Augsburger Allgemeinen" vom Mittwoch. "Dennoch glaube ich, dass es sicher besser gewesen wäre, auf etwas Geld zu verzichten, um gesellschaftlichen Zielen treu zu bleiben."

1,1 Milliarden Euro für Siemens Gamesa

Siemens Gamesa
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Siemens Gamesa

Siemens Energy soll im September separat an die Börse gebracht werden, Siemens will dann die Mehrheit abgeben. Die restlichen Anteile sollen an die eigenen Aktionäre abgegeben werden. Kern der Sparte sind Turbinen und Dienstleistungen für Kohle-, Öl- und Gaskraftwerke. Die Windkraft-Sparte Siemens Gamesa, der Hoffnungsträger für die Energiewende, rutschte im ersten Geschäftsquartal sogar in die roten Zahlen.

Am Abend hatte Siemens die Aufstockung seines Anteils an der spanischen Windkrafttochter Siemens Gamesa bekannt gegeben. Die Münchener übernehmen die acht Prozent des Mitgesellschafters Iberdrola und erhöhen ihre Beteiligung so auf 67 Prozent. Der Kaufpreis wurde mit 1,1 Milliarden Euro oder 20 Euro je Anteilsschein angegeben.

Größere Handlungsspielräume

Die Abspaltung der Energiesparte und Kostensenkungen sollen Siemens größere Handlungsspielräume für Zukäufe geben. Die "Vision 2020+" solle den Technologiekonzern profitabler machen, sagte der stellvertretende Vorstandschef Roland Busch. "Nur so bekommen wir die Freiräume, die wir brauchen, um in die Zukunft von Siemens zu investieren: (...) in die digitale Transformation unserer Geschäfte, in den Ausbau unserer Geschäfte in neuen Wachstumsmärkten und letztendlich auch in Akquisitionen."

Weitere Kursinformationen zu Siemens

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Insgesamt ist Siemens mit einem deutlichen Gewinnrückgang ins neue Geschäftsjahr gestartet. Das bereinigte operative Ergebnis aus dem Industriegeschäft, die meistbeachtete Erfolgskennziffer, brach im ersten Quartal (Oktober bis Dezember) um 30 Prozent auf 1,43 Milliarden Euro ein, wie der Industriekonzern am Morgen vor der Hauptversammlung mitteilte.

Analysten hatten im Schnitt mit 1,88 Milliarden Euro gerechnet. Das vor der Abspaltung stehende Energietechnik-Geschäft zeigte ebenso Schwächen - das Ergebnis brach um ein Drittel ein - wie das Aushängeschild, die Industrieautomatisierung (Digital Industries).

Jahresziele bestätigt

Diese litt unter dem Abschwung in der Autoindustrie und im Maschinenbau und musste ebenfalls einen Ergebniseinbruch um ein Drittel hinnehmen. Der Nettogewinn ging um drei Prozent auf 1,09 Milliarden Euro zurück. Dabei ist der Konzernumsatz leicht um ein Prozent auf 20,3 Milliarden Euro gestiegen.

"Wir hatten schon bessere Quartale", sagte Kaeser. Siemens leide kurzfristig unter der Schwäche der Autoindustrie und des Maschinenbaus, die zu den größten Kunden der erfolgsverwöhnten Sparte Digital Industries gehört. "Das ist keine Überraschung, die wir nicht verdauen könnten."

Ausblick bestätigt

Dennoch bestätigte Vorstandschef Joe Kaeser die Prognosen für das laufende Geschäftsjahr 2019/20 (bis Ende September). Danach soll der Umsatz auf vergleichbarer Basis moderat steigen, der Gewinn je Aktie soll zwischen 6,30 und 7,00 (Vorjahr: 6,41) Euro landen.

Der Einfluss des Ausbruchs des Coronavirus in China aufs Geschäft sei schwer abzuschätzen. Ein Krisenstab überwache, ob die Lieferkette dadurch ins Stocken gerate. "Man muss auch Ruhe bewahren", sagte Kaeser.

Dividende bei 3,90 Euro

Nach Börsenschluss erklärte Siemens in einer Pressemitteilung, dass für das Geschäftsjahr 2019 eine Dividende von 3,90 Euro gezahlt werde. Sie wird damit um 0,10 Euro erhöht und sei die sechste Erhöhung in Folge, so das Unternehmen weiter. Dies war erwartet worden. Außerdem habe die Hauptversammlung die Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats für das Geschäftsjahr 2019 entlastet. Die Aktie stieg am Mittwoch 0,65 Prozent auf 113,72 Euro.

lg/rm

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete am 05. Februar 2020 tagesschau24 um 11:00 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.

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