Smartphones des Herstellers Huawei liegen in einem Geschäft. | Bildquelle: imago images/ITAR-TASS

Nach Huawei-Bann Smartphone-Markt vor Umbruch?

Stand: 10.09.2020 08:05 Uhr

Die USA versuchen mit aller Macht, Huawei aus dem Markt zu drängen. Doch der Schuss könnte nach hinten losgehen. Profitieren könnte ausgerechnet ein chinesisches Unternehmen.

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

In Zeiten der Corona-Krise entpuppen sich Huawei und Apple als die klaren Sieger des Smartphone-Krieges, Verlierer ist Samsung. Laut der jüngsten Zahlen des Analysehauses Gartner brachen die Smartphone-Verkäufe der Koreaner im zweiten Quartal um 27 Prozent ein, Samsungs Marktanteil schrumpfte von 20,3 auf 18,6 Prozent. Dagegen konnten Apple und Huawei ihre Marktanteile kräftig steigern.

Doch das ist nur eine Momentaufnahme, die schon bald mit der neuen Realität auf dem Smartphone-Markt nicht mehr viel gemein haben wird. Denn es steht schon eine riesige Abrissbirne bereit, um all die Marktanteile, die Huawei in den vergangenen Jahren so fleißig eingesammelt hat, zu zerstören.

Todesstoß für Huawei?

Diese Abrissbirne trägt den Schriftzug des US-Präsidenten. Donald Trump sieht in Huawei den "verlängerten Arm des chinesischen Überwachungsstaates". Erst im August hat die US-Regierung ihre Sanktionen gegen Huawei verschärft. Chipherstellern ist es nun bei Strafandrohung untersagt, Chips mit US-Technologie an Huawei zu verkaufen.

Huawei Produktion 1408
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Steht Huawei bald ohne konkurrenzfähige Chips da?

Ist das der Todesstoß für Huawei? Viele Experten denken: ja. Denn so wird es für Huawei praktisch unmöglich, weiterhin konkurrenzfähige Chips herstellen zu lassen. Jetzt sind Huaweis Chip-Lager noch voll. Wird der US-Bann aber nicht aufgehoben, dürfte Huawei spätestens im kommenden Jahr ernste Probleme bekommen.

Huawei könnte so aus dem globalen Smartphone-Markt gezwungen werden. Zurück bliebe ein gigantisches Vakuum. Wer könnte es füllen? Kann Trump tatsächlich das globale Marktgleichgewicht auf dem Smartphone-Markt zugunsten eines US-Unternehmens verschieben?

Apple strotzt vor Selbstbewusstsein

Fakt ist: Apple schwimmt im Gegensatz zu Samsung derzeit auf einer Welle des Erfolgs. Das zeigt allein schon ein Blick auf den Aktien-Chart. Seit Jahresbeginn steht hier ein Plus von 54 Prozent. In der Spitze, vor der jüngst einsetzenden Korrektur an der Nasdaq, waren es sogar 88 Prozent.

Apple
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Die Apple-Aktie hat die Corona-Delle rasch ausgebügelt

Die rasante Kursentwicklung ist ein Spiegelbild des fundamentalen Erfolgs des US-Tech-Giganten. "Die Einführung des neuen iPhone SE hat viele Nutzer älterer Telefone ermuntert, ihre Smartphones aufzurüsten", betont Gartner-Analystin Annette Zimmermann im Gespräch mit boerse.ARD.de.

Laut einem Bloomberg-Bericht lässt Apple derzeit 75 Millionen neue iPhone-12-Modelle vorproduzieren, die noch in diesem Jahr verkauft werden sollen. Das wäre in etwa so viel wie in den Vorjahren – und zeugt angesichts der Corona-Krise von ordentlich Selbstbewusstsein.

Wer füllt das Huawei-Vakuum?

Annette Zimmermann
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Analystin Annette Zimmermann erwartet, dass neben Apple und Samsung auch Xiaomi von einem Huawei-Ausscheiden aus dem Smartphone-Markt profitieren könnte.

Apple wäre ein großer Profiteur eines Ausscheidens von Huawei aus dem globalen Smartphone-Markt, so viel ist sicher. "Huawei-Premium-Kunden, die bislang die Huawei-Lite-Versionen gekauft haben und auf Langlebigkeit und Qualität setzen, könnten künftig zu iPhone-Käufern werden", meint Gartner-Expertin Zimmermann. Premium-Kunden, denen es eher um die neueste Kamera-Technologie geht, könnten dagegen von Huawei zur Samsung Galaxy S-Serie wechseln.

Wer nun aber glaubt, dass Apple und Samsung die einzigen Profiteure eines Huawei-Vakuums auf einem globalen Smartphone-Markt auf dem Weg zum Duopol wären, der hat die Rechnung ohne Xiaomi gemacht.

Gerade die jüngere Generation der etwa 14- bis 25-Jährigen und Kunden mit einem knappen Budget, die bislang Huawei Honor genutzt haben, könnten künftig nach Xiaomi greifen, erläutert Zimmermann. "Vor allem die, die experimentierfreudig sind und gerne neue Marken ausprobieren."

Xiaomi erobert Europa

Dabei ist Xiaomi auch für viele Europäer gar keine allzu "neue" Marke mehr. Auf dem globalen Smartphone-Markt bereits die Nummer vier hinter Apple, hat der chinesische Hersteller seinen heimischen Konkurrenten Huawei im zweiten Quartal erstmals in Europa schlagen und auf Platz drei aufrücken können. Xiaomis Umsätze in Europa schnellten um 65 Prozent in die Höhe, während Huaweis Erlöse um 17 Prozent schrumpften.

Xiaomi in Europa

Xiaomi ist erst seit 2019 in Deutschland mit einem eigenen Auftritt und direkten Vertriebspartnern präsent. In anderen EU-Staaten wie Spanien verkauft der Konzern schon länger seine Produkte.

Xiaomi Mi 10 Ultra
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Das neue Premium-Smartphone von Xiaomi: Mi 10 Ultra

Laut Branchenkennern ist die Strategie von Xiaomi ganz simpel: Werde das neue Huawei! Huawei war einst angetreten, das Duopol Apple-Samsung aufzubrechen. Mit Erfolg. Jetzt sieht ganz so aus, als ob Xiaomi da weitermachen könnte, wo Huawei gezwungenermaßen aufhören muss. Dabei könnte Xiaomi durchaus auch im höherpreisigen Segment in die Huawei-Lücke springen. So legte Xiaomis Absatz im Premium-Segment im zweiten Quartal außerhalb Chinas stolze 99 Prozent zu.

Ob Trump das bedacht hat?

Zu allem Überdruss besteht nach dem rabiaten Vorgehen der US-Regierung gegen Huawei die reelle Gefahr eines "Kalten Krieges" im Technologiesektor. US-Firmen könnten nun in die Schusslinie des chinesischen Staates geraten. Bereits im Mai soll die Kommunistische Partei erwogen haben, Apple auf eine Liste von unzuverlässigen Unternehmen zu setzen. Doch Apple kann auf China nicht verzichten: weder als Auftragsfertiger noch als Absatzmarkt.

Der Schuss gegen Huawei könnte für Trump somit völlig nach hinten losgehen: Erstens, die Chinesen könnten gegen Apple zurückfeuern. Zweitens, ausgerechnet ein chinesisches Unternehmen könnte die durch Huawei gerissene Lücke füllen. Trump muss aufpassen, dass die USA nicht plötzlich als Verlierer des von ihm höchstpersönlich angezettelten Technologie-Krieges dastehen.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 15. Juli 2020 um 12:40 Uhr.

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