Solarzellen vor blauem Himmel | Bildquelle: dpa

Deutsche Solarbranche Hoffnung auf einen Solarboom 2.0

Stand: 09.09.2020 06:45 Uhr

Einst war die deutsche Solarindustrie Weltspitze. Dann brach sie zusammen. Jüngste Entwicklungen im ostdeutschen "Solar Valley" deuten darauf hin, dass die Branche nun vor einem Comeback steht.

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Im Zentrum der deutschen Solarindustrie, in Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt, keimt wieder Hoffnung auf. Das Schweizer Unternehmen Meyer Burger will das "Solar Valley" wieder beleben. Es plant die Produktion von Solarzellen in Bitterfeld und die Weiterverarbeitung zu Solarmodulen in Freiberg - in den Hallen der Pleite gegangenen Solarfirmen Sovello und Solarworld. Mehr als 3000 Jobs sollen entstehen. "Europas Solarindustrie hat Chancen auf ein Comeback", glaubt der 47-jährige Chef von Meyer Burger, Gunter Erfurt, der selbst aus Ostdeutschland stammt.

Meyer Burger will die effizientesten Zellen produzieren

Meyer-Burger-Chef Gunter Erfurt | Bildquelle: dpa
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"Wir haben die neue Technologie" - Meyer-Burger-Chef Gunter Erfurt

Die Schweizer entwickelten Solarzellen, deren Wirkungsgrad bei 22 Prozent liegen soll, also deutlich höher als die bisherigen. "Wir haben die neue Technologie, der Rest der Branche hat sie nicht", sagt Firmenchef Erfurt. "Wir stehen vor einem Technologiesprung vergleichbar mit dem Übergang von 4G zu 5G im Mobilfunk." Bis 2027 sollen in Freiberg 6,4 Gigawatt Module gefertigt werden.

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Im sachsen-anhaltinischen "Solar Valley" herrscht Freude über die Ansiedlungspläne von Meyer Burger. "Es ist wieder richtig Leben in der Bude", sagt Uwe Schmorl, Betriebsratschef von Hanwha Q-Cells in Bitterfeld-Wolfen. Auch Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann spricht von einem "Sonnenstrahl für das Solar Valley". Die Landesregierung in Magdeburg hat den Schweizern Fördergelder in Aussicht gestellt.

Aufbruchstimmung im "Solar Valley"

Nicht nur Meyer Burger will im einstigen Chemie-Dreieck der DDR investieren. Auch das Start-up Nexwafe hat Pläne für die Produktion von Wafern in Bitterfeld-Wolfen. Der amerikanisch-chinesische Batteriehersteller Farasis möchte nebenan eine neue Fabrik zur Herstellung von Batterien für E-Autos errichten. Und in Dresden baut Solarwatt eine neue Solarmodulfabrik.

Solarwatt-Geschäftsführer Detlef Neuhaus verbreitet Aufbruchstimmung. "Jetzt haben wir eine zweite Chance - vor allem über Innovation und komplexe Produkte."

Der tiefe Fall der deutschen Solarindustrie

Die erste Chance wurde leichtfertig vertan. Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erlebte die Solarindustrie um die Jahrtausendwende einen rasanten Aufstieg. Firmen wie Q-Cells und Solarworld machten Milliardenumsätze. Solarworld-Chef Frank Asbeck wurde als "Sonnenkönig" gefeiert. Der exzentrische Manager, der zwei Schlösser am Rhein besaß, wollte in seinem Größenwahn gar Opel kaufen.

Doch als die Bundesregierung die garantierten Einspeisevergütungen zunehmend herunterfuhr, kam die Branche ins Schlingern. Zudem heizten chinesische Hersteller mit Dumpingpreisen für Module den Kostendruck an und sorgten für einen ruinösen Preiswettbewerb. Am Ende gingen die meisten deutschen Solarfirmen pleite oder wurden geschluckt - wie zum Beispiel Q-Cells von der koreanischen Hanwha.

Bringt der "Green Deal" neuen Schub?

Jetzt könnten die verschärften Klimaschutz-Vorgaben und der eine Billion Euro schwere "Green Deal" der EU-Kommission die deutsche und europäische Solarbranche zu neuem Leben erwecken. Manche träumen schon von einem Solarboom 2.0. Zumal in Deutschland Mitte Juni der Bundestag die Deckelung der Solarförderung aufgehob.

Im vergangenen Jahr beendete die deutsche Solarbranche ihre mehrjährige Durststrecke. 2019 wurden Photovoltaik-Anlagen mit einer Leistung von fast vier Gigawatt gebaut – rund 30 Prozent mehr als 2018. Solarenergie deckt aktuell neun Prozent des Stromverbrauchs hierzulande.

Deutschland braucht mehr Sonnenenergie

Das reicht nicht. Um die Klimaziele zu erreichen, muss die Nutzung der Sonnenenergie deutlich ausgebaut werden. Wenn bis 2030 erneuerbare Energien 65 Prozent des Stroms liefern sollen, müsste ab 2022 die jährliche installierte Photovoltaik-Leistung verdreifacht werden, hat Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft, ausgerechnet. Ansonsten drohe ab Mitte der 2020er-Jahre infolge des Atom- und Kohleausstiegs eine Stromerzeugungslücke.

Die Herstellung von Solarstrom ist inzwischen so günstig geworden, dass es schon erste Projekte gibt, die ohne öffentliche Subventionen auskommen. "Was sich da abzeichnet, ist sensationell", sagt Körnig. Der Versorger EnBW kündigte 2019 an, ohne Subventionen den größten Solarpark Deutschlands in Brandenburg zu errichten.

Weltweiter Solarboom

Während Deutschland allmählich wieder Fahrt aufnimmt, boomt die Solarenergie in anderen Ländern bereits. Weltweit wurden laut Bloomberg New Energy Finance Anlagen mit einem Volumen von 135 Gigawatt errichtet. Das ist mehr als eine Verdoppelung gegenüber dem Niveau von 2017.

Sollte der Demokrat Joe Biden in den USA die Präsidentschaftswahlen gewinnen, würde er einen gigantischen "New Green Deal" auf den Weg bringen. Seinen Plänen zufolge soll eine Billion Dollar in erneuerbare Energien investiert werden.

Für Solaraktien scheint wieder die Sonne

Die Hoffnung auf einen gigantischen Solarboom in der Welt hat zuletzt einigen Solaraktien wieder Auftrieb gegeben. Die Papiere von Solar Edge, First Solar und Canadian Solar legten zweistellig zu.

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Von den einst 16 börsennotierten deutschen Solarfirmen sind heute nur noch ganz wenige übrig, darunter der Wechselrichterhersteller SMA Solar aus Kassel. Die Aktie ist seit Anfang August um 60 Prozent nach oben gesprungen. Die Papiere der Projektbetreiber wie Encavis haben seit Jahresbeginn gut 50 Prozent an Wert zugelegt.

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Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN-ANHALT am 17. Juli 2020 um 05:00 Uhr.

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