Türkische Zentralbank

Nach Führungswechsel Türkische Zentralbank senkt Leitzins

Stand: 25.07.2019 16:37 Uhr

Der türkische Präsident Erdogan hat sich durchgesetzt: Die Zentralbank hat erstmals seit vier Jahren den Leitzins gesenkt - und das drastisch. Anfang Juli hatte Erdogan den Notenbankgouverneur aus seinem Amt gedrängt und durch dessen Vize ersetzt.

Wovon US-Präsident Donald Trump träumt, hat sein Amtskollege Erdogan geschafft: Erst feuerte er den türkischen Notenbankchef, und nun sinkt auch noch der Leitzins - und zwar deutlich von 24 auf 19,75 Prozent. Gut drei Jahre nach dem gescheiterten Putschversuch hat Recep Tayyip Erdogan nun Einfluss auf eine weitere nationale Institution genommen und mischt sich in die Geldpolitik ein.

Vor zweieinhalb Wochen hatte der "starke Mann am Bosporus" den bisherigen Zentralbankchef Murat Cetinkaya per Dekret entlassen, weil er die Märkte verunsichert habe. Tatsächlich hatte Cetinkaya dem Drängen Erdogans nicht nachgegeben, die Zinsen zu senken.

ARD-Börse: Erdogan entlässt Zentralbankchef - Lira unter Druck [8.7.19]

25.07.2019 17:49 Uhr

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Überraschend kräftiger Zinssenkungsschritt

Cetinkayas Nachfolger, sein ehemaliger Stellvertreter Murat Uysal, hat nun das nachgeholt, was Erdogan will. Der neue Notenbankgouverneur hat den Leitzins um gleich 4,25 Prozentpunkte reduziert. Einen solch radikalen Schritt hatten nicht mal die kühnsten Ökonomen erwartet. Sie hatten bestenfalls eine Senkung um 2,0 bis 3,0 Prozentpunkte vorhergesagt.

Zur Begründung ihrer Entscheidung erklärten die Währungshüter, dass die jüngsten Wirtschaftsdaten "eine moderate Belebung der Wirtschaftsaktivitäten anzeigen". Sie verwiesen vor allem auf die hohen Einnahmen im Tourismussektor und einen positiven Trend bei der Inflation. Nach einem Hoch von 25 Prozent im Oktober 2018 ist die Teuerungsrate im Juni dieses Jahres auf 15,7 Prozent zurückgegangen.

Lira zieht etwas an

Die Finanzmärkte reagierten verhalten positiv auf die Entscheidung der Zentralbank. Kurz nach Verkündung der Zinssenkung stieg die türkische Lira zwischenzeitlich bis auf 0,1764 US-Dollar. "Fraglich ist, ob die Zentralbank im weiteren Verlauf die Lira weiter stützen kann und ob sie die Mittel auch dafür hat", kommentierte Marktanalyst Salah Bouhmidi von DailyFX Research. Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung rund 7,5 Prozent ihres Werts zum Dollar verloren, nachdem sie im Vorjahr bereits 30 Prozent eingebüßt hatte.

Weitere Kursinformationen zu Türkische Lira in US-Dollar

Die Lira war im August 2018 inmitten eines Streits mit den USA um die Inhaftierung eines US-Pastors dramatisch eingebrochen. Hinzu kamen Zweifel an der Unabhängigkeit der Zentralbank, nachdem Erdogan angekündigt hatte, die Kontrolle über die Bank verstärken zu wollen. Nach monatelanger Untätigkeit hob sie im September aber den Leitzins um 6,25 Prozentpunkte an. Seither hatte sich die Lira stabilisiert.

Ökonomen sind skeptisch

Mittelfristig dürfte aber die Lira wohl wieder unter Druck kommen, nicht zuletzt wegen der erneuerten Zweifel an der Unabhängigkeit der Geldpolitik. Schwellenländerexpertin Phoenix Kalen von der Société Générale befürchtete bereits vor zwei Wochen, dass die Notenbank die Zinsen nun aggressiv senken werde. Die Absetzung des Notenbankchefs sieht sie als Zeichen dafür, dass Erdogan sein Diktat in der Geldpolitik durchsetzt und die Wirtschaftspolitik streng kontrolliert.

Erdogan riskiere, dass die türkische Wirtschaft auf einen Kollaps zusteuere – ähnlich wie in Venezuela, glaubt gar Jan Dehn, Chefanalyst der auf Schwellenländer spezialisierten Vermögensverwalters Ashmore. Letzter Ausweg seien dann Kapitalkontrollen und Verstaatlichungen, sagte er in der "Welt".

Nicht ganz so pessimistisch äußert sich Lucas Irisik, Fondsmanager bei Nikko Asset Management. Er geht davon aus, dass die Notenbank den Leitzins in den kommenden zwölf Monaten auf 14 Prozent senken werde. Das verbesserte Preisverhalten im Inland und ein günstigeres externes Umfeld, in der die Fed wohl an der Zinsschraube drehen wird, verschaffe der Notenbank den nötigen Spielraum, ihre Geldpolitik zu lockern. Sollten die Währungshüter aber übermäßig radikale geldpolitische Maßnahmen vornehmen und dadurch die Lira weiter schwächen, würden sie einen erneuten Konjunktureinbruch riskieren, warnt Irisik.

ARD-Börse: Schlittert die Türkei tiefer in die Lira-Krise? [7.5.19]

25.07.2019 17:49 Uhr

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Fitch senkt Bonitätsnote

In der vergangenen Woche hat die Ratingagentur Fitch die Kreditwürdigkeit der Türkei zurückgestuft - auf "BB-" mit negativem Ausblick. Damit steht die Türkei auf gleichem Niveau wie Griechenland und Bangladesch. Als Grund für die Abstufung nannte Fitch die sinkende Unabhängigkeit der Institutionen und die mangelnde Glaubwürdigkeit der Politik.

Die Niederlage bei den Bürgermeisterwahlen in Istanbul hat Erdogan nicht zum Umdenken gebracht. Die Hoffnung, dass der Präsident wieder pragmatischer werde und auf den erfolgreichen wirtschaftspolitischen Kurs seiner ersten Amtsjahre zurückkehre, hat sich spätestens mit dem jüngsten Angriff auf die Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank zerschlagen. "Der Leopard ändert seine Flecken nicht", sagt Société-Générale-Expertin Kalen resignierend.

Streit mit den USA könnte Wirtschaft noch mehr belasten

Zur zusätzlichen Belastung für die türkische Wirtschaft und Währung könnte der außenpolitische Streit mit den USA und der EU werden. Weil die Türkei das russische Raketenabwehrsystem S-400 kauft, drohen die USA mit Sanktionen. Zudem kollidieren die Interessen der Türkei und der USA auch in vielen anderen Politikfeldern.

Erdogan hat Zinsen wiederholt als "Instrumente der Ausbeutung" und als "Mutter und Vater allen Übels" bezeichnet. Erdogan glaubt - entgegen aller Lehrbuchmeinungen -, dass Zinssenkungen die Inflation bekämpfen. Die gängige Lehre besagt jedoch, dass niedrigere Zinsen die Inflation befördern.

nb

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete die Deutsche Welle am 25. Juli 2019 in den Wirtschaftsnachrichten.

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