Jens Weidmann | Bildquelle: picture alliance/AP Photo

Neuer EZB-Chef Wie wäre es mit Weidmann?

Stand: 19.04.2018 11:50 Uhr

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Bundesbank-Präsident Weidmann der nächste EZB-Chef wird. Was würde das für Sparer bedeuten? Klar ist: Den Aktienmärkten dürfte es nicht gefallen.

Von Lothar Gries, boerse.ard.de

Ob Jens Weidmann auch so gehandelt hätte wie Mario Draghi, der mitten in der Schuldenkrise im Sommer 2012 verkündete "alles Mögliche zu tun, um den Euro zu retten"? Drei Worte - "whatever it takes" - die wohl in die Geschichte eingehen werden als ein entscheidender Wendepunkt in der bis dahin zusehends eskalierenden Euro-Krise.

Angelsächsische Experten, aber auch französische und italienische Fachleute glauben, dass ein ordnungspolitisch fixierter Hardliner aus der Bundesbank - und als solcher gilt Weidmann - damals lieber den Zusammenbruch der Währungsunion riskiert hätte, als sie mit Hilfe unorthodoxer Maßnahmen zu retten.

"Warum eigentlich kein Deutscher"

Weidmann und Draghi
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Jens Weidmann (l.) Präsident der Bundesbank und EZB-Präsident Mario Draghi im Gespräch

Doch Mario Draghis Amtszeit endet im Herbst nächsten Jahres - und mit der Entscheidung für den Südeuropäer Luis de Guindos als neuen EZB-Vize sind die Aussichten von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann auf den EZB-Chefsessel gestiegen. Frei nach dem Motto "warum eigentlich kein Deutscher", nachdem bereits ein Niederländer, ein Franzose und ein Italiener die Notenbank geleitet haben.

Die Mehrheit der Mandatsträger in der Union dürfte zwar in diese Richtung tendieren. Noch ist aber keine Entscheidung gefallen. "Es liegt jetzt kein Diskussions- und erst recht kein Entscheidungsbedarf vor", verkündete der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert zuletzt Ende Februar. Dennoch bleibt die Frage, was mit einem möglichen Präsidenten Weidmann an der Spitze der Europäischen Zentralbank auf die Devisen- und Finanzmärkte zukommen könnte?

Beendet Weidmann die Nullzinspolitik?

Dürfen Sparer auf ein Ende der Nullzinspolitik hoffen und müssen Aktien- und Immobilienbesitzer genau das fürchten? Oder müsste Jens Weidmann, konfrontiert mit der Realität, seine harte Linie aufweichen? Tatsächlich dürfte den Aktienmärkten eine Nominierung Weidmanns zum nächsten EZB-Präsidenten ganz und gar nicht gefallen.

Markterwartungen zu den Leitzinsen
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Markterwartungen zu den Leitzinsen

Denn Weidmann wird nicht müde, eine baldige "Normalisierung" der Geldpolitik, sprich eine Anhebung des Leitzinses, zu fordern. Und steigende Leitzinsen sind ja bekanntlich Gift für die Aktienmärkte, machen sie diese Form der Anlage doch unattraktiver. Auf keinen Fall dürften die Zinsen länger so niedrig bleiben wie derzeit, forderte der Bundesbank-Chef auf einer Veranstaltung Ende März in Wien. Und weiter: "Die Märkte sehen eine erste Zinsanhebung etwa zur Mitte des Jahres 2019, was wohl nicht ganz unrealistisch ist."

Kein Spielraum für restriktivere Geldpolitik

Unter einem Präsidenten Weidmann dürfte die Notenbank also das Ende der Nullzinspolitik einleiten. Eine besonders in Deutschland willkommene Trendwende, da viele Menschen hierzulande noch immer auf das Sparbuch setzen und risikoreichere Anlagen wie Aktien scheuen.

Auch geht es Weidmann darum, das gewaltige Kaufprogramm für Staats- und Unternehmensanleihen zu beenden. Dies sei "der Anfang eines mehrjährigen Prozesses der geldpolitischen Normalisierung", tönte er kürzlich. Experten zufolge ist der Spielraum für eine restriktivere Geldpolitik sehr begrenzt. Die Konjunktur in der Eurozone scheint ihren Zenit überschritten zu haben. Eine zu harte Zinswende würde sie also unnötig belasten. Zudem bleibt die Verschuldung einiger Euro-Mitgliedsländer wie Italien so hoch, dass ein rascher Anstieg des Leitzinses das Land in die Krise stürzen könnte. Allerdings ist Weidmann Realist genug, um zu wissen, dass allzu schnelle Bewegungen in der Geldpolitik die Stabilität der Finanzmärkte bedroht - ein Szenario, das auch die "Falken" unter den Notenbankern fürchten.

Ein Falke wird keine Taube

Die anhaltend moderate Preisentwicklung - die Inflation in der Eurozone verharrt unter der von der Notenbank angestrebten Rate von zwei Prozent - verlangt ohnehin keine drastische Anhebung des Leitzinses. Auch am Anleihemarkt dürfte sich die Reaktion auf eine Berufung Weidmanns in Grenzen halten. So strebt die EZB nach dem Abgang des Italieners Draghi sowieso ein Ende der Anleihekäufe an. Der bereits seit Monaten zu beobachtende Anstieg der Renditen dürfte sich also kaum beschleunigen, erklären Volkswirte.

Würde sich der "Falke" Weidmann im Amt des EZB-Präsidenten also in eine "Taube" verwandeln? Wohl kaum. Doch der gebürtige Solinger, der am 20. April 1968 das Licht der Welt erblickte, hätte bei jeder Entscheidung hin zu einer weniger expansiven Geldpolitik mit erbittertem Widerstand aus Südeuropa zu kämpfen. Dort gilt Weidmann als Interessenvertreter deutscher Kleinsparer, die auf rasch steigende Zinsen drängen.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Februar 2018 um 05:55 Uhr, 17:09 Uhr und 23:30 Uhr.

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