Ein Lastwagen an der Grenze in Calais | Bildquelle: dpa

Brexit-Auswirkungen Die Last der britischen Exporteure

Stand: 14.01.2021 15:35 Uhr

Das mutierte Virus hat die britische Wirtschaft infiziert. Wegen des harten Lockdowns steht das Vereinigte Königreich vor einer erneuten Rezession. Zudem kostet der Brexit die britischen Exporteure Milliarden.

Zwar gibt es inzwischen an den Grenzübergängen keine Staus mehr, aber der Brexit-Papierkram dürfte die britische Exportwirtschaft im laufenden Jahr schwer belasten. Seit Jahresbeginn müssen sie für einen zollfreien Export nachweisen, dass die Produkte überwiegend im Königreich hergestellt wurden. Hinzu kommen viele nicht-tarifäre Handelshemmnisse wie Gesundheits- und Sicherheitszertifikate, Ursprungsnachweise für Produkte und teils neue Gebühren. Auf EU-Importe und -Exporte fällt nun Mehrwertsteuer an. Gut 250 Millionen Zollerklärungen müssen jährlich für den Handel mit der EU ausgefüllt werden. Aktuell werde etwa jeder fünfte Lastkraftwagen an dem Kanalübergängen abgewiesen, moniert Ana Boata, Leiterin Makroökonomie bei Euler Hermes.

Belastungen von bis zu 25 Milliarden Pfund

Der Kreditversicherer hat ausgerechnet, wie stark der Brexit die britische Wirtschaft bremst. Demnach seien durch den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union bei den Exporteuren im Königreich Einbußen in Höhe von zwölf bis 25 Milliarden Pfund (umgerechnet 13,5 bis 28,1 Milliarden Euro) zu erwarten. Das entspricht einem Verlust von 0,6 bis 1,1 Prozentpunkten des jährlichen BIP. Das gesamte Volumen der britischen Exporte in die EU wird auf 165 Milliarden Pfund geschätzt.

Neben der zunehmenden Bürokratie sieht Euler Hermes die schwache Nachfrage und die Abwertung des britischen Pfunds als die größten Belastungsfaktoren durch den Brexit. Laut ihrer Prognose dürfte die britische Währung in diesem Jahr um drei Prozent an Wert verlieren.

Brexit dämpft BIP-Wachstum

2021 wird nach Einschätzung von Euler Hermes die britische Wirtschaftsleistung nur um 2,5 Prozent wachsen - wegen der Brexit-Übergangsfrist und der Pandemie. Im ersten Quartal werde das BIP im Vergleich zum vorherigen Quartal um 5,5 Prozent einbrechen und das Vereinigte Königreich in eine erneute Rezession stürzen. Im vergangenen Jahr dürfte die britische Wirtschaft um voraussichtlich elf Prozent geschrumpft sein.

Am stärksten unter dem Brexit leiden dürften die Firmen, die mit Mineral- und Metallprodukten handeln. Auch die Maschinenbauer, die Elektrogeräte-Hersteller, die Transportausrüstungsfirmen sowie die Chemie- und Textilbranche sind laut der Studie von Euler Hermes am meisten betroffen.

Trotz der Umsatzeinbußen sei aber die Sorge vor einer Unterbrechung der Lieferketten weniger begründet als bisher angenommen, heißt es weiter in der Studie. So habe eine kürzlich durchgeführte Umfrage zur Lieferkette ergeben, dass britische Unternehmen bereits versuchen, ihre Lieferkette näher an das Heimatland zu verlagern. Mehr als ein Drittel von ihnen suche nach inländischen Lieferanten.

Zehn Milliarden Euro Exportverluste in EU-Ländern

Umgekehrt sind auch die Belastungen für die europäische Exportwirtschaft nicht so groß wie ursprünglich angenommen. Euler Hermes beziffert die Einbußen für die EU-Exporte nach Großbritannien auf zehn Milliarden Euro. Ursprünglich war der Kreditversicherer von 18 Milliarden Euro an Belastungen ausgegangen. Die sechsmonatige Übergangsfrist schaffe Planungssicherheit und halbiere die Exportverluste, erklärte Euler Hermes. Am stärksten betroffen ist die deutsche Exportwirtschaft mit Einbußen von rund zwei Milliarden Euro.

Der britische Premier Boris Johnson hatte die Verzögerungen, die derzeit an Häfen und Grenzen durch neue Kontrollen und Abfertigungen entstehen, als Übergangsprobleme abgetan, die bald erledigt seien.

Der EU-Brexit-Unterhändler Michel Barnier stimmte zu, dass "Pannen, Probleme, Zusammenbrüche" über die nächsten Wochen und Monate ausgeräumt werden könnten. In der "Financial Times" betonte er jedoch auch, dass beide Seiten sich an die neuen Notwendigkeiten gewöhnen müssten. "Dieses Abkommen wird nicht neu verhandelt, es muss nun implementiert werden", so Barnier.

Briten exportieren vor allem Autos und Öl

Die EU ist der wichtigste Handelspartner des vereinigten Königreichs. Gut die Hälfte der britischen Exporte gehen in die EU. Großbritannien exportiert vor allem Autos und Öl, Pharmaprodukte und Gasturbinen in die EU.

Der Pakt mit der EU schließt aber nicht das volle Ausmaß des Dienstleistungssektors ein, der etwa 80 Prozent der britischen Wirtschaft ausmacht. Für Firmen in diesem Bereich, die sich stark auf Geschäfte mit der EU stützen, sieht die Zukunft trüber aus. 

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