Automobil Fabrik in Weifang | Bildquelle: AFP

Wachstum nach Corona Stimmen Chinas neue Daten?

Stand: 16.07.2020 07:39 Uhr

Nach heftigen Einbrüchen während der Corona-Krise erholt sich Chinas Wirtschaft rasant. Ökonomen in aller Welt sehen das als positives Signal. Doch kann man den Zahlen tatsächlich trauen?

Von Daniel Satra, ARD-Studio Peking

Viele blicken seit Wochen mit Hoffnung nach China. Denn wenn es in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt voran geht, profitieren davon Märkte weltweit.

Abgesehen vom positiven BIP-Wachstum im ersten Halbjahr hatte auch Chinas Zollbehörde verheißungsvolle Import- und Exportzahlen veröffentlicht. Erstmals lagen diese im Juni wieder im Plus, die Ausfuhren legten um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu.

"Die guten Exportzahlen sind für mich die Überraschung schlechthin", sagt Max Zenglein, Chefökonom am Mercator Institut für China Studien (MERICS). Doch kann man den Zahlen trauen?

Beobachter sind skeptisch

Seit jeher sind Beobachter skeptisch, wenn Chinas Behörden Zahlen vorlegen. Stets besteht der Verdacht, dass schon Beamte in den Provinzen die Zahlen schönen, um in Peking nicht anzuecken.

Die Führung in Peking wiederum könnte die nationalen Zahlen weiter frisieren, um dem Volk zu gefallen. Zwar wird Chinas Regierung nicht gewählt, dennoch legitimiert sich das kommunistische Regime seit Jahrzehnten mit wirtschaftlichen Erfolgen und einem Wohlstandsversprechen an alle Chinesen.

"Monatlich beziehungsweise quartalsweise werden eine Bandbreite von makroökonomischen Zahlen veröffentlicht. Ich würde sagen, dass sich zumindest auf nationaler Ebene die Datenqualität in China in den letzten Jahren durchaus verbessert hat", sagt Max Zenglein.

Die leicht gestiegenen Exportzahlen sind durchaus realistisch, glaubt auch Dan Wang, Analystin der Economist Intelligence Unit (EIU) in Peking. Bei Angaben über das Bruttoinlandsprodukt stimme zumindest die grundlegende Tendenz: "Die Zahl des Gesamtwachstums kann größer sein als die Markterwartung, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass es sich um gefälschte Daten handelt“.

Problematische Arbeitsmarktdaten

Chinas Arbeitsmarktdaten hingegen seien ein Problem, sagt Max Zenglein vom MERICS. Sie seien extrem unzuverlässig, insbesondere in puncto Arbeitslosigkeit.

So prognostiziert die EIU eine Arbeitslosenquote bei der städtischen Bevölkerung von rund zehn Prozent für 2020. Die offizielle Statistik lag bisher nur um die sechs Prozent. Wie genau die Datengrundlage aussieht, bleibt unklar - auch plötzliche Veränderungen wirken sich aus.

So zählen seit einigen Wochen eigentlich arbeitslose Uni-Absolventen nicht mehr in die Arbeitslosenstatistik, wenn sie zum Beispiel als Gamer oder Blogger Kleinsteinkommen erzielen.

Laut Dan Wang von EIU steht es um Chinas Arbeitsmarkt so schlecht wie zuletzt in der 1960er-Jahren. "Wir gehen davon aus, dass 100 Millionen Menschen von Lohnkürzungen von zehn bis 50 Prozent betroffen sind“, sagt die Pekinger Analystin.

Auch Max Zenglein von MERICS ist derzeit nur verhalten optimistisch: "Noch ist die wirtschaftliche Erholung in China auf wackligen Beinen. Erst im nächsten Quartal sollten wir einen besseren Einblick erhalten, ob diese Entwicklung nachhaltig ist."

Globale Absatzmärkte schwächeln

Ein Problem ist, dass die globalen Absatzmärkte für chinesischen Waren schwächeln. "Die Weltwirtschaft ist noch nicht über den Berg, das wird sich in den kommenden Monaten auch wieder in Chinas Exporten widerspiegeln", glaubt Max Zenglein.

Für Dan Wang vom EIU stehen vor allem kleinere Privatunternehmen in China vor unlösbaren finanziellen Problemen: "Obwohl die Regierung angekündigt hat, großzügige Kredite bereitzustellen, wollen Banken in der Praxis das Risiko mit kleinen Kreditnehmern nicht eingehen. Stattdessen vergeben Banken die meisten Kredite an staatliche Unternehmen und große private Konzerne wie Huawei und Alibaba.“

Rückenwind für Staatskonzerne

Damit setzt sich ein Trend fort, vor dem Beobachter schon vor Corona warnten: Staatskonzerne bekommen viel Rückenwind von Chinas Führung - wohl auch, weil sie diese verpflichten kann, trotz schlechter Auftragslage Arbeitsplätze zu sichern und so für soziale Stabilität im Land zu sorgen.

Ob solche staatlichen Interventionen auf längere Sicht erfolgversprechend sind, bezweifeln viele. Dabei spielt China in Zeiten von Corona eine wichtige Rolle als Zugpferd einer globalen Erholung, glaubt Max Zenglein vom MERICS: "Die chinesische Wirtschaft sieht sicherlich am ehesten Licht am Ende des Tunnels. Je schneller das geschieht, desto besser auch für die Weltwirtschaft. Ich bin allerdings derzeit nur verhalten optimistisch. Noch ist die wirtschaftliche Erholung in China auf wackligen Beinen".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Juli 2020 um 06:00 Uhr.

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