Ein Arbeiter geht in einer Fabrik in Zouping (China) neben Aluminiumrollen | Bildquelle: AFP

Chinas Wirtschaftswachstum Ökonomen zweifeln an offizieller Zahl

Stand: 17.01.2020 13:27 Uhr

Chinas Wirtschaft hat 2019 das schwächste Wachstum seit 30 Jahren hingelegt. Analysten halten sogar die amtliche Zahl von 6,1 Prozent für zu hoch gegriffen. Staatskonzerne ächzen unter ihren Schulden.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

6,1 Prozent Wirtschaftswachstum: Das ist deutlich mehr als in allen europäischen Staaten. Doch in China bedeuten 6,1 Prozent das geringste Wachstum seit rund 30 Jahren. In jedem Fall entspricht dieser Wert dem, was Experten erwartet hatten.

Ning Jizhe, der Leiter der chinesischen Statistikbehörde, betonte, dass sich der Wert sehen lassen könne: "Die Wirtschaft der USA ist 2019 um etwa 2,3 Prozent gewachsen. Japan und der Euro-Raum liegen etwas über einem Prozent, Indien erreicht etwas mehr als 5 Prozent. China ist mit 6,1 Prozent unter den großen Volkswirtschaften immer noch Weltmeister."

Entscheidend ist der Trend: Verglichen mit dem Vorjahr hat sich das chinesische Wirtschaftswachstum 2019 weiter abgeschwächt, und zwar um 0,5 Prozentpunkte.

"Handelsabkommen als Waffenstillstand"

Ein Grund dafür ist nach Angaben der chinesischen Statistikbehörde die nicht mehr ganz so glänzende Kauflaune der Verbraucher. Natürlich belastet auch der Handelskonflikt mit den USA die chinesische Wirtschaft. Wegen der amerikanischen Extra-Zölle leiden vor allem exportorientierte Firmen.

Daran wird auch der vorgestern geschlossene erste Handelspakt zwischen China und den USA wenig ändern, denn die gegenseitigen Sonderzölle bleiben zunächst bestehen. Gut tun werde das so genannte Phase-Eins-Handelsabkommen der chinesischen Wirtschaft trotzdem, sagt Wang Tao, China-Chefvolkswirtin der Schweizer Großbank UBS: "Das ist wie ein Waffenstillstand. Es herrscht weniger Unsicherheit. Das ist ganz grundsätzlich gut für die Wirtschaft und für den Welthandel."

Eines der größten Risiken für Chinas Wirtschaft in diesem Jahr sei die Gefahr, dass sich der Handelskonflikt wieder zuspitze, sagt Wang Tao.

Hausgemachte Probleme

Viele Analysten warnen allerdings auch davor, bei Chinas Wirtschaft nur auf den Handelskonflikt mit den USA zu blicken, denn die Volksrepublik habe auch viele hausgemachte Probleme.

Viele Staatskonzerne zum Beispiel sind enorm verschuldet. Belastend sei auch die häufig schlechte Produktivität und Innovationskraft chinesischer Unternehmen. Die große Frage bleibt außerdem, wie glaubwürdig die amtlichen chinesichen Wachstumszahlen überhaupt sind. Immer mehr nicht-chinesische Analysten halten die heute veröffentlichten 6,1 Prozent für viel zu hoch.

"Die offiziellen Wachstums-Zahlen sind bestenfalls ein Indikator für die wirtschaftlichen Gesamtaktivität in China. Ob die Wirtschaft durch diese Aktivität wirklich wächst, ist eine ganz andere Frage. Mit den realen Vorgängen der zugrunde liegenden Wirtschaft haben die Zahlen wenig zu tun", sagt Michael Pettis, Finanzprofessor an der Peking-Universität.

Wenn es wirklich wichtig wird, blicken Ökonomen in China gerne auf andere Zahlen: zum Beispiel auf die Stimmung der Einkaufsmanager in Unternehmen, auf den Stromverbrauch der Industrie und auf die Zahl von Containern, die in chinesischen Häfen umgeschlagen werden.

China: Wirtschaft wuchs 2019 um 6,1 Prozent - aber Zweifel an der Zahl
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
17.01.2020 11:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 17. Januar 2020 um 13:20 Uhr.

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