Eine Hand hält einen Glasbehälter mit einem Covid-19-Impfstoff. | Bildquelle: picture alliance / Bildagentur-o

Corona-Pandemie Das Geschäft mit dem Impfstoff

Stand: 24.09.2020 15:53 Uhr

Selten wurde weltweit ein Mittel so sehnsüchtig erwartet wie ein wirksamer Corona-Impfstoff. Doch woher kommt das Geld für die Forschung, wer profitiert womöglich? Und wer bekommt das Mittel zuerst?

Von Oda Lambrecht und Christian Baars, NDR

Thomas Cueni (Screenshot)
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IFPMA-Generaldirektor Cueni sagt, die Pharmafirmen seien sich ihrer Verantwortung bewusst.

"Es geht hier nicht darum, dass zum Schluss eine große Rendite rauskommt," so kommentierte ausgerechnet der Generaldirektor des Internationalen Pharmaverbandes IFPMA, Thomas Cueni, die Corona-Impfstoff-Entwicklung. Sein Verband vertritt die großen Unternehmen, nicht aber die vielen kleinen Biotech-Firmen, die derzeit an Impfstoffen forschen.

Die Pharmafirmen hätten ein Verantwortungsgefühl, so Cueni im Mai gegenüber dem NDR, es gehe darum, einen bezahlbaren Impfstoff zu liefern - nicht nur in den reichen Industriestaaten, sondern auch in den Entwicklungsländern. Ein Versuch, das Image der Pharmaindustrie aufzupolieren? Oder ist in Pandemiezeiten wirklich alles anders?

Immerhin sagte der britische Pharmakonzern AstraZeneca bereits zu, lediglich 2,50 Euro pro Dosis zu nehmen. Und auch das US-amerikanische Unternehmen Johnson & Johnson erklärte, man strebe hier keinen Profit an. Ihren Impfstoff wollen sie für zehn Dollar pro Dosis liefern - also zumindest deutlich teurer als das Mittel von AstraZeneca, aber noch günstiger als andere.

Kein kompletter Verzicht auf Profit

Einige Firmen haben in der Zwischenzeit deutlich gemacht, dass sie nicht gänzlich auf Gewinne verzichten wollen. "Wir können es nicht zum Selbstkostenpreis machen", sagte kürzlich etwa der Finanzchef von Curevac, Pierre Kemula, in einem Interview mit der "Financial Times". Für die Investoren sollte es "eine kleine Rendite geben". Wie hoch der Preis für den Impfstoff sein soll, hat Curevac allerdings noch nicht verkündet.

Auch das Mainzer Unternehmen Biontech, das mit dem US-Konzern Pfizer zusammen einen Corona-Impfstoff entwickelt, will nicht gänzlich auf Profit verzichten, wie ein Vertreter von Pfizer im Sommer bei einer Anhörung vor dem Kongress in Washington darlegte. Sie vereinbarten mit der US-Regierung für die ersten 100 Millionen Einheiten einen Preis von 19,50 Dollar pro Dosis. Die US-Firma Moderna will je nach Vertrag sogar bis zu 37 Dollar nehmen.

Die Preise können nach Angaben des Pharmaverbands IFPMA unterschiedlich hoch ausfallen - abhängig etwa von der Menge des bestellten Wirkstoffs oder dem jeweiligen Einkommen des Landes.

Gewinn dank steigender Aktienkurse

Unabhängig vom späteren Preis haben Führungskräfte von Moderna bereits profitiert, bevor der Impfstoff überhaupt zugelassen wurde. Mehrere Vorstandsmitglieder haben seit Beginn dieses Jahres immer wieder Anteile an ihrer Firma verkauft. Da in dieser Zeit der Aktienkurs deutlich gestiegen ist, haben sie damit viel Geld verdient - zusammen weit über 100 Millionen Dollar, wie US-Medien ausgerechnet haben. Warum sie die Anteile verkauft haben, ist allerdings unklar. Auf eine Anfrage des NDR dazu, reagierte das Unternehmen nicht.

Die Frage nach Profiten von Investoren und Unternehmen ist hier auch deshalb besonders relevant, weil viele Regierungen Impfstoffentwickler großzügig mit Steuergeld unterstützen. Deutschland beispielsweise hat ein Sonderforschungsprogramm in Höhe von 750 Millionen Euro aufgelegt. Daraus erhält das Mainzer Unternehmen Biontech bis zu 375 Millionen und die Tübinger Firma Curevac bis zu 252 Millionen Euro. Damit sollen die laufenden klinischen Studien unterstützt und die Produktionskapazitäten ausgebaut werden.

Bereits zuvor war bei Curevac der Bund sogar mit 300 Millionen Euro als Investor eingestiegen. Über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hält der Bund damit einen Anteil von derzeit etwa 17 Prozent an dem Impfstoff-Entwickler aus Baden-Württemberg. Auch andere Länder wie etwa Großbritannien und die USA fördern Unternehmen mit öffentlichem Geld.

Reiche Länder sichern sich Lieferungen

Im Gegenzug sichern sich die Regierungen Impfstoff-Lieferungen für ihre Bevölkerungen. Die US-Firma Moderna hat beispielsweise 955 Millionen Dollar zur Entwicklung ihres Mittels erhalten und im August einen Vertrag mit der Regierung zur Lieferung von 100 Millionen Dosen zum Preis von etwa 1,5 Milliarden Dollar abgeschlossen.

In Deutschland erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der Bund habe mit Curevac und Biontech jeweils eine Lieferung von jeweils 40 Millionen Dosen vereinbart. Darüber hinaus sei bereits über die EU vertraglich gesichert, dass Deutschland 54 Millionen Dosen vom Hersteller AstraZeneca erhalte - jeweils unter der Voraussetzung, dass die Mittel zugelassen werden. Kürzlich hat die EU einen weiteren Vertrag mit den Pharmafirmen GlaxoSmithKline (GSK) und Sanofi geschlossen, die gemeinsam an einem Corona-Impfstoff arbeiten.

Doch klar ist, die Produktionskapazitäten sind begrenzt und deshalb können nicht alle sofort versorgt werden, selbst wenn alles gut läuft und sich mehrere der aktuellen Impfstoffkandidaten in den kommenden Monaten als wirksam und sicher erweisen sollten.

WHO setzt sich für gerechte Verteilung ein

Die Weltgesundheitsorganisation WHO plädiert deshalb dafür, dass überall zunächst medizinisches Personal und Risikogruppen geimpft werden sollten. Dafür hat sie gemeinsam mit den Organisationen GAVI und CEPI die Initiative Covax gestartet. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus hat in den vergangenen Wochen immer wieder um Unterstützung geworben und erklärt: "Niemand ist sicher, bevor nicht jeder geschützt ist."

Tedros Adhanom Ghebreyesus bei der WHO-Konferenz zum Coronavirus in Genf | Bildquelle: dpa
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WHO-Chef Tedros ruft die Länder weltweit dazu auf, nicht egoistisch zu handeln.

Das Ziel der Initiative ist, rund zwei Milliarden Impf-Dosen bis Ende 2021 zu verteilen. Das würde für etwa eine Milliarde Menschen reichen, da voraussichtlich zwei Dosen pro Person nötig sind. Bislang haben 156 Länder zugesagt, sich an der Covax-Initiative zu beteiligen, darunter 64 mit einem hohen Einkommen, die die ärmeren finanziell unterstützen wollen. Es sind aber längst nicht alle dabei. Die USA etwa sagten bereits ab. Mit China würden noch Gespräche laufen, teilte die WHO mit.

EU unterstützt WHO-Initiative mit 400 Millionen

Und Deutschland? Auf Anfrage des NDR zum konkreten deutschen Engagement schreibt das Bundesgesundheitsministerium: "Die Bundesregierung unterstützt ausdrücklich das mit den EU-Mitgliedsländern abgestimmte Engagement der Europäischen Kommission von Covax mit Finanzmitteln, Expertise und Produktionskapazitäten in Europa." Parallel teilte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit, dass es zusätzliche Mittel für die Covax-Initiative bereit stellen wolle. Die Höhe der Zusage stehe aber noch nicht fest, werde aber "in Kürze entschieden und bekannt gegeben".

Die EU hat bislang zugesagt, Covax mit insgesamt 400 Millionen Euro zu unterstützen, aus Mitteln der Europäischen Investitionsbank und des EU-Haushalts. Diese Summe würde allerdings wohl lediglich für eine Impfung von höchstens 80 Millionen Menschen reichen.

Es sei ermutigend zu sehen, dass sich eine große Anzahl von Ländern der Covax-Initiative anschließe, sagte WHO-Chef Tedros Anfang dieser Woche. "Aber wir stehen vor einigen gewaltigen Herausforderungen." Denn damit das Programm funktionieren könne, müsse es finanziert werden, so Tedros, und dafür fehlen noch etliche Milliarden.

Über dieses Thema berichtete am 24. September 2020 NDR Info um 06:41 Uhr in der Wirtschaft und tagesschau24 um 11:00 Uhr.

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Oda Lambrecht, NDR

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