Italien, Mailand: Ein Mann mit Mundschutz geht durch die fast menschenleere Galleria Vittorio Emanuele II (Archiv). | Bildquelle: dpa

Corona in Italien Wirtschaftliche Chancen in der Krise

Stand: 31.10.2020 10:30 Uhr

Italien leidet massiv unter der Corona-Krise - gesellschaftlich wie wirtschaftlich. Doch viele Unternehmer haben sich aus der anfänglichen Schockstarre gelöst und gehen neue Wege.

Von Elisabeth Pongratz, ARD-Studio Rom

Im drittgrößten Euro-Land, in Italien, ist die Wirtschaft infolge der Corona-Pandemie heftig eingebrochen. Schon zuvor sah es nicht rosig aus. Der Staat hatte im Laufe der Zeit hohe Schulden angehäuft. Nun werden sie nochmals zunehmen. Mit neuen Maßnahmen will sich die Regierung gegen die akute Krise stemmen.

Knapp 40 Milliarden Euro sind dafür vorgesehen. Sie sind gedacht für Schulen, Gesundheit, Wirtschaft, Arbeitsmarkt. Ein Teil davon soll auch über die Corona-Hilfen der Europäischen Union finanziert werden. Die Menschen haben sie bitter nötig, viele haben ihre Arbeit verloren, rutschen in die Armut. Mancherorts allerdings kommen die Unternehmen und damit auch die Arbeitnehmer gut durch die Krise. Bisher jedenfalls.

Schutzscheiben statt Duschkabinen

Wer in einem Hotel der Accor-Gruppe übernachtet, etwa im Sofitel oder im Mercure, hängt im Bad sein Handtuch vielleicht auf eine Stange von Inda. Die Produkte des italienischen Spezialisten für alles rund ums Bad sind auf der ganzen Welt zu finden, in Deutschland sind vor allem die Möbel beliebt. Die Heimat von Inda ist die Lombardei, rund 40 Kilometer östlich von Mailand.

Im Frühjahr hatte sich in dieser Gegend das Coronavirus rasend schnell ausgebreitet, Tausende starben. Auch jetzt steigen die Neuinfektionen wieder stark an. Bei Inda sind sie erleichtert, dass bisher keiner krank geworden ist, erzählt Claudio Martinolli. "Bis heute haben wir, obwohl wir über 400 Angestellte haben, keinen einzigen Covid-Fall gehabt."

Eine breite Produktpalette ist hilfreich

Auch geschäftlich haben sie bisher offenbar Glück. Normalerweise stellen sie auch Duschwände her, nun hat Inda die Produktion umgelenkt: auf die dringend benötigten Schutzscheiben aus Glas und Plexiglas. Insgesamt sei der Umsatz nur leicht zurückgegangen. Dem Unternehmen helfe momentan die große Produktpalette an Accessoires, Spiegel oder Leuchten, so Marketingchef Martinolli.

"Das Glück unserer Firma ist, dass wir viele Märkte und viele Vertriebswege haben." Es sei wie bei einem Aktionär, der viele Aktien kauft: "Einige gehen hoch, andere runter, aber im Großen und Ganzen ist das Ergebnis nicht schlecht." Gerade der deutsche Markt habe etwas zugelegt.

1944 hat Inda als handwerklicher Betrieb begonnen, zunächst mit Gegenständen aus Messing für das Badezimmer. Zug um Zug wuchs die Firma, heute gehört sie zur Samo Industries Group. Zu ihren Kunden zählen Privatleute ebenso wie Restaurants oder Hotels. Gerade diese leiden erheblich unter der Corona-Pandemie, in Italien mussten bereits viele zumachen.

Neue Auflagen werfen Gastronomie zurück

Nun gelten noch schärfere Corona-Regeln. Bars, Eisdielen und Restaurants müssen um 18 Uhr schließen. Der Gastronomieverband rechnet mit weiteren schweren Einbußen, beziffert sie auf 2,7 Milliarden Euro. Trotzdem scheinen manche die Krise bisher gut zu verkraften, meint Martinolli: "Da sprechen wir einmal von großen Ketten, die unter Umständen die Zeit der Schließung genutzt haben, um zu investieren, um zu modernisieren. Es ist also schon wahr, dass die Hotels und die Kreuzfahrtschiffe einen Rückgang von Gästen gehabt haben." Aber wahr sei auch, dass die Weitsichtigeren unter den Investoren die Zeit für Renovierungen genutzt haben.

Generell ist das Geschäft in Bars und Restaurants regelrecht eingebrochen. Von den rund 850.000 Angestellten in Italien habe im September jeder Zweite ohne Arbeit dagestanden, so der Gastronomieverband. Lockdown, kaum noch Touristen und nun noch strengere Sperrstunden - der Branche geht die Luft aus.

Das spüren auch diejenigen, die zuliefern, wie etwa Weingüter. In Umbrien, in Assisi, ist Tili Vini zu Hause. Die rund 100.000 Flaschen, die sie jedes Jahr herstellen, gehen in die USA, nach Japan und in viele europäische Länder, darunter Deutschland. Anna Laura Tili und ihre Familie bewirtschaften das Gut. Selbst wenn die Restaurants geöffnet haben, so ihre Beobachtung, werde weniger getrunken.

Die Kunden sparen am Wein

"Der Konsum ist viel weniger geworden", klagt Tili. "Kein Gast mehr wählt Antipasti, erster Gang, zweiter Gang, Nachtisch und so weiter. Jetzt wählen sie einen ersten Gang, vielleicht zu zweit, dann, wenn's gut läuft, jeder einen zweiten Gang." Und der Wein, der ein Luxusgut sei, habe das Nachsehen.

Normalerweise kommen auch viele Gäste auf das Gut. Ob ein typisches umbrisches Mittagessen, Winzer für einen Tag oder Kochkurs: Die Events bei den Tilis kamen an. Aber jetzt ist es ruhig, zu ruhig. Nun gehen sie vermehrt ins Digitale, erklärt Tili. "Wir haben zum Beispiel digitale Weinproben mit verschiedenen Familien veranstaltet. Eine Familie war in Hongkong, eine in England und eine in den USA. Wir mussten also eine Uhrzeit finden, zu der sich alle dazu schalten konnten, damit wir gemeinsam sprechen konnten."

Auch einen Online-Kochkurs bieten sie an, gerade der laufe in den USA sehr gut. Überhaupt wollen sie noch digitaler werden. Eine Chance in der schweren Krise. Vielleicht gebe es eines Tages auch Hilfe vom Staat, so hoffen sie. Denn die italienische Regierung will die Digitalisierung im ganzen Land vorantreiben. Auch dafür sollen die künftigen Hilfsgelder der Europäischen Union verwendet werden.

Wirtschaftliche Auswirkungen der Corona-Pandemie
Elisabeth Pongratz, ARD Rom
28.10.2020 16:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 25. Oktober 2020 um 06:54 Uhr.

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