Kaum Touristen auf dem Markuksplatz in Venedig | Bildquelle: REUTERS

Wirtschaftliche Folgen Corona stürzt Italien in die Krise

Stand: 06.03.2020 18:16 Uhr

Lombardei, Emilia-Romagna und nun Südtirol: Deutschland hat das Corona-Risikogebiet in Norditalien ausgeweitet. Für die so wichtige Tourismusbranche ist das eine Katastrophe. Rom hofft auf EU-Hilfe.

Von Sabina Matthey, ARD-Studio Rom

In Italien macht der Reisehinweis des Auswärtigen Amtes für Südtirol keine Schlagzeilen, doch Hoteliers und Gastwirte dort dürften nun vollends resignieren. Schließlich stammt rund die Hälfte der Gäste der norditalienischen Region aus Deutschland.

Bisher wurden in Südtirol selbst zwar lediglich vier Personen positiv auf das Coronavirus getestet - zum Vergleich: In der Lombardei waren es zum gleichen Zeitpunkt 2251, in der Emilia-Romagna 698 - doch der Tourismus droht nun vollends einzubrechen. Eine Branche, die immerhin zwölf Prozent der gesamtitalienischen Wirtschaftsleistung ausmacht.

Gondoliere plaudern, während sie in der Nähe des Markusplatzes in Venedig (Italien) auf Kunden warten. | Bildquelle: AP
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Gondoliere plaudern, während sie in der Nähe des Markusplatzes in Venedig (Italien) auf Kunden warten.

Skigebiete machen vorzeitig dicht

Gerade in den norditalienischen Wintersportgebieten gehen seit Tagen massenhaft Absagen ein, etwa im Veltlin an der Grenze zur Schweiz. Eigentlich dauere die Skisaison dort bis Ostern, aber jetzt schon wollten viele vorzeitig schließen, sagt Fabio Primerano vom Tourismusverband Federalberghi.

Venedig, Florenz und Rom, die sonst rund ums Jahr von Touristen bevölkert sind, wirken jetzt geradezu verlassen.

Beliebte Sommerferienziele, etwa am Gardasee, erhalten so viele Stornierungen, dass dort möglicherweise gar nicht erst eröffnet wird. Mehr als 80 Prozent der Buchungen sind laut Primerano bisher wegen des Virus schon wieder gestrichen worden.

Auch Geschäftsreisen werden storniert

Ähnlich sieht es bei Geschäftsreisen aus. Nach Angaben von Maurizio Naro, dem Vorsitzenden des Mailänder Hoteliersverbands, werden die Buchungen in den Hotels der norditalienischen Wirtschaftsmetropole bis in den Sommer hinein storniert, bisher wurden mehr als 90 Prozent der Buchungen wieder gestrichen. Das sei eine Einbuße von rund drei Millionen Euro am Tag, rechnet Naro vor.

Auch der Rest der italienischen Wirtschaft leidet; eine Branche nach der anderen meldet stornierte Aufträge und Gewinneinbrüche.

Nicht das Virus, sondern die Panik, die mit dessen Verbreitung einhergehe, sei schuld am wirtschaftlichen Schaden, meint Francesco Cera, der Direktor des Agrargroßhandelsmarktes von Padua. Cera nennt die Schäden bedeutend. Der Großmarkt, der vor allem nach Österreich liefert, ist nach seinen Angaben mit 350 Millionen Euro Jahresumsatz der größte in Italien, mehr als die Hälfte stammt aus dem Export.

Wachstum von bis zu minus drei Prozent befürchtet

Italiens Wirtschaft stand schon vor Ausbruch des Coronavirus schlecht da. Vergangenes Jahr wuchs sie gerade mal um 0,2 Prozent - Schlusslicht in der EU. Nun trifft das Virus auch noch ausgerechnet den italienischen Norden, den Wirtschaftsmotor des Landes.

Allein im ersten Halbjahr 2020 könnte das einen Konjunkturrückgang von bis zu drei Prozent bedeuten. Um das zu verhindern, hatte die Regierung Conte vergangene Woche bereits Hilfen im Wert von 900 Millionen Euro für die am stärksten betroffenen Gebiete beschlossen.

Nun folgte ein Hilfspaket im Wert von 7,5 Milliarden Euro zur Linderung der gesamtwirtschaftlichen Folgen der Coronakrise. Neben Gesundheitswesen, Polizei und Zivilschutz sollen davon Unternehmen und Arbeitnehmer profitieren.

Steuersenkungen für Unternehmen geplant

Niemand, so Wirtschaftsminister Roberto Gualtieri, solle wegen des Virus seine Arbeit verlieren. Das Maßnahmenpaket sieht beispielsweise Steuersenkungen und Steuergutschriften für Unternehmen vor, deren Umsatz eingebrochen ist.

Carlo Robiglio, Vizepräsident des Arbeitgeberverbandes Confindustria, begrüßte die Pläne der Regierung. Die Maßnahmen seien wichtig und notwendig.

Allerdings steigt damit auch das Defizit des hochverschuldeten Landes in diesem Jahr um 0,3 Prozentpunkte. Rom würde deshalb gegen die EU-Schuldenregel verstoßen. Die italienische Regierung ist jedoch zuversichtlich, dass Brüssel jene Ausnahmeklausel aktiviert, die für plötzliche auftretende Naturkatastrophen vorgesehen sind. 

41 Tote an einem Tag

Das Paket muss aber auch noch vom italienischen Parlament genehmigt werden, anders als jene Maßnahmen, die die italienische Regierung bereits Mitte der Woche angeordnet hatte, um der Ausbreitung des Virus zu begegnen - darunter die vorläufige Schließung von Schulen und Kindergärten.

Noch haben die Maßnahmen nicht gegriffen: Bislang sind 197 Menschen an der neuartigen Lungenkrankheit in Italien gestorben. Besonders betroffen sind weiterhin die norditalienischen Regionen Lombardei und Emilia-Romagna. 

Italien plant Maßnahmenpaket um gesamtwirtschaftliche Folgen von Corona zu mindern
Sabina Matthay, ARD Rom
06.03.2020 17:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 06. März 2020 um 16:15 Uhr.

Korrespondentin

Sabina Matthay | Bildquelle: rbb Logo RBB

Sabina Matthay, RBB

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