Hauptversammlungen Großer Geldregen - trotz Corona

Stand: 31.03.2021 16:49 Uhr

Das Frühjahr ist die schönste Zeit für Aktionäre: Dann fließen die Dividenden. Auch für 2020 schütten die Unternehmen Milliarden aus - trotz Corona. Allerdings haben die Aktionäre weniger Rechte bei den Online-Hauptversammlungen.

von Notker Blechner, tagesschau.de

Früher strömten Tausende Aktionäre zu den Hauptversammlungen von Daimler, der Deutschen Telekom und der Deutschen Bank. Sie hörten sich geduldig die Reden der Vorstandschefs an, sammelten Infobroschüren und Werbematerial ein und drängelten sich dann am Buffet, um ein paar Würstchen mit Kartoffelsalat oder ausgetrocknete Kuchenstücke zu bekommen. Manche Aktionäre wagten Zwischenrufe oder gingen sogar ans Mikrofon und stellten Fragen, bevor dann am Nachmittag über die Entlastung der Vorstände und des Aufsichtsrats abgestimmt wurde.

Online-Treffen statt Massenveranstaltungen

Mit der Corona-Pandemie ist alles anders geworden. Statt Präsenz-Hauptversammlungen mit Tausenden Besuchern finden nun nur noch virtuelle Aktionärstreffen statt - zur Freude der Unternehmen. Sie konnten dadurch die Kosten reduzieren und die Dauer der Hauptversammlung deutlich verkürzen. Die Fragen der Aktionäre werden gebündelt und meist en bloc beantwortet. Rebellische Kleinanleger, die mit Zwischenrufen störten, sich an Details ereiferten und die Hauptversammlungen in die Länge zogen, muss nicht mehr das Mikrofon abgedreht werden.

An den Online-Formaten halten die meisten Unternehmen 2021 fest, auch wenn einige Kleinanleger - vor allem die Älteren unter ihnen - inzwischen geimpft sind. Die Bundesregierung hat die Ausnahmeregelung bis Ende des Jahres verlängert. In dieser Woche beginnt die heiße Phase der Hauptversammlungen mit Daimler und der Deutschen Telekom. Nach Ostern geht es dann Schlag auf Schlag. Bis Ende Mai halten die meisten DAX-Konzerne ihre virtuellen Aktionärstreffen ab.

Deutsche Bank Online-HV 2020
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Schon im vergangenen Jahr musste die Deutsche Bank ihre Hauptversammlung pandemiebedingt online abhalten.

Mehr Dividende trotz Corona

Trotz des Gewinneinbruchs im Corona-Jahr zeigen sich viele Firmen großzügig. Die DAX- und MDAX-Konzerne dürften Schätzungen zufolge mindestens 34 Milliarden Euro an Dividenden ausschütten. Das wäre etwas mehr als im vergangenen Jahr, als 33,6 Milliarden Euro gezahlt wurden. "Die Ausschüttungen der 30 Dax-Unternehmen werden das Niveau des Vorjahres mindestens erreichen oder sogar leicht übertreffen", prognostiziert Joachim Schallmeyer, Aktienstratege der DekaBank.

Allerdings: Ganz so üppig wie in den Jahren zuvor fließen die Dividenden nicht mehr. 2018 schütteten allein die Dax-Konzerne eine Rekordsumme von über 35 Milliarden Euro ausgeschüttet.

Daimler, Linde & Co schütten deutlich mehr aus

Die größten Dividendenzahler in diesem Jahr sind die Allianz mit fast vier Milliarden Euro, die Deutsche Telekom (2,85 Milliarden) und Siemens (2,8 Milliarden). Besonders großzügig werden in diesem Jahr traditionelle Konzerne der "Old economy" sein. Der Stuttgarter Autobauer schüttet 50 Prozent mehr aus – zum Ärger einiger Politiker und Interessensverbänden. Die Bürgerbewegung Finanzwende kritisiert die Dividenden-Anhebung als "moralisch verwerflich" wegen des vom Bund gezahlten Kurzarbeitergelds. Auch die HeidelbergCement und Linde lassen sich nicht lumpen und schlagen gar vor, die Dividende mehr als zu verdreifachen.

Aktien lohnen sich allein schon wegen ihrer Dividenden. Die Dividendenrendite der DAX-Konzerne liegt aktuell durchschnittlich bei 2,8 Prozent. So viel Rendite lässt sich bei weitem nicht mit festverzinslichen Anlagen erwirtschaften.

Aktionärsrechte deutlich geschwächt

Die Aktionärsschützer sind mit der jetzigen Dividenden-Politik der meisten Unternehmen zufrieden. Weniger erfreut sind sie indes über die Einflussrechte der Aktionäre auf den virtuellen Hauptversammlungen. Diese seien stark zurückgefahren worden, moniert Jella Benner-Heinacher, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). So sei das Rede- und Fragerecht der Aktionäre sowie die verantwortungsvolle Ausübung ihrer Stimmrechte geschwächt worden.

Aktionäre seien regelrecht entmachtet worden, kritisiert Deka-Fondsmanager Ingo Speich. Bei den Online-HV 2020 "gab es keine Generaldebatte, Aktionäre hatten kein wirkliches Fragerecht, und Anfechtungen waren praktisch nicht möglich." Die virtuellen Hauptversammlungen seien auf ein reines Abstimmen reduziert worden. Daran dürfte sich auch in diesem Jahr wohl nicht viel ändern. Aktionäre müssen ihre Fragen einen Tag vorher einreichen und können nicht nachhaken, wenn ihnen die Antwort des Managements und des Aufsichtsrats nicht ausreicht, moniert Speich. "Vorstand und Aufsichtsrat haben die Kontrolle, ohne viel Kritik und Widerspruch." Er beklagt den langweiligen Ablauf der Online-HV. Alles stehe schon vorher fest. Es könne sich keine Stimmung auf diesen virtuellen Aktionärstreffen entwickeln, hadert Speich. Das schade auf Dauer der Aktionärskultur.

Bayer lässt Video-Statements zu

Immerhin gewähren ein paar Firmen ein Nachfragerecht. Bayer zum Beispiel erlaubt den Aktionären kurze maximal zweiminütige Video-Statements sowie Nachfragen während der HV. Auch Henkel sieht auf seinem virtuellen Aktionärstreffen ähnliche Mitspracherechte seiner Anteilseigner vor. "Das sind positive Signale", freut sich Benner-Heinacher.

Auf der morgigen HV der Deutschen Telekom wollen die Aktionärsschützer von der DSW eine Satzungsänderung durchdrücken. Demnach sollen die Aktionäre auf Online-Hauptversammlungen dieselben Rechte erhalten wie bei den virtuellen Treffen. Deka-Fondsmanager Speich und mehrere Stimmrechtsberater unterstützen den Vorstoß.

Ist die Präsenz-HV tot?

Eine Rückkehr zur alten Präsenz-HV mit Tausenden Kleinanlegern nach der ausgestandenen Corona-Pandemie kann sich momentan kaum jemand so richtig vorstellen. Die Aktionärsschützer von der DSW und der SdK halten mittelfristig eine Mischform aus Präsenz- und Online-Format für denkbar. Die Übertragung der Aktionärstreffen im Internet könne allenfalls eine Ergänzung zu einer Präsenz-HV sein, fordert Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK).Unternehmen lehnen aber solche Hybrid-Modelle als zu teuer ab. Ist die gute alte deutsche Hauptversammlung mit Brezeln, Würstchen und Bier an Corona gestorben?

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 31. März 2021 um 14:41 Uhr.

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