Kuka-Roboter arbeiten an Porsche-Fahrzeugen im Werk in Leipzig

Firmen in Corona-Zeiten Digitalisiert besser durch die Krise

Stand: 26.10.2020 09:16 Uhr

In der Corona-Krise kämpfen Unternehmen gegen die Folgen sinkender Umsätze und große Unsicherheit. Viele sind gefordert, neue Wege zu gehen. Digitalisierung bietet dabei große Chancen.

Von Axel John, SWR

Kai Ellenberger steht in einer großen Produktionshalle in Kaiserslautern. Um den Firmenchef herum kreisen Roboter an unterschiedlichen Anlagen. Ellenberger beobachtet die autonomen Arbeiten. Man hört nur ein leises Surren der rechnergesteuerten Maschinen. Alles ist voll automatisiert. Lauter wird es nur, wenn die gerade gefertigten Metall- und Aluminiumteile für Nutzfahrzeuge, Hydraulikanlagen und den Anlagenbau auf einem Band entlang rattern.

Auch die Qualitätsprüfung der Produkte verläuft weitgehend digital. 22 Facharbeiter wachen über die Prozesse. "Vor 15 Jahren kamen wir unter großen Kostendruck. Um kosteneffizienter und produktiver zu werden, haben wir die Firma schon früh automatisiert und digitalisiert. Jetzt haben wir große Wettbewerbsvorteile gegenüber der internationalen Konkurrenz", erzählt Ellenberger. "Wir sind prozesssicher und produktiver geworden. Ohne diese Radikalkur wären wir nicht mehr am Markt." Mit dem Betrieb, der 1983 aus der Nähmaschinenfirma Pfaff hervorging, hat die heutige Firma fast nichts mehr zu tun.

Strukturwandel erzwingt digitale Angebote

Der kleine Betrieb hat auch den Strukturwandel in der Automobilwirtschaft drastisch zu spüren bekommen. Volkswagen stoppte zu Jahresbeginn den Bau eines Motors für den Passat. Der VW-Zulieferer zog den Auftrag für Spezialkomponenten bei Ellenberger kurzfristig zurück.

Firmenchef Kai Ellenberger sitzt an seinem Schreibtisch vor dem Computer
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"Ohne Radikalkur wären wir nicht mehr am Markt" - Firmenchef Kai Ellenberger.

"Ich musste fünf Mitarbeiter entlassen. Das war hart. Wir sind ein kleiner Betrieb. Die Kollegen waren fast Familienmitglieder für mich. Bei uns hat sich jetzt fast eine Abwehrhaltung gegenüber der Automobilindustrie entwickelt", sagt Ellenberger. "Was kommt da noch an Umwälzungen und Einschnitten? Wir müssen neue Schwerpunkte setzen."

Aufgrund dieser Erfahrungen fühlt sich der Firmenchef zusätzlich bestärkt, neue digitale Geschäftsfelder zu erschließen. "Wir produzieren zunehmend nicht nur für uns selbst in diesem Bereich, sondern bieten Automation und Digitalisierung auch für andere Maschinenbauer an." Das geht vom Bau von vernetzten Robotern bis zur entsprechenden Schulung von Angestellten.

"Corona ist ein Beschleuniger der digitalen Entwicklung"

Über die Themen Strukturwandel, Digitalisierung und Corona hat Daniel Stelter vor kurzem den Bestseller "Coronomics" geschrieben. Auch in seinen vorangegangenen Büchern beschäftigte sich der Strategieberater mit dem Standort Deutschland. "Corona ist ein Beschleuniger der digitalen Entwicklung. Hier haben wir in der Bundesrepublik großen Nachholbedarf", sagt er. "Ich glaube, dass viele Firmen bei der Vernetzung ganz gut liegen. Aber es fehlt an einer digitalen Infrastruktur."

Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit nehme auch deshalb ab. "In der letzten Studie des Weltwirtschaftsforums kam die Bundesrepublik bei der Breitbandversorgung nur auf Rang 36. Spitzenreiter ist Südkorea. Dort führt man gerade 5G ein", sagt Stelter.

Um den Anschluss nicht zu verpassen, fordert der Strategieberater ein ganzes Maßnahmenbündel der Politik Mit ein paar Milliarden Euro für Breitband sei es nicht getan. "Auch bei der Bildung müssen wir deutlich aufholen." Bei internationalen Leistungstests lägen deutsche Schüler im Fach Mathematik hinten. "Zudem sollte man digitale Start-ups stärker fördern, um Risikokapital anzulocken. Wir brauchen viel mehr Innovationen! Die künftigen Mittelständler müssen heute entstehen. Die Politik redet seit Jahren viel, aber es passiert nichts."

Keine Angst vor der Digitalisierung

In der Produktionshalle in Kaiserslautern kann auch Kai Ellenberger die Skepsis und auch Angst vor dem digitalen Wandel nicht verstehen. "Die Roboter nehmen den Mitarbeitern die schwere Arbeit ab. Aus einem früheren Facharbeiter, der körperlich Schwerstarbeit leisten musste, ist heute ein hochspezialisierter Anlagenbetreuer für mehrere Robotereinheiten geworden. Qualifikation ist eine Daueraufgabe für uns. Die Digitalisierung zerstört nicht Arbeitsplätze, sondern sichert sie", sagt er.

Stelter sieht das ähnlich: "Wir stehen auch vor einer massiven Alterung und einem damit verbundenen Rückgang der Erwerbsbevölkerung. Das ist durch Zuwanderung zahlenmäßig gar nicht zu schaffen. Jede Automatisierung ersetzt jemanden, der in Rente geht. Da müssten wir doch eigentlich 'Hurra' schreien!"

Mitarbeiter der Firma Ellenberger überwachen in Kaiserslautern die Arbeit eines Roboters
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"Die Roboter nehmen den Mitarbeitern die schwere Arbeit ab" - So sieht die Ellenberger-Produktion in Kaiserslautern aus.

Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft

Beim Blick auf die sich zuspitzende Corona-Krise macht sich Ellenberger eher wenig Sorgen. "Da wir so früh digital umgestiegen sind, bin ich überzeugt, dass wir gut durch die Corona-Krise kommen", sagt er. "Jetzt stellt sich der Markt neu auf. Wir haben jetzt so viele Anfragen bei Automatisierung und Digitalisierung wie seit zwei Jahren nicht. Sogar kleine Firmen zeigen plötzlich großes Interesse."

Um technisch voranzukommen, setzt Ellenberger auch auf eine enge Kooperation mit der TU Kaiserslautern und dem Fraunhofer Institut. "Wir arbeiten hier in einigen Projekten in Sachen Künstliche Intelligenz zusammen. Insgesamt ergeben sich dadurch für uns immer neue Geschäftsfelder. Wir stehen erst am Anfang." Die Tür zur Digitalisierung sei erst einen Spalt weit aufgegangen. "Wir wollen sie ganz aufstoßen und durchgehen. Das ist die Zukunft."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. September 2020 um 14:45 Uhr.

Korrespondent

Axel John | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

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