Blick auf einen Weinberg | Bildquelle: Europamagazin / WDR

Streit über Förderpolitik Was die EU-Agrarreform ändern könnte

Stand: 19.10.2020 14:30 Uhr

Grüner, nachhaltiger, mehr Unterstützung für kleine Betriebe: So könnte die EU-Agrarpolitik nach der geplanten Reform aussehen. Am steilsten Weinberg Europas zeigt sich, worum es dabei geht.

Von Regina Steffens, WDR

Der steilste Weinberg Europas ist der tägliche Arbeitsplatz von Angelina und Kilian Franzen. Im Bremmer Calmont, einem rauen Felsen an der Mosel, bauen die beiden Wein an. Und das bei einer Hangneigung von 65 Grad. Generationen vor ihnen haben hier schon Mauern und Terrassen errichtet, um darauf Reben zu pflanzen. Als Kilians Vater bei einem Arbeitsunfall starb, brachen Angelina und Kilian ihr Studium ab und übernahmen das Weingut. Das ist jetzt zehn Jahre her, heute sind beide Anfang 30.

Viele Arbeiten dauern vier Mal so lang

Die Winzer Angelina und Kilian Franzen stehen an ihrem Weinberg an der Mosel | Bildquelle: Europamagazin / WDR
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Angelina und Kilian Franzen profitierten mit ihrem Weinberg bisher nur wenig von der EU-Agrarpolitik.

In die Höhen des Calmonts fahren sie mit der einer schmalen Zahnradbahn - ihrem einzigen technischen Hilfsmittel im Hang. "Jede Arbeit, die man im Flachen mit der Maschine machen kann, muss man im Steilhang mit der Hand machen", sagt Kilian Franzen. Was in der Ebene eine Stunde Zeit braucht, dauert hier vier Mal so lang und kostet mehr Personal.

Die Arbeit nehmen sie wegen der Qualität der Böden und der alten Reben auf sich - und weil viel Herzblut am Steilhang hänge, sagen sie. Die Franzens profitieren von den Touristen an der Mosel und von einem Landschaftsbild, das sie mit ihren Weinbergen prägen. Das sichert den Tourismus, der mit dem Weinbau der wichtigste Wirtschaftsfaktor in der Region ist. Die Mauern und warmen, freien Flächen der Steilhänge bieten außerdem Lebensraum für Eidechsen, Hummeln, Falter oder Vögel.

EU-Institutionen beraten über Agrarreform

Die Franzens betreiben eine Form der Landwirtschaft, die sich nicht auf großen Flächen ausbreiten und voll mechanisieren lässt. Es ist nicht das, was die Europäische Union in den vergangenen Jahren mit ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik, der sogenannten GAP, förderte. Fast 40 Prozent des EU-Haushaltes fließt derzeit in die Landwirtschaft, der Großteil davon in Form von Direktzahlungen an Bauern. Das heißt: Je mehr Fläche, desto mehr Geld für einen Betrieb, unabhängig davon, wie intensiv die Bewirtschaftung ist.

Wie die Agrarpolitik in Europa für die Förderperiode von 2021 bis 2027 aussehen soll, steht nun zur Debatte. Europas Agrarminister und das Europäische Parlament beraten diese Woche darüber, wie Subventionsgelder zukünftig verteilt werden sollen.

Kommt eine grüne Reform?

Die Europäische Kommission hat dazu Vorschläge gemacht. Die Flächenprämie soll weiterhin bestehen, jedoch könnte sie gedeckelt und stattdessen Geld an kleine und mittlere Betriebe verteilt werden. Insgesamt soll die Landwirtschaft in Europa grüner und nachhaltiger werden. Im Vordergrund der Agrarreform stehen Umwelt- und Klimaschutz. So fordert die Kommission, Agrarzahlungen daran anknüpfen, was Bauern für die Natur, den Erhalt von Landschaften und Biodiversität leisten.

Die Franzens erhalten mit ihrer Arbeit eine Kulturlandschaft. Ihr Betrieb mit zehn Hektar Weinbergen wird finanziell unterstützt. Fördergelder für einzelne Anschaffungen oder Umstrukturierungen können sie beantragen. Von der EU und vom Land Rheinland-Pfalz gibt es eine Unterstützung speziell für Steilsthänge. Etwa 2000 Euro, einmal im Jahr pro Hektar. Sie seien froh über diese Unterstützung, sagen die Winzer, doch sei sie mehr ein Tropfen auf dem heißen Stein als ein Anreiz, im Hang zu arbeiten oder gar eine Fläche neu zu bestocken.

Mehr Anerkennung für mühsame Landwirtschaft

Eine Weinrebe | Bildquelle: Europamagazin / WDR
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Der Weinanbau in Steilhängen ist mühsam und teilweise nicht mehr rentabel.

Aly Leonardy vom Verband Europäischer Weinbauregionen sagt, dass es europaweit zu wenig Anreize für den Steillagenweinbau gebe. Der Wein aus dem Steilhang lasse sich ja nicht zum fünffachen Preis wie der Wein aus der Ebene verkaufen. So sei diese Form der Landwirtschaft oft nicht mehr rentabel. Er beobachtet, dass Flächen wegen des hohen Arbeitsaufwands liegen blieben. Es brauche zusätzliche Anerkennung und Wertschätzung für diese mühsame Landwirtschaft, meint Leonardy. Und das sowohl vom Verbraucher als auch von der Politik.

Am Dienstag und Mittwoch werden der Ministerrat und das EU-Parlament ihre Positionen zur EU-Agrarreform beschließen. Durch die Corona-Krise haben sich die Verhandlungen verzögert, statt wie geplant im Jahr 2021 wird der Förderzeitraum erst 2023 beginnen.

Klar ist schon jetzt: Die Verantwortung für die Verteilung wird stärker bei den Mitgliedstaaten liegen. Die EU-Institutionen werden einheitliche Umweltmaßnahmen aushandeln müssen sowie die Höhe und die Bestimmungen der Direktzahlungen an Bauern. Derzeit zeichnet sich ab, dass Frankreich und viele osteuropäische Staaten an den flächenmäßigen Direktzahlungen festhalten wollen; ihre Betriebe profitieren bisher besonders stark von der Flächenprämie.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Oktober 2020 um 12:00 Uhr.

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