EZB-Gebäude in Frankfurt

Krisenprogramm der EZB Wird PEPP noch einmal aufgepeppt?

Stand: 28.10.2020 15:43 Uhr

EZB-Präsidentin Lagarde, ein Jahr im Amt, hält eisern an der lockeren Geldpolitik fest. Doch wegen Corona ist die Zentralbank weiter im Alarmzustand. Werden die Finanzhilfen noch einmal aufgestockt?

Von Klaus-Rainer Jackisch, HR

Der Blick durch das riesige Glasfenster im 40. Stockwerk des Euro-Towers ist wie immer atemberaubend: Das Häuser- und Straßengewirr der Stadt Frankfurt liegt dem Betrachtenden zu Füßen, dazwischen schlängelt sich der Main mit ein paar Schiffen. Im Umland sieht man überall die bunten Farben des Herbstes.

Im schicken Büro leuchten einige LED-Lampen rund ums Telefon, die Webcam ist fest platziert, ein paar Unterlagen liegen auf dem Schreibtisch. Alles ist blitzsauber und schön aufgeräumt. Doch es ist niemand da. Das schmucke Büro der Chefin ist leer - so wie die meisten in dem eindrucksvollen Bau im Osten der Mainmetropole. Es ist das Zeitalter von Corona. Und der Großteil der mehr als 3500 Mitarbeitenden der Europäischen Zentralbank in Frankfurt befindet sich im Homeoffice.

Start in die historische Krise

Vor genau einem Jahr übernahm Christine Lagarde die Amtsgeschäfte. Damals war die Welt zwar auch nicht in Ordnung. Doch dass die neue Präsidentin es nur wenige Wochen später mit der größten Weltwirtschaftskrise seit den 1930er Jahren zu tun bekommen würde - daran hat die 64jährige Ex-Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) wohl in ihren kühnsten Träumen nicht gedacht.

Eigentlich wollte die Französin erst einmal aufräumen. Sie wollte alles in der EZB auf den Prüfstand stellen, eine neue Strategie erarbeiten, mehr grüne Aspekte in die Geldpolitik bringen und die Bevölkerung umfassender und in einfacherer Sprache auf dem Laufenden halten. Doch vieles von dem ist wegen Corona vorerst ins Stocken geraten. Lagarde muss jetzt vor allem das tun, womit sich ihr Vorgänger Mario Draghi seine ganze Amtszeit herumgeschlagen hat: Feuerwehr spielen.

EZB-Chefin Christine Lagarde | Bildquelle: REUTERS
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Seit einem Jahr im Amt: EZB-Chefin Christine Lagarde.

Kaum Widerstand gegen PEPP

Bislang ist ihr das auch ganz gut gelungen: Als das Virus die Wirtschaft lahm legte, fackelte die gelernte Juristin nicht lange. Im März beschloss der EZB-Rat unter ihrer Führung das Krisenprogramm PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme). Als sich im Sommer abzeichnete, dass es nicht ausreicht, legte Lagarde noch einmal kräftig nach. Mittlerweile umfasst das Programm den Kauf von Anleihen in Höhe von 1,35 Billionen Euro. Die Not-Maßnahme mit großzügigen Bestimmungen hat ein Ausmaß, das selbst während der Finanzkrise undenkbar gewesen wäre.

Im EZB-Rat regte sich kaum Widerstand. Denn Lagarde war es im Vorfeld gelungen, die tiefen Gräben, die unter Draghi aufgerissen waren, zumindest nach außen hin zu schließen - ein Treffen im noblen Schlosshotel Kronberg scheint Wunder bewirkt zu haben. Lagarde hatte die Gouverneure und Direktorinnen zum Kennenlernen auf ein Gläschen Rotwein in die Luxusherberge im Taunus geladen, deren spektakuläre Kulisse für jeden Kino-Blockbuster taugt.

Mehr Diplomatie, weniger Krach?

Auch hilft, dass Lagarde sich in Ratssitzungen zurückhält und nicht wie Draghi eine zuvor gefasste Ansicht ohne große Rücksicht auf Verluste durchpeitscht. Hinzu kommt die Erkenntnis der Skeptiker, unter den Kolleginnen und Kollegen im Rat mittlerweile deutlich in der Minderheit zu sein und sich mit offener Kritik ohnehin nur die Finger zu verbrennen.

Um Bundesbankpräsident Jens Weidmann ist es jedenfalls recht still geworden. Lagarde ist es auch gelungen, die Politik stärker einzubinden: Ohne die Rettungspakete der Nationalstaaten und der Europäischen Union hätte die EZB so lange löschen können wie sie will: Es hätte nicht gereicht. Draghi, aber auch seine Vorgänger, waren mit entsprechenden Appellen bei den Regierungen meistens nur abgeblitzt. 

Nicht immer den richtigen Nerv getroffen

Doch ganz so reibungslos wie es scheint lief das erste Amtsjahr für Lagarde nicht: Die eloquente Kommunikatorin, die eigentlich genau weiß, wie man mit Menschen umzugehen hat, traf in ihren bisherigen Äußerungen als EZB-Chefin nicht immer den richtigen Nerv der Finanzmärkte. Im Frühjahr, zum ersten Höhepunkt der Pandemie, betonte sie in der Pressekonferenz nach einer Ratssitzung, es sei nicht Aufgabe der EZB dafür zu sorgen, die Renditen von Staatsanleihen hochverschuldeter Länder in Schach zu halten. Das ist zwar korrekt, wurde an den Börsen aber gar nicht gerne gehört. Damals mussten die von Corona schwer gezeichneten Länder Italien und Spanien deutlich höhere Zinsen für frisches Geld bezahlen. Nach den unglücklichen Aussagen von Lagarde wurde es für Rom und Madrid noch teurer.

Ein ähnlicher, wenn auch nicht dramatischer Fehltritt im September: Eher unbekümmert äußerte sich die Präsidentin zum steigenden Außenkurs des Euro, der den ohnehin angeschlagenen Unternehmen der Eurozone beim Export das Leben noch schwerer macht. Zwar betreibt die EZB tatsächlich keine Wechselkurspolitik. Doch ein eher schwacher Euro kann in Krisenzeiten eine gute Hilfe sein, schließlich macht er Exportwaren in Übersee billiger und für europäische Unternehmen damit wettbewerbsfähiger. Viele Maßnahmen von Vorgänger Draghi zielten genau darauf ab, den Euro in seinem Außenwert zu drücken - auch wenn der gewitzte Notenbanker das niemals so begründet hätte.

Neue Rolle für den Chefvolkswirt

Mit ihren kleinen faux pas ist Lagarde nicht allein. Schon der erste EZB-Präsident, Wim Duisenberg, trat hin und wieder in ein Fettnäpfchen und war überrascht über das Gewicht seiner Worte. Auch bei den Nachfolgern Trichet und Draghi lief nicht immer alles glatt. Doch die darauffolgende Kritik hat Lagarde vorsichtiger werden lassen. In Pressekonferenzen hält sie sich jetzt stärker zurück, ist manchmal ausweichend und wenig konkret. Hin und wieder zeigt sie Unsicherheit. Als gelernte Juristin und Politikerin fehlt ihr manchmal das Wissen und das Gespür für die Ins und Outs der Geldpolitik. Deshalb überlässt sie diese Aspekte gerne ihrem Chefvolkswirt Philip Lane, einem Vollblut-Ökonomen vom altehrwürdigen Trinity College in Dublin und jahrelangem Notenbankchef Irlands.

Die Position des Chefvolkswirts in der EZB war schon immer die einer grauen Eminenz, die im Hintergrund die Strippen zieht. Doch Präsidenten wie Trichet oder Draghi nahmen das Zepter lieber selbst in die Hand, weshalb ihre Chefvolkswirte im Hintergrund häufig etwas blass erschienen. Lagarde hingegen gibt Lane freie Fahrt - und sie macht auch öffentlich keinen Hehl mehr daraus. Sie ist eine Teamplayerin, und sie scheint die Aufgaben und ihre Präsentation nach außen stärker zu verteilen als Draghi: Lane für die harte Notenbank-Politik, die neue EZB-Direktorin Isabel Schnabel für erklärende Kommunikation und der jüngste Neuzugang, EZB-Direktor Fabio Panetta, für Zukunftsthemen wie etwa dem digitalen Euro.

Werden die Corona-Hilfen nochmal aufgestockt?

Trotz aller Fallstricke legt Lagarde unter dem Strich aber ein gutes Debüt in ihrem ersten Amtsjahr hin. Volkswirte sind voll des Lobes. Auch die Finanzmärkte haben nicht viel zu meckern, sorgt ihre lockere Geldpolitik doch dafür, dass der künstliche Boom an den Aktienmärkten weiter anhält. Für Nachschub scheint auch schon gesorgt: An den Märkten geht man fest davon aus, dass PEPP bis zum Jahresende noch einmal aufgepeppt wird. Experten erwarten eine weitere kräftige Aufstockung von bis zu 500 Milliarden Euro. Ideen dazu zirkulieren dazu schon seit längerem. Doch bislang hat die EZB versucht, die Aufstockung noch hinauszuschieben - auch weil niemand weiß, wie stark Corona noch zuschlägt und wie schlimm es für die Wirtschaft wird. Beobachter gehen aber davon aus, Lagarde werde die Finanzmärkte auf der Pressekonferenz diese Woche schon einmal darauf einstimmen. Das Zusatzpaket könnte dann quasi als Weihnachtsgeschenk im Dezember kommen. 

Und danach? Keiner weiß es. Fakt ist nur, dass die Büros im eindrucksvollen Euro-Tower am Main wohl auch in nächster Zeit leer bleiben und die Mitarbeitenden und der EZB-Rat in Videokonferenzen tagen. Denn in der digitalen Alternativwelt kennen sich Währungshüterinnen und -hüter schon immer sehr gut aus. Für die Zentralbank gäbe es nichts Schlimmeres, als wenn das Virus wichtige Einheiten lahmlegen würde. So schaut also auch weiterhin kaum jemand durch die großen Glasfenster im 40. Stock - da, wo man die Mainmetropole besonders gut sieht, alles blitzblank ist und die LED-Lämpchen am Telefon vor sich hin flackern.

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