1-Euro-Münze, in der sich ein Stern aus der Europaflagge spiegelt | Bildquelle: dpa

Wechselkurse 2021 Wie geht es mit dem Euro weiter?

Stand: 01.01.2021 09:14 Uhr

Der Euro ist so teuer wie seit April 2018 nicht mehr. Seit Frühjahr 2020 hat er gegenüber dem Dollar massiv aufgewertet. Wird die Entwicklung 2021 so weiter gehen?

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Der Euro hat in diesem Jahr ein unerwartetes Comeback gefeiert. Nach dem Corona-bedingten Absturz im Frühjahr auf 1,06 Dollar hat sich die Gemeinschaftswährung zum Jahresende bis auf 1,22 Dollar verteuert. Für Verbraucher ist das eine gute Nachricht. Denn dadurch verbilligten sich viele importierte Waren wie Kraftstoffe. Dies trug dazu bei, dass die Inflationsrate im Euroraum nahe Null verharrt. Im September, Oktober und November lagen die Preise sogar 0,3 Prozent niedriger als im jeweiligen Vorjahresmonat.

Wichtige Rahmenbedingungen gelten weiter

Geht das im kommenden Jahr so weiter? Oder muss die Europäische Zentralbank bald auf die Bremse treten, weil eine allzu starke Aufwertung des Euro die Wirtschaft in Gefahr bringt? Schließlich verteuern sich die Exporte in Länder außerhalb der Eurozone durch den starken Euro.

Verlässlich kann das niemand sagen, weil Prognosen eine Gleichung mit vielen Unbekannten sind. Allerdings zeichnet sich ab, dass die geldpolitischen Rahmenbedingungen, die 2020 zu der drastischen Aufwertung des Euro führten, im kommenden Jahr unverändert bleiben.

Dollar-Schwäche durch Fed-Politik

Ökonomen machen in erster Linie den Kurs der amerikanischen Notenbank Fed für die Aufwertung des Euro verantwortlich. Denn die US-Währungshüter senkten 2020 nicht nur ihren Leitzins auf nahe Null, sie haben auch ihre Strategie geändert. Künftig will die Fed Inflationsraten von mehr als zwei Prozent über einen gewissen Zeitraum akzeptieren. "Diese Entscheidung hat zu einer Schwächung des Dollar geführt", sagt Thu-Lan Nguyen, Devisen-Analystin bei der Commerzbank. "Wir sehen also derzeit in erster Linie eine Dollar-Schwäche, die in der Geldpolitik der US-Notenbank begründet ist."

Tatsächlich hat die Fed ihren bisherigen Kurs aufgegeben, die Zinsen anzuheben, wenn die Teuerungsrate das Ziel von zwei Prozent übersteigt. Sie will nun eine höhere Inflation zulassen, ohne geldpolitisch gegensteuern zu müssen. Dadurch dürfte der Realzins weiter sinken, wodurch der Dollar noch unattraktiver werde, erklärt Nguyen.

Bald 1,40 Dollar für einen Euro?

Klettert der Euro 2021 also weiter und überspringt gar die Marke von 1,30 Dollar oder 1,40 Dollar wie schon einmal im Mai 2014? Die Volkswirte der US-Großbank Citigroup sehen für 2021 ein Abwärtspotenzial des Dollars gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner der USA, darunter der Eurozone, von bis zu 20 Prozent. Im Klartext heißt das: Der Euro könnte auf 1,45 Dollar steigen.

Auch die Commerzbank-Analystin Nguyen hält eine weitere Aufwertung des Euro über 1,40 Dollar für möglich, weil die Kaufkraft des Dollars noch immer höher sei als der aktuelle Wechselkurs. Andere Experten sind deutlich vorsichtiger. So sieht die Deutsche Bank den Euro in einem Jahr bei 1,15 Dollar, also niedriger als derzeit. Die Schweizer Bank UBS erwartet einen Eurokurs von 1,12 Dollar bis 1,25 Dollar. Einigkeit sieht anders aus.

Kann die EZB das dulden?

Einig sind sich die Ökonomen lediglich darin, dass die Europäische Zentralbank einer neuerlichen Aufwertung der Gemeinschaftswährung nicht tatenlos zusehen wird. Zwar verfolgt die Notenbank kein explizites Wechselkursziel, sagt also nicht öffentlich, welchen Kurs des Euro sie als angemessen betrachtet.

Der Ire Philip Lane soll der nächste EZB-Chefvolkswirt werden. | Bildquelle: REUTERS
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Der Ire Philip Lane soll der nächste EZB-Chefvolkswirt werden.

Dennoch sah sich ihr Chefvolkswirt, Philip Lane, im September genötigt, ein Machtwort zu sprechen, um den Anstieg des Euro zu bremsen. Damals erklärte er öffentlich, der Euro-Kurs sei durchaus relevant für die Geldpolitik der EZB. Die Bemerkung von Lane verfehlte ihr Ziel nicht: Sie beendete den Aufwärtstrend des Euros - wenn auch nur kurz.

Die Volkswirte der großen Banken sind überzeugt, dass die Notenbank - verbal - noch deutlicher eingreifen werde, falls der Euro in Richtung 1,30 Dollar oder 1,40 Dollar klettern sollte. Denn die EZB könne es nicht zulassen, dass die Aufwertung der Gemeinschaftswährung die Exporte aus Europa weiter verteuert - auch wenn andererseits die Importe billiger werden und somit die Gefahr steigender Preise in weite Ferne rücke.

Noch halten sich die Klagen der Unternehmen in Grenzen, wohl auch weil 60 Prozent der deutschen Ausfuhren in andere Länder der Eurozone gehen und somit der Wechselkurs eine geringere Rolle spielt als vor der Einführung der Gemeinschaftswährung.

Nochmal 20 Prozent rauf ist zu viel

Allerdings lässt sich nach Meinung der meisten Volkswirte eine weitere Aufwertung des Euro um bis zu 20 Prozent wirtschaftlich kaum noch abfedern. Sie würde viele von Exporten in den Dollarraum abhängige Unternehmen in Bedrängnis bringen und gleichzeitig die Inflation im Euroraum so weit drücken, dass eine Deflation drohte.

Für Thomas Mayer, den langjährigen Chefvolkswirt der Deutschen Bank und Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute, ist das derzeitige Hoch des Euro ohnehin höchst fragil. Denn der Euro sei eine relativ junge Währung mit immensen Konstruktionsfehlern.

Komme es etwa zu einer Vergemeinschaftung der Schulden in der Eurozone, wie derzeit geplant, befürchtet er, dass die europäische Währung rasch wieder an Wert verlieren werde. Das Problem dabei sei, dass womöglich eine ganze Weile nichts passiere und man sich in Sicherheit wähne. "Aber auf einmal kracht es gewaltig", so Mayer.

Wenn nämlich die Märkte realisierten, dass die Verschuldung der Eurozone außer Kontrolle zu geraten drohe, drohten lateinamerikanische Verhältnisse, Dann wolle jeder nur noch raus aus dem Euro. Mayer kann sich vorstellen, dass ein solches Horrorszenario "über kurz oder lang" eintreten könnte. Ob das schon im kommenden Jahr der Fall sein wird oder vielleicht sogar nur eine Befürchtung bleibt, vermag allerdings niemand zu sagen.

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