Frauen an der Börse Geschickter, aber in der Minderheit

Stand: 08.03.2021 15:40 Uhr

Regelmäßig belegen Studien die Überlegenheit von Frauen beim Thema Geldanlage. Doch die meisten Fondsmanager sind Männer, genauso wie die Mehrheit der Privatanleger. Erst allmählich ändert sich das.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Natascha Wegelin ist Buchautorin und Betreiberin des Finanzblogs Madame Moneypenny. Dort ruft sie Frauen dazu auf, sich selbst um ihre finanziellen Angelegenheiten zu kümmern und sich von Staat und Partner unabhängig zu machen. Auch gibt sie Tipps und Tricks, wie Erspartes in zinslosen Zeiten gewinnbringend angelegt werden kann - mit zunehmendem Erfolg, wie das Wachstum ihrer in Berlin ansässigen Firma zeigt.

Tatsächlich wollen immer mehr Frauen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen. Denn vielen ist inzwischen bewusst, dass sie von der staatlichen Rente nicht werden leben können, ihnen also die Armut droht. Auch Heirat oder Partnerschaft sind meist keine Garantie für eine sichere Altersvorsorge. Dabei haben Frauen bei der Geldanlage Studien zufolge ein glücklicheres Händchen als viele Männer.

Frauen erzielen mehr Rendite, sind aber vorsichtiger

Laut einer Studie der ING haben Frauen im Jahr 2019 mit durchschnittlich 24,1 Prozent eine höhere Rendite auf ihre Anlagen erzielt als Männer mit 23,5 Prozent. Dabei investierten überwiegend in Fonds (besonders ETFs), statt auf Einzelwerte zu setzen. Bei Männern betrug der Fondsanteil dagegen nur 18 Prozent, der Anteil der Einzelwerte lag bei rund 60 Prozent. Das bedeutet: Männer sind risikofreudiger, Frauen dagegen bedächtiger. Gemeinsam war beiden Geschlechtern allerdings, dass Aktien die absolute Mehrheit im Depot darstellten.

Das deckt sich mit der Erfahrung Helma Sick. Die 80-jährige Münchnerin berät mit ihrem Unternehmen "frau & geld" seit 30 Jahren Frauen (und Männer) in Finanzfragen. Sie glaubt, dass Frauen vermehrt zu Fonds greifen, weil sie rasch in Panik geraten, wenn die Börsen stark schwanken und das angelegte Geld vorübergehend an Wert verliert. "Männer bleiben da meist cooler", sagte sie kürzlich im Gespräch mit der Fidor Bank.

Aber das liege auch daran, dass Frauen einfach weniger Erfahrung im Umgang mit Geld hätten. Bis in die 1970er Jahre hinein hatten sie nur wenig eigenes Geld zur Verfügung, etwa über einen Zuverdienst. Und bis 1977 konnten Männer in der Bundesrepublik sogar den Job ihrer Frau kündigen, wenn sie mit der Haushaltsführung nicht einverstanden waren.

Erfolgreiche Fondsmanagerinnen

Diese Zustände sind zwar längst überwunden, doch sind Frauen auch bei professionellen Vermögensverwaltern noch immer eine Minderheit. Dabei wollen viele Anleger nicht nur mehr Investments in nachhaltige Anlagen, sie haben auch den Wunsch nach mehr Diversität bei der Besetzung des Managements, heißt es beim deutschen Fonds-Branchenverband BVI. Die Forderung sei umso berechtigter, als sich herausgestellt habe, dass weibliche Fondsmanager und Teams mit weiblicher Besetzung höhere Renditen erzielten als Fonds, die ausschließlich von Männern verwaltet werden.

Eine Studie der Investmentbank Goldman Sachs hat ergeben, dass US-Fonds, die zu einem Drittel von Frauen geführt werden, im ersten Halbjahr 2020 eine um ein Prozent höhere Rendite ausweisen als Anlagen, bei denen keine Fondsmanagerin an Bord war.

Technikaffine Frauen

Der Grund für den größeren Erfolg der von Frauen gemanagten Fonds lag laut Goldman Sachs vor allem an der Auswahl der Aktien. Allen Vorurteilen zum Trotz griffen die Managerinnen stärker zu Tech-Werten wie Apple, Microsoft oder Tesla als die Männer, die Finanzwerte wie Banken und Versicherungen bevorzugten. Der im vergangenen Jahr zu beobachtende Boom der Tech-Aktien Jahr gab den Frauen Recht und brachte die von ihnen verwalteten Fonds in Schwung, während die von Finanztiteln dominierten Fonds der Männer das Nachsehen hatten.

Auch in Europa haben die großen Vermögensverwalter wie die Schweizer Bank UBS erkannt, dass gemischte Managementteams bessere Ergebnisse erzielen als diejenigen, die nur von Männern gesteuert werden. Frauen seien für den Anlageerfolg wichtig, weil sie anders kommunizierten, sie trügen positiv zum sozialen Klima bei und stünden oft für das Wohl des Teams ein, erklärt Charlotte Bänninger von UBS Asset Management, einem der weltgrößten Vermögensverwalter. Sie setzt sich deshalb besonders für die Förderung von Frauen im Finanzgewerbe ein.

Nur wenige Frauen bei den Vermögensverwaltern

Von einer paritätischen Besetzung ist die Branche weit entfernt. Im vergangenen Jahr wurden nur 14 der knapp 500 von Goldman Sachs untersuchten US-Fonds von Frauen gemanagt. Hinzu kamen 49 Fonds, bei denen mindestens ein Drittel Frauen für die Anlage-Entscheidungen mitverantwortlich waren. Insgesamt hatten nur drei Prozent der von Goldman Sachs untersuchten Fonds ein rein weibliches Management. Sie verwalteten zusammen gerade einmal zwei Prozent des gesamten in den USA beheimateten Fondsvermögens. Im Gegensatz dazu wurden 77 Prozent der Fonds von rein männlichen Teams verwaltet.

Das ist in Deutschland nicht besser. So waren im vergangenen Jahr von den 367 ausgewiesenen Fondsmanagern nur 54 Frauen. Das entspricht einer Quote von 14,7 Prozent. Dabei ist der Frauen-Anteil unter den Portfoliomanagern noch geringer: Er lag einer früheren Untersuchung zufolge bei lediglich 6,6 Prozent.

"Lieber eine vernünftige Geldanlage als künstliche Nägel"

Das zu ändern ist das Ziel der "Fondsfrauen", einem Karrierenetzwerk zur Förderung und Gleichstellung von Frauen in der Finanzindustrie. "Wir inspirieren Frauen, anspruchsvolle Positionen anzustreben, und unterstützen sie darin, ihre Ziele zu erreichen. Weibliche Vorbilder und themenrelevante Studien helfen uns dabei", sagen die Gründerinnen Anne Connelly, Anke Dembowski und Manuela Fröhlich.

Deutlich bescheidenere Ziele verfolgt Helma Sick: Sie rät allen Frauen, sich so früh wie möglich um eine eigene Altersvorsorge zu kümmern, weil die Partnerschaft oder die Hochzeit mit einem Mann keine Altersvorsorge sei. Schon mit 25 Euro monatlich, die in einen guten Fonds eingezahlt würden, könne man viel erreichen. "Wenn ich sehe, wie voll hier in München die Nagelstudios sind, denke ich jedes Mal: 'Mädels, investiert lieber in eine vernünftige Geldanlage als in künstliche Nägel.'"

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