Rebellion der Kleinanleger Gamestop: Greift die Politik ein?

Stand: 29.01.2021 12:06 Uhr

Die Gamestop-Aktie springt wie ein Jojo auf und ab: Kleinanleger versuchen, milliardenschwere Hedgefonds ins Wanken zu bringen. US-Politiker fragen sich, ob die Stabilität des Finanzsystems gefährdet ist.  

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

"Die Börse ist zum Schauplatz einer Auseinandersetzung zwischen Leerverkäufern und Privatanlegern geworden", kommentierte Portfoliomanager Thomas Altmann von QC Partners die jüngsten Ereignisse rund um die Aktien von Gamestop. "Das Ergebnis davon seien riesige Schwankungen bei den betroffenen Einzeltiteln", so der Marktteilnehmer.  

Die Gamestop-Aktie hatte gestern nach mehreren Handelsunterbrechungen zum Schluss 44,3 Prozent im Minus gelegen, aktuell zeigt die Tendenz in den USA jedoch wieder deutlich nach oben: Junge Spekulanten verabreden sich in Foren zum Aktienkauf und setzen damit große Hedgefonds, die auf eine fallende Aktien gewettet haben, unter Druck.

Das Thema betrifft längst nicht nur die Wall Street. Hierzulande seien diesbezüglich im Wochenverlauf vor allem Varta und Evotec aufgefallen, so Altmann. Ist der Aktienmarkt weiter nichts als ein Casino?

Der Traum vom "leistungslosen Einkommen"

Es sieht ganz danach aus, wenn man sich die irrationalen, durch keine fundamentalen Gründe zu erklärenden Kursschwankungen betrachtet. Derzeit wird darüber spekuliert, ob sich bei Privatanlegern die Wut über eine hemmungslose Wall Street entlade: Der Aktienmarkt eilt von Rekord zu Rekord, während viele Bürger massiv unter den Folgen der Corona-Krise leiden.

Andere werden darauf hoffen, dass sich das Versprechen des quasi leistungslosen Einkommens mit einer gewonnenen Wette auf irgendeine Aktie für sie erfüllt. Einigen ist das gelungen. Sie posten derzeit in den sozialen Netzwerken Bilder vom Stand ihres Aktiendepots.  

"Der Markt ist ein Casino geworden"

In den USA mischt sich nun die Politik in das Spektakel ein, denn es steht einiges auf dem Spiel. Wie will man angesichts der aktuellen Vorgänge erklären, dass es sich beim Aktienmarkt um eine rationale, stabile Marktveranstaltung zum Nutzen aller handelt?

Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren sagte im US-Sender CNBC, der Aktienmarkt sei ein Casino geworden. Manipulateure würden den Markt nach oben oder unten treiben, um Gewinne zu machen: "Milliardäre und einige Hedgefonds beklagen sich jetzt lautstark, weil sie nicht die einzigen sind, die Geld machen, wenn die Manipulation funktioniert."

Auch der Demokrat Sherrod Brown meldete sich zu Wort. Brown sitzt für den Bundesstaat Ohio im Senat und wird künftig Vorsitzender des Bankenausschusses sein. Er plant Anhörungen zum "Zustand des Aktienmarktes": "Die Leute an der Wall Street scheren sich nur um die Regeln, wenn sie diejenigen sind, denen es wehtut."

Die US-Börsenaufsicht SEC beobachtet ebenfalls die Lage, ein Team des Finanzministeriums ist auch alarmiert, und der Ausschuss für Finanzdienstleistungen im Repräsentantenhaus möchte Befragungen zum Thema Leerverkäufe und Online-Handelsplattformen durchführen.

Too big to fail?

Die Probleme reichen längst weiter, denn die Vorgänge werfen auch die Frage auf, welche Rolle die sozialen Medien und moderne Handelsplattformen wie Robinhood und Interactive Brokers bei dem Geschehen spielen und spielen dürfen. Die beiden Online-Broker hatten den Handel unter anderem mit Gamestop-Papieren wegen der Ereignisse vorübergehend eingeschränkt. Robinhood-Chef Vlad Tenev hatte dazu via CNBC mitgeteilt, Beschränkungen dienten dem Schutz des eigenen Unternehmens und seiner Kunden.

Aber sie helfen auch den Interessen der Hedgefonds, die unter Beschuss der Kleinanleger geraten sind. Die Frage ist: Sind Hedgefonds "too big to fail", also systemrelevant? Verdienen sie Schutz vor Kleinanlegern, die disruptiv agieren - ganz so, wie es Hedgefonds sonst gerne selbst tun?   

Neue Debatte über Regulierungen   

Das soziale Netzwerk Facebook schloss eine Börsengruppe, die "Robinhood Stock Traders", die über etwas mehr als 157.000 Mitglieder verfügt. Ob ein direkter Zusammenhang mit den Vorgängen an den Märkten besteht, ist zumindest unklar.

Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert eine Facebook-Sprecherin, wonach die Gruppe gegen die Community Standards verstoßen habe. Mit den aktuellen Vorgängen am Aktienmarkt habe das nichts zu tun. Allen Tran, ein 23-Jähriger aus Chicago und Gründer der Gruppe, sieht das anders. Nützen wird es ihm nichts, die großen Wall-Street-Institutionen dürften erfreut über Facebooks Reaktion sein.    

Den Finanzmärkten, den sozialen Medien und den Handelsplattformen könnte jedenfalls eine interessante Debatte über Regeln und Regulierungen bevorstehen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. Januar 2021 um 11:26 Uhr.

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