Metallindustrie, Salzgitter | Bildquelle: dpa

Vorhersagen zur Konjunktur Was Wirtschaftsprognosen leisten

Stand: 04.04.2019 02:45 Uhr

Ökonomieprognosen sind für Wirtschaft und Politik wichtige Orientierungshilfen - auch wenn sie selten punktgenau eintreten. Das gilt auch für das Frühjahrsgutachten, das heute vorgestellt wurde.

Von Hendrik Buhrs, WDR Köln

Eine Wirtschaftsprognose ist eine gigantische Rechenaufgabe. Schnippisch könnte man sie auch einen großen Zahlensalat nennen. Die berühmteste Variante in Deutschland wird zwei Mal jährlich angerichtet, als "Gemeinschaftsdiagnose" von mehreren großen Wirtschaftsinstituten. Deren Mitarbeiter treffen sich in Arbeitsgruppen und geben am Schluss ihrer Beratungen eine Vorschau auf die kommenden Monate, beziehungsweise im Herbst auf das kommende Jahr.

Vor allem auf einen Wert richten sich dabei alle Augen: die geschätzte Entwicklung der deutschen Gesamtwirtschaft. Diese Veränderung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) dient der Bundesregierung für viele weitere Berechnungen. Wenn sich etwa herausstellen sollte, dass die erwarteten Steuereinnahmen nicht ausreichen, um die Ausgaben zu decken, müsste im Finanzministerium noch mal neu kalkuliert werden.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz auf der Regierungsbank im Bundestag | Bildquelle: dpa
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Muss der Finanzminister noch einmal nachrechnen? Das Gutachten soll ihm Leitlinien liefern.

Durchschnittlicher Fehler im Null-Komma-Bereich

"Weder Politik noch Unternehmen fahren gerne im Nebel", meint Christian Odendahl, Chefvolkswirt der Denkfabrik Centre for European Reform in Berlin, die nicht an der Gemeinschaftsdiagnose beteiligt ist. "Mit solchen Prognosen wird versucht, zumindest eine grobe Abschätzung über die wirtschaftliche Zukunft vorzunehmen." Eine Prognose unabhängig erstellen zu lassen, sei vernünftig, damit die Politik sich die Zukunft nicht "schönrechnen" könne.

Die exakten Werte haben die Experten in den vergangenen Jahren mit ihren Prognosen zwar fast nie getroffen, doch die Abweichungen waren geringer als Skeptiker oft behaupten. In ihren Vorhersagen im April des vergangenen Jahres gingen die Ökonomen von einem Wirtschaftswachstum für 2018 von 2,2 Prozent aus. Tatsächlich nahm das Bruttoinlandsprodukt aber nur um 1,5 Prozent zu. Weil noch nicht alle nötigen Einzelstatistiken vorliegen, kann sich der Abstand zwischen Prognose und Realität noch verändern.

Fehlerquote: 0,7 Prozentpunkte

2017 verhielt es sich umgekehrt. Die Prognose sah ein BIP-Plus von 1,5 Prozent, am Ende waren es 2,2 Prozent. Eine Abweichung, die offenbar "typisch" ist: Über den Zeitraum von 1995 bis 2016 lag der "mittlere absolute Fehler" der Gemeinschaftsdiagnosen bei 0,7 Prozentpunkten.

Der größte Vorhersagefehler der vergangenen Jahre betraf die Finanzkrise 2008/2009. Für 2009 hatte die Gemeinschaftsdiagnose im Herbst zuvor ein Mini-Wachstum von 0,2 Prozent vorausgesagt. Tatsächlich stand aber am Jahresende 2009 ein Minus von 5,6 Prozent.

Nockenwellen im BMW-Werk Ilsenburg, Sachsen-Anhalt | Bildquelle: dpa
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Die Gutachter müssen auch mögliche Abwärtstrends in bestimmten Branchen berücksichtigen.

Je besser die Annahmen, um so treffender die Prognose

Eine Voraussage kann dann ins Schwarze treffen, wenn sich die vielen dahintersteckenden Annahmen als richtig erweisen. Wird Deutschland im Sommer aus der EU austreten? Eher unwahrscheinlich. Ändern sich die Trends im Welthandel, wenn der Ton zwischen US-Präsident Donald Trump und China rauer wird? Könnte schon eher passieren. Die Ökonomen haben für unterschiedliche Bereiche der Wirtschaft eigene Rechenformeln, etwa für Importe aus dem Ausland oder für die öffentlichen Investitionen des Staates.

Vom Ölpreis über die Zinshöhe oder den Euro-Wechselkurs bis hin zu möglichen Folgen künftiger Gesetze müssen die Forscher in ihre Formeln so viele Kenngrößen einbauen, wie sie es für richtig halten. Zwar sind in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Daten verfügbar. Andererseits zwingt die zunehmende internationale Verflechtung des Handels auch dazu, zusätzliche Variablen in die Prognosen einzubauen.

Ein Van-Carrier fährt im Hamburger Hafen an einer Reihe gestapelter Container vorbei. | Bildquelle: dpa
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Internationale Verpflechtungen erschweren die Prognosen.

"Unsicherheit verstehen"

Rüdiger Bachmann ist Volkswirt und lehrt in den USA, an der Notre-Dame-Universität in Indiana. "Unbedingte Konjunkturprognosen à la 'das Wachstum des BIP in diesem Jahr wird X Prozent betragen' sind eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit", sagt er. "Jede solche Prognose kann ja das Verhalten der Menschen und Firmen so ändern, dass bestimmte Entwicklungen viel früher oder gar nicht mehr auftreten."

Dennoch hat Bachmann Respekt vor denjenigen, die solche Prognosen beruflich erstellen. "Dass sie daneben liegen, liegt in der Natur der Sache", findet der Volkswirt. "Wichtig ist allerdings, dass die Benutzer solcher Prognosen sowohl deren Unsicherheit als auch die genannten Rückkopplungseffekte verstehen."

"Trotz aller Schwächen sind und bleiben Konjunkturprognosen zur Orientierung von Wirtschaft und Politik unentbehrlich", schreibt das Münchner IFO-Institut, das zum Kreis der Gemeinschaftsdiagnosen-Ersteller gehört, in einer aktuellen Analyse. Konjunkturforscher seien weder "Hellseher noch Propheten", aber sie könnten dazu beitragen, die Unsicherheit von Unternehmen und Politikern zu verringern.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. April 2019 um 04:50 Uhr.

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