Containerumschlag im Hamburger Hafen: Das Wirtschaftswachstum könnte zum Erliegen kommen. | Bildquelle: dpa

Risiken für die Wirtschaft Bangen um den Aufschwung

Stand: 28.10.2020 19:10 Uhr

Verkraftet die deutsche Wirtschaft einen weiteren Lockdown, auch wenn er nur manche Branchen trifft? Viele Ökonomen blicken mit Sorge auf die kommenden Monate und die Gefahren der zweiten Corona-Welle.

Die bevorstehenden neuen Corona-Einschränkungen haben Befürchtungen vor einem schweren Rückschlag für die deutschen Wirtschaft aufkommen lassen. "Der Aufschwung wird sehr wahrscheinlich deutlich ausgebremst werden", sagte der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claus Michelsen. Viele Unternehmen hätten noch mit den Folgen des Lockdowns vom Frühjahr zu kämpfen und kaum noch finanzielle Reserven.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet bei einem neuen Lockdown nicht mehr damit, dass die Wirtschaft zum Jahresende noch wächst. "Stattdessen könnten wir uns über eine schwarze Null freuen, wobei das Risiko einer zweiten Rezession beträchtlich ist", sagte Krämer der Nachrichtenagentur Reuters. "Man kann die Wirtschaft nicht wie eine Lampe ein- und ausschalten, ohne dass es zu massiven Schäden kommt."

Viele Jobs bedroht

Bislang waren Ökonomen davon ausgegangen, dass die Wirtschaftsleistung im Herbst zunimmt - wenngleich längst nicht mehr so stark wie im Sommer. Nach Berechnungen des DIW lag das Plus zwischen Juli und September bei etwa sechs Prozent. Im Frühjahr war die Wirtschaft wegen des Lockdowns um fast zehn Prozent eingebrochen, so stark wie noch nie.

Die stark steigenden Infektionszahlen und mögliche neue Beschränkungen für das Gastgewerbe sowie Veranstalter hatten zuletzt nicht nur die Kauflaune der Deutschen schwinden lassen. Die ohnehin schlechten Erwartungen der Unternehmen für ihre Geschäfte in den kommenden Monate trübten sich ein.

Auf dem Arbeitsmarkt hat die Coronakrise bereits deutliche Spuren hinterlassen. Trotz der massiven Inanspruchnahme der Kurzarbeit fielen bis zum August 670.000 Jobs weg. Die staatliche Förderbank KfW befürchtet, dass bis zum Jahresende insgesamt mehr als eine Million Arbeitsplätze verloren gehen könnten.

DAX fällt unter 12.000 Punkte

Auch die Börsen belastet die neue Corona-Welle zunehmend. Der Aktienindex DAX brach vor den Beratungen von Kanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder ein. Zwischenzeitlich sackte er um bis zu fünf Prozent ab - erstmals seit Juni wieder unter die Marke von 12.000 Zählern.

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), warnte im "Handelsblatt" vor den Folgen eines weiteren Lockdowns vor allem für den Einzelhandel, Hotels und Gaststätten. Die wirtschaftspolitischen Instrumente im Kampf gegen die Rezession seien "weitgehend ausgereizt", so der Ökonom. "Es wäre sträflich naiv zu glauben, der zweite Lockdown sei nur eine Wiederholung des ersten."

Teile der Wirtschaft dringen angesichts der zugespitzten Corona-Lage auf neue Hilfen vom Staat. Der Deutsche Tourismusverband (DTV) forderte kurzfristige weitere Unterstützung für die Betriebe. "Wenn sich die Situation jetzt weiter in dem Maße verschärft wie bisher und die Branche quasi wieder in den Lockdown geschickt wird, müssen die verbesserten Überbrückungshilfen unverzüglich noch ab November wirksam werden", sagte Verbandsgeschäftsführer Norbert Kunz.

Hilfen für kleine Betriebe geplant

Nach Plänen von Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) könnten Firmen, die besonders von neuen Corona-Regeln betroffen sind, große Teile ihres Umsatzausfalls vom Bund ersetzt bekommen. Die Kosten bezifferte Scholz demnach auf sieben bis zehn Milliarden Euro für vier Wochen.

Konkret könnten kleine Betriebe bis zu 75 Prozent ihrer Umsatzausfälle erstattet bekommen, größere Betriebe bis zu 70 Prozent. Vergleichsmaßstab sind die Umsätze des Vorjahresmonats, also zunächst von November 2019. Nach Informationen des "Handelsblatts" sollen bereits gewährte Zahlungen wie Überbrückungshilfen oder Kurzarbeitergeld von den Nothilfen abgezogen werden. Es gehe vor allem um Betriebe in der Gastronomie oder im Tourismus.

Das Geld könnte aus dem bereits existierenden Topf für Überbrückungshilfen stammen. Von den dafür vorgesehen 25 Milliarden Euro wurden bislang erst rund zwei Milliarden Euro abgerufen. Der Bund plant, die Überbrückungshilfen, Zuschüsse für kleine und mittlere Firmen, bis Mitte 2021 zu verlängern. Ursprünglich sollten sie zum Jahresende auslaufen. Außerdem soll bei den Bedingungen für Hilfen etwa für die schwer belastete Kultur- und Veranstaltungswirtschaft nachgebessert werden.

"Faktischer Lockdown" für den Einzelhandel?

Die neuen Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern kommen nach Einschätzung des Handelsverbands Deutschland (HDE) einem Lockdown gleich. Zwar dürften die Geschäfte geöffnet bleiben, erklärte der Verband. "Aber es werden voraussichtlich nur wenige Kunden den Weg in die Stadtzentren finden". Dieser "faktische Lockdown" gefährde zahlreiche Einzelhändler in der Innenstadt.

Viele Händler seien deshalb auf schnelle und unkomplizierte staatliche Hilfen angewiesen. Positiv wertete der HDE, dass in den Geschäften statt wie ursprünglich geplant ein Kunde pro 25 Quadratmetern nun ein Kunde pro zehn Quadratmetern Verkaufsfläche zugelassen sein soll. Dies werde den Händlern helfen, längere Schlangen vor den Geschäften und in der Folge unnötige Ansteckungsrisiken zu vermeiden.

Der Deutsche Landkreistag kritisierte die Vereinbarungen zur Gastronomie und zu Hotelübernachtungen. "Das schießt über das Ziel hinaus", erklärte Landkreistagspräsident Reinhard Sager. Das hauptsächliche Infektionsgeschehen spiele sich derzeit vor allem im privaten Bereich ab. Eine Schließung von Restaurants, Cafes und Hotels sei "weder geeignet noch erforderlich", da auf Sperrstunden ab 23:00 Uhr und ein nächtliches Verbot des Alkoholverkaufs zurückgegriffen werden könne.

"Kultur ist systemrelevant"

In Berlin demonstrierten erneut Tausende Menschen für mehr Unterstützung für die Veranstaltungsbranche. Die Branche stehe vor einer Pleitewelle, erklärte die Initiative #AlarmstufeRot. "Die Kultur stirbt" oder "Kultur ist systemrelevant" stand auf Plakaten von Teilnehmern. Unterstützung erhielten die Demonstranten unter anderem von "Tote Hosen"-Frontmann Campino, Schauspieler Dieter Hallervorden, Opernsänger René Kollo und Schlagersänger Roland Kaiser.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. Oktober 2020 um 11:00 Uhr.

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