Zwei Passanten mit Mund-Nasen-Schutz laufen an einem geschlossenen Geschäft vorbei. | Bildquelle: dpa

Britische Wirtschaft Düstere Aussichten im Königreich

Stand: 12.08.2020 17:38 Uhr

Großbritannien steht vor gewaltigen Herausforderungen: Die Wirtschaft ist im zweiten Quartal massiv eingebrochen, eine Entlassungswelle droht. Das Kurzarbeiterprogramm will die Regierung trotzdem nicht verlängern.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Es ist ein Einbruch, wie es ihn in Großbritannien noch nie gegeben hat: Im zweiten Quartal ist die Wirtschaft um 20,4 Prozent geschrumpft. Der Absturz ist größer als in anderen europäischen Staaten und rund doppelt so groß wie in Deutschland. Zurückgeführt wird er unter anderem darauf, dass sich Großbritannien noch im Lockdown befand, als in anderen Staaten das Wirtschaftsleben schon wieder anzog, aber auch darauf, dass das Königreich im Vergleich stärker von der Corona-Pandemie betroffen war.

Finanzminister Rishi Sunak lieferte im BBC-Interview außerdem noch eine weitere Erklärung: "In unserer Wirtschaft machen soziale Aktivitäten - wie im Restaurant zu essen, einzukaufen oder ins Kino zu gehen - einen viel größeren Anteil aus als bei unseren europäischen Nachbarn. Und da wir diese Bereiche aber für fast drei Monate schließen mussten, ist es nicht überraschend, dass das einen besonders großen Einfluss auf unsere Wirtschaft gehabt hat."

Schnelle Erholung der Wirtschaft unwahrscheinlich

Die britische Regierung hatte am 23. März einen Lockdown verhängt. Im Juni erholte sich die Wirtschaft infolge von Lockerungen erwartungsgemäß wieder und wuchs um 8,7 Prozent - und das war mehr, als Analysten erwartet hatten. Aber die Hoffnung darauf, dass die Erholung eine V-Form haben könnte, bei der die Wirtschaft nach einem steilen Absturz ebenso stark wieder anzieht, hat sich wohl erledigt.

John David Caudwell, ein britischer Milliardär und Geschäftsmann, hat zu keinem Zeitpunkt an das "V" geglaubt. "Das war nie wahrscheinlich. Das war ein kompletter Unsinn", sagt er. "Ich glaube, die Leute haben einfach nicht verstanden, welchen Schaden das Coronavirus in der Wirtschaft anrichten würde. Die aktuelle Zahl der Arbeitslosen ist eine nur sehr kleine Vorschau auf das, was in den nächsten Monaten passieren wird."

Riesige Entlassungswelle befürchtet

Schon jetzt ist die Zahl der Beschäftigten so stark zurückgegangen wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr. Und im Herbst wird eine riesige Entlassungswelle befürchtet. Denn das staatliche Kurzarbeitergeld soll stufenweise reduziert werden und am 31. Oktober ganz auslaufen.

Finanzminister Sunak betont, dass es auch danach noch staatliche Hilfen geben werde. So gelte etwa für die Tourismus- und Gastronomiebranche weiterhin eine reduzierte Mehrwertsteuer von fünf Prozent. Außerdem würden Arbeitgeber für jeden derzeit freigestellten Mitarbeiter, den sie bis mindestens Januar weiter beschäftigen, 1000 Pfund Bonus erhalten.

An der Befristung des Kurzarbeitergeldes hält Sunak jedoch fest: "Das ist eine der schwierigsten Entscheidungen gewesen, die ich treffen musste. Aber wenn man sich das noch mal anschaut: Insgesamt wird die Regierung acht Monate lang dabei helfen, Gehälter zu zahlen, und das ist eine sehr lange Zeit. Ich glaube, die meisten Leute würden zustimmen, dass das nicht auf unbestimmte Zeit tragbar ist."

Gewerkschaften fordern längeres Kurzarbeiterprogramm

Kate Bell vom Trade Union Congress, dem gewerkschaftlichen Dachverband in Großbritannien, sieht das - zumindest für die kommenden Monate - anders. "Wir glauben, dass es sinnvoll wäre, das Kurzarbeitergeld zu verlängern, vor allem für die Unternehmen, von denen wir wissen, dass sie überlebensfähig sind, die einfach nur wegen der Corona-Beschränkungen keinen Handel treiben können", sagt sie. "Eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes würde helfen, Jobs zu sichern und damit die Fähigkeiten der Mitarbeiter, und es würde der Wirtschaft helfen, wieder in Bewegung zu kommen."

Diese Forderung ist auch von immer mehr Unternehmern zu hören. "Leider hat es bei uns Entlassungen gegeben. Ich habe 40 Angestellte, acht musste ich entlassen", sagt Tom Harrington, der mehrere Pubs besitzt. "Die anderen sind mithilfe des Regierungsprogramms freigestellt. Aber meine Absicht ist, sie alle später wieder zu beschäftigen."

Allerdings läuft das Geschäft im Augenblick nicht besonders gut. Harrington konnte noch nicht alle Pubs wieder öffnen und bei dem, der in Betrieb ist, sind die Zahlen nicht überragend: "Seitdem wir wieder geöffnet haben, ist der Umsatz gewachsen. Zuletzt waren wir zurück bei etwa 50 Prozent dessen, was wir vor dem Lockdown verdient haben."

Britische Wirtschaft bricht um rund ein Fünftel ein
Imke Köhler, ARD London
12.08.2020 12:06 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. August 2020 um 18:00 Uhr.

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