Steigende Preise Kommt eine neue Ära der Inflation?

Stand: 03.02.2021 15:59 Uhr

Experten gehen davon aus, dass die Verbraucherpreise in den kommenden Monaten weiter steigen werden. Steht in diesem Jahr ein großer Inflations-Schub bevor?

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

An den globalen Finanzmärkten wird derzeit der große "Reflation Trade" gespielt. Diese Spekulation auf eine Rückkehr der Inflation geht mit steigenden Preisen für Rohstoffe und Finanzwerte einher. Gold und Silber sind als Absicherungsinstrumente gegen steigende Teuerungsraten gefragt. Ein Börsen-Bonmot besagt, an den Märkten werde die Zukunft gehandelt. Müssen sich also auch Verbraucher und Unternehmen auf ein neues Zeitalter der Inflation einstellen?

Chart zur Inflationsrate in Deutschland Februar 2020 bis Januar 2021
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Nach Monaten negativer Inflationsraten, machten die Verbraucherpreise im Januar einen Satz nach oben

Es gibt Indizien, die zumindest auf den ersten Blick in diese Richtung deuten. So war die deutsche Inflationsrate im Januar überraschend deutlich von minus 0,3 Prozent auf plus 1,0 Prozent nach oben geschnellt. Ökonomen führten das zwar in erster Linie auf Sonderfaktoren zurück: Die Wiederanpassung der zeitweise reduzierten Mehrwertsteuersätze und die Einführung der CO2-Abgabe per 1. Januar trugen laut Berechnungen der Commerzbank allein 0,4 Prozentpunkte zum Anstieg der Verbraucherpreise bei.

Nachgeholter Konsum

Doch schon jetzt zeichnen sich weitere preistreibende Entwicklungen ab. Experten wie Ivan Mlinaric vom Vermögensverwalter Quant.Capital Management rechnen nach einem Ende des Lockdowns mit Nachholeffekten beim Konsum. Geld zum Ausgeben ist im Schnitt allemal vorhanden: 2020 war die Sparquote in der Bundesrepublik auf 16 Prozent hochgeschossen - den höchsten Wert seit der Wiedervereinigung.

Während Corona sparen, nach Corona ausgeben - das dürfte in vielen Haushalten das Motto für die kommenden Monate sein. Die hohen Ersparnisse stellen ein großes Potenzial für einen Aufschwung der Wirtschaft, aber auch für steigende Preise dar.

Ölpreise als Inflationstreiber

Hinzu kommt: Die Inflationsrate dürfte in den kommenden Monaten allein aufgrund technischer Faktoren weiter steigen. Ab März dürfte es zu einem absehbaren Basiseffekt kommen, sollten sich die Rohölpreise in etwa auf ihrem aktuellen Niveau von rund 50 Euro pro Barrel halten; das ist nämlich rund doppelt viel wie noch im März und April 2020 (rund 25 Euro pro Barrel).

Allein die Energiepreise dürften damit die Inflationsrate, die ja im Vergleich zum Vorjahr ausgewiesen wird, ab dem Frühjahr weiter antreiben. Carsten Klude, Chefökonom beim Bankhaus M.M. Warburg, beziffert die Größe dieses Effekts auf rund zwei Prozentpunkte.

Im weiteren Verlauf des Jahres könnten zudem die derzeit aufgrund der hohen Auslastung in der Industrie steigenden Kosten für viele Vorprodukte und Logistikdienstleistungen inflationär wirken, glaubt Carsten Mumm, Chefvolkswirt der Privatbank Donner & Reuschel.

Ungewissheit im zweiten Halbjahr

Vor dem Hintergrund all dieser Faktoren ist in den ersten beiden Quartalen mit steigenden Inflationsraten in Deutschland zu rechnen. Bis zu diesem Punkt sind sich jedenfalls die meisten Volkswirte einig. Doch was die Zeit ab dem zweiten Halbjahr betrifft, gehen die Meinungen stark auseinander.

Während die einen auf anhaltend steigende Wachstums- und Inflationsraten setzen, wenn die Wirtschaft wieder hochgefahren wird, glaubt etwa Ariel Bezalel, Chef der Anleihen-Strategie bei Jupiter Asset Management, dass dieser Effekt nach ein oder maximal zwei Quartalen verpuffen dürfte. "Den Beginn eines neuen Inflationstrends werden wir dadurch sicherlich nicht sehen."

Stark steigende Löhne nicht in Sicht

Experten verweisen in diesem Kontext gerne auf die chinesische Wirtschaft, die bereits wieder kräftig wächst, ohne auch nur irgendwelche Anzeichen einer höheren Inflation zu zeigen.

"Noch verhindert eine hohe Unterbeschäftigung eine Rückkehr der Inflation in Deutschland", heißt es von den Commerzbank-Ökonomen um Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die berüchtigte Lohn-Preis-Spirale könnte demnach vorerst gar nicht in Gang kommen.

Mehr Geld nicht unbedingt gleich mehr Inflation

Doch was ist mit den Unsummen an Geld, das die Europäische Zentralbank seit Jahren ins System pumpt - müssen das nicht unweigerlich zu einer höheren Teuerungsrate führen? Das war schließlich das Credo der Monetaristen: Wenn die Zentralbanken heute zu viele neue Banknoten säen, werden sie morgen Inflation ernten.

Doch die dominante geldpolitische Ideologie der vergangenen Jahrzehnte wurde seit der Finanzkrise ad absurdum geführt: "In den vergangenen Jahren war es eher so, dass ein sehr hohes Geldmengenwachstum mit sehr niedrigen Inflationsraten einherging", so Warburg-Experte Klude.

Effekt durch steigende Zahl der Rentner

"Die seit einiger Zeit zu stark steigenden Geldmengen werden erst dann zu einer höheren Inflation führen, wenn die große demographische Wende zu einer nennenswerten Verknappung von Arbeit führt", so die Experten der Commerzbank.

Dieser demographische Effekt auf die Inflationsrate lässt sich darauf zurückführen, dass Ruheständler nach wie vor stark konsumieren, aber per definitionem nicht mehr produzieren. Daraus resultiert ein Ungleichgewicht von Güterangebot und -nachfrage, welches inflationär wirkt.

Technologischer Fortschritt bremst Inflation

Doch auch dieser inflationäre Effekt könnte ausgebremst werden: durch den technologischen Fortschritt. Die Digitalisierung, die durch die Pandemie einen neuen Schub erhalten hat, erlaubt es den Unternehmen, effizienter zu wirtschaften.

So genannte "disruptive" Technologien wie Künstliche Intelligenz, Robotik und Automatisierung haben demnach negative Auswirkungen auf Löhne und Beschäftigung - und damit eine stark deflationäre Wirkung. Das könnte die Inflationsrate nach einem kurzen Aufflackern im ersten Halbjahr 2021 erst einmal in Schach halten.

Preise in EU-Staaten steigen wieder
Holger Beckmann, ARD Brüssel
03.02.2021 15:54 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Januar 2021 um 17:20 Uhr.

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