Ein Mitarbeiter geht mit einem Mund- und Nasenschutz an Fahrzeugen in der Produktion vorbei. | Bildquelle: dpa

Corona-Beschlüsse Neuer Konjunkturdämpfer befürchtet

Stand: 20.01.2021 14:03 Uhr

Ökonomen rechnen wegen des verlängerten Lockdowns mit einem weiteren Dämpfer für die deutsche Wirtschaft - allerdings könnte der geringer ausfallen als befürchtet. Denn die Industrie bleibt weitgehend verschont.

Die verschärften Lockdown-Beschlüsse dürften Ökonomen zufolge die Konjunktur in Deutschland bremsen, aber nicht abwürgen. "Die Entscheidungen von Bund und Ländern werden die wirtschaftliche Aktivität zum Jahresbeginn weiter drücken", sagte der Chef der Wirtschaftsweisen, Lars Feld, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Durch die Verlängerung bis Mitte Februar dürfte die Wirtschaft im ersten Vierteljahr stagnieren, teilte auch das ifo-Institut am Mittwoch mit. "Jede Woche, um die der Lockdown verlängert wird, führt unmittelbar zu Einbußen bei Umsatz, Produktion und Wertschöpfung", sagte ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Für das zweite Quartal sei ein Plus von etwa drei Prozent zu erwarten - falls die beschlossenen Maßnahmen bis März wieder rückgängig gemacht werden.

"Natürlich belastet der verlängerte Lockdown die Wirtschaft massiv - vor allem den Einzelhandel und die kontaktintensiven Dienstleistungen", erklärte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer gegenüber Reuters. Die Wirtschaftsleistung sei während des Lockdowns rund vier Prozent geringer als ohne Beschränkungen.

Industrie weiterhin Konjunkturmotor

Das "ökonomisch Schlimmste" sei aber vermieden worden, sagte LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert. "Die beschlossenen Maßnahmen greifen stärker in das Wirtschaftsgeschehen ein, aber die Träger der konjunkturellen Erholung - insbesondere die Industrie - bleiben weitgehend verschont."

Andere Ökonomen sehen das ähnlich. Die Verlängerung des Lockdowns drücke die Wachstumsperspektiven für das erste Quartal nochmals etwas, sagte DekaBank-Experte Andreas Scheuerle. "Die Verschärfungen blieben aber weit hinter den ersten Meldungen zurück."

Aus ökonomischer Sicht seien insbesondere das Herunterfahren des Personenverkehrs, ein möglicher Lockdown für die Industrie und Grenzschließungen eine Gefahr gewesen. "Diese sind vorerst vom Tisch."

Einzelhandel fordert schnelle Hilfen

Die Industrie, die derzeit die wirtschaftliche Entwicklung trage, werde "weiter Konjunkturmotor sein können", so der Wirtschaftsweise Feld. Denn auch das beschlossene Homeoffice-Gebot werde die Produktion im verarbeitenden Gewerbe wenig beeinträchtigen. Gegenüber früheren Vorschlägen aus dem Arbeitsministerium war die Aufforderung noch abgeschwächt worden.

Lars Feld | Bildquelle: dpa
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Der Chef der Wirtschaftsweisen, Lars Feld, hofft weiterhin auf die Industrie.

Dementsprechend erleichtert reagierte die Industrie auf die neuen Beschlüsse von Bund und Ländern. Positiv wurde vor allem aufgenommen, dass Fabriken nicht zwangsweise geschlossen werden. Der Präsident des Industrieverbandes BDI, Siegfried Russwurm, sagte im Deutschlandfunk, es sei seit Ausbruch der Pandemie in den Fabriken viel verbessert worden.

Eine Schließung der Industrie hätte verheerende Folgen gehabt: "Das ist nicht wie ein Garagentor öffnen und schließen." Bei einem Herunterfahren um einen Monat und danach einem weiteren Monat, um die Prozesse wieder in Gang zu bringen, würde die Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft von etwa 3,5 Prozent für 2021 schnell ins Negative kippen. "Die Auswirkungen auf das Industrieland Deutschland wären wirklich immens, auch nicht einfach aufholbar."

Zusätzliche Corona-Hilfen soll es für Selbstständige und Unternehmen geben. Der Einzelhandel forderte die Bundesregierung auf, diese rasch umzusetzen, um Pleiten zu verhindern. "Der vom Lockdown betroffene Einzelhandel verliert an jedem geschlossenen Verkaufstag im Januar durchschnittlich 600 Millionen Euro Umsatz", sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. "Die Bundesregierung muss jetzt liefern, die Durststrecke könnte sonst für bis zu 50.000 Geschäfte zu lang werden."

Maßnahmen zu schwach?

DIW-Präsident Marcel Fratzscher hält die Verlängerung des Lockdowns für unausweichlich. "Ich befürchte aber, die eingeschlagene Strategie ohne wesentliche Verschärfung der Maßnahmen ist unzureichend, zu zögerlich und zu zaghaft." Die zweite Corona-Welle müsse schnellstmöglich gebrochen werden, auch um langfristig enorme wirtschaftliche Schäden abzuwenden.

"Dies könnte die letzte Chance sein, einen noch tieferen Wirtschaftseinbruch zu vermeiden, denn viele Unternehmen sind in ihrer Existenz bedroht", so der Ökonom. Ein harter Lockdown sei zwar unmittelbar ein tiefgreifender Einschnitt für Unternehmen und Selbstständige.

Zu zögerliche Schritte der Politik, die womöglich in eine dritte Infektionswelle münden könnten, würden für noch mehr Verunsicherung bei Unternehmen, Selbstständigen und Verbrauchern sorgen. "Dies hätte verheerende Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung."

DIW-Präsident Marcel Fratzscher | Bildquelle: dpa
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DIW-Präsident Marcel Fratzscher findet die neuen Beschlüsse zu zaghaft.

IWF korrigiert BIP-Schätzung nach unten

Im laufenden ersten Quartal dürfte das Bruttoinlandsprodukt Commerzbank-Experte Krämer zufolge um zwei Prozent zum Ende 2020 sinken. Für das Frühjahr gilt laut DekaBank-Analyst Scheuerle: "Je stärker die wirtschaftliche Entwicklung im ersten Quartal unterdrückt wird, desto stärker wird der Rückprall im zweiten Quartal erfolgen - allerdings nur, wenn die Fesseln des Lockdowns gelöst werden."

Der Internationale Währungsfonds (IWF) traut der deutschen Wirtschaft für das Gesamtjahr eine spürbare Erholung zu. Das BIP dürfte um 3,5 Prozent wachsen, hatten die Experten am Dienstag mitgeteilt. Damit korrigiert der IWF allerdings zum zweiten Mal in gut sechs Monaten die Schätzung nach unten - im Oktober hatte die Prognose bei 4,2 Prozent gelegen, im Juni noch 1,2 Punkte höher.

Die Bundesregierung prognostizierte bislang einen Anstieg von 4,4 Prozent, wird diese Schätzung aber Ende Januar überarbeiten. Der längere Lockdown dürfte für eine vorsichtigere Prognose sorgen.

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