Flugzeuge von Air Berlin auf dem Vorfeld des Hauptstadtflughafens BER in Schönefeld  | Bildquelle: dpa

Krise in der Luftfahrt Darum verschwinden so viele Airlines

Stand: 08.07.2019 14:05 Uhr

Viele Urlauber werden demnächst voller Vorfreude ins Flugzeug steigen - ohne zu ahnen, wie sehr die Luftfahrtbranche zu kämpfen hat. Viele Airlines gingen schon Pleite, weitere werden folgen.

Eine Analyse von Michael Immel, ARD-Luftfahrtexperte

Der Preiskampf ist ruinös. Fliegen ist auf vielen Strecken so billig wie noch nie. Passagiere erleben einen Preiswahnsinn mit Lockangeboten für wenige Euros. Es ist die Endphase der Konsolidierung - das spürt die ganze Luftfahrtbranche. Denn die Medaille hat eine Kehrseite. Die Liste insolventer Fluggesellschaften wird länger. Mehr als 20 Insolvenzen in den zurückliegenden eineinhalb Jahren.

Einige Fluggäste haben es schmerzhaft erlebt, Tausende sind gestrandet. Denn unter den Pleiten sind namhafte Fluggesellschaften wie Germania, Small Planet, Flybmi und Wow Air. Immer mehr Airlines verschwinden aus dem hart umkämpften Markt. Natürlich sind es bis zu einem gewissen Grad zunächst individuelle Gründe, die zur Einstellung des Flugbetriebs geführt haben. Aber es zeigt sich auch, dass viele kleinere Airlines nicht genug Geld in der Kasse haben, um im Konkurrenzkampf überleben zu können.

Ein Airberlin-Flugzeug fährt in eine Wartungshalle | Bildquelle: dpa
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Das Aus von Air Berlin hat viel mit den heutigen Problemen der Branche zu tun.

Folge der Air-Berlin-Pleite

Die jetzige Pleitewelle hat viel zu tun mit dem Ausscheiden von Air Berlin im Herbst 2017. Der Markt ist neu aufgeteilt worden. Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft verschwand. Aber die Probleme der Branche wuchsen. Denn viele Airlines haben sich vor allem auf lukrative Strecken zu sogenannten Warmwasserzielen am Mittelmeer fokussiert. Das führte zu einem Überangebot, auch Tickets zu Schnäppchenpreisen konnten die Lage nicht retten. Und so brachte die vergangene Ferienzeit etliche Verluste für Fluggesellschaften. Preisdruck, Überkapazitäten: Das ist vor allem ein europäisches Thema.

Carsten Spohr | Bildquelle: dpa
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Lufthansa-Chef Spohr kritisiert den Preiskampf in der Branche.

Das Flugangebot ist seit dem Air-Berlin-Grounding größer geworden - und der Wettbewerb härter. "Inzwischen sind die Preise wieder stark gesunken, teilweise auf einen einstelligen Euro-Betrag, was ich für unverantwortlich halte. Nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch und politisch ist das bedenklich", sagte Carsten Spohr, Konzernchef der Lufthansa, Anfang Juni im Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung".

Lufthansa spürt Preisdruck

Spohr selbst bremst mittlerweile das Wachstum seiner Billigtochter Eurowings. Denn Wachstum müsse langfristig auch profitabel sein. Mit rund 200 Maschinen ist ein Ziel für die Fluggesellschaft erreicht: Eurowings zählt jetzt zu den drei größten Billigfliegern in Europa. Und wird daran aber auch gemessen. Schließlich hatten unzählige Flugplanänderungen, Verspätungen und Flugausfälle im Vorjahr Flugreisende massiv verunsichert.

Lufthansa rechnet für das laufende Geschäftsjahr mit weniger Gewinn. Als einer der Hauptgründe wird "aggressiver" Geschäftsausbau von konkurrierenden Billigairlines genannt - samt der dadurch fallenden Ticketpreise.

Der Ryanair-Chef Michael O'Leary stützt sein Gesicht in seine Hand. | Bildquelle: AFP
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Ryanair-Chef Michael O'Leary hat den Ernst der Lage erkannt und will das Flugangebot in Deutschland vorerst nicht weiter ausbauen.

Ryanair schrumpft

Selbst Ryanair geht in die Defensive. Chef Michel O'Leary ließ erst jüngst durchblicken, dass er keine Ambitionen hat, das Flugangebot in Deutschland weiter auszubauen. O'Leary ist in Lauerstellung. Er wartet, was die Konsolidierung des Luftfahrtmarktes bringen wird - vor allem, welche Chancen. In diesem Sommer bietet der irische Billigflieger deutlich weniger Flüge an als im Vorjahr.

Eine Analyse des Branchenportals airliners.de verrät: "Die Ryanair Group hat in diesem Sommer ihre Deutschland-Kapazitäten um rund zehn Prozent heruntergefahren." Grundlage der Analyse sind Daten von Abflügen in den zwei Flugplanperioden. Bei Ryanair beträgt das Minus im Angebot knapp über einer halben Million Plätze. Bei Lauda sind es rund 300.000 Plätze weniger.

Ein Flugzeug landet auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld
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Flüge von und nach Berlin-Schönefeld sind wegen des starken Konkurrenzkampfes oft ein Minusgeschäft.

Weitere Konsolidierung

Ein Blick auf die beiden Flughäfen in der Hauptstadt zeigt: In Berlin-Schönefeld ist Ryanair mit elf stationierten Maschinen und 35 Prozent Marktanteil die größte Airline. Und in Berlin-Tegel fasst Ryanair nach der Übernahme der Lauda-Basis stärker Tritt. Klar ist aber auch: Das Berlingeschäft ist ein Minusgeschäft für den Billigflieger. Der Konkurrenzkampf deckt bislang nicht die Kosten, räumt O´Leary ein. Der Ryanair-Boss glaubt, dass die Ticketpreise in Deutschland auch in den kommenden ein bis zwei Jahren sehr niedrig bleiben werden.

Die Pleite von Wow Air Ende März wird aller Voraussicht nach nicht die letzte in Europa gewesen sein. Denn einige Fluggesellschaften stecken in Schwierigkeiten. Wie geht es weiter beim skandinavischen Billigflieger Norwegian? Mit wie viel Gegenwind muss die krisengeplagte skandinavische Fluggesellschaft SAS klarkommen? Auch bei Alitalia ist immer noch nicht klar, wie die Rettung der angeschlagenen Airline gelingen soll. Und dann ist da auch noch der profitable Ferienflieger Condor, den die Muttergesellschaft Thomas Cook verkaufen will.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. August 2018 um 13:35 Uhr.

Korrespondent

Michael Immel | Bildquelle: hr Logo HR

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