Ein Elefant im Okavango-Delta | Bildquelle: REUTERS

Große Vorkommen vermutet Ölsuche gefährdet Okavango-Delta

Stand: 28.11.2020 16:41 Uhr

Eine kanadische Firma wittert riesige Ölvorkommen in Namibia. Doch die Einwohner der Region haben Angst. Sie fürchten, dass die Ölförderung katastrophale Folgen hätte - auch für das berühmte Okavango-Delta.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg 

Offenbar ist es ein gigantisches Erdölvorkommen, das das kanadische Unternehmen ReconAfrica in Namibia entdeckt hat. In der Kavango-Region im Nordosten vermuten die Experten ein größeres Vorkommen in den Sedimenten als im US-Bundesstaat Texas. In den kommenden Wochen sind drei Testbohrungen geplant. Die verschiedenen Standorte befinden sich aber in einem sensiblen Ökosystem - Bewohner und Umweltverbände befürchten schwerwiegende Folgen auch für das Okavango-Delta, ein einzigartiges Ökosystem im Nachbarland Botswana.

"Kein Limit für dieses Unternehmen"

Im Image-Video, das ReconAfrica auf seiner Homepage veröffentlicht hat, spricht Bill Cathey von gewaltigen wirtschaftlichen Aussichten. Er ist in dem Junior-Unternehmen für die Technologie zuständig. "Wir haben noch nie ein Sedimentbecken von dieser Tiefe oder dieser Größe gesehen, das nicht riesige Mengen an Kohlenwasserstoffen hervorgebracht hätte. Wir erwarten, dass wir bestätigen werden, dass ein funktionierendes Kohlenwasserstoffsystem existiert."

Sei dies der Fall, gebe es für dieses Vorhaben "kein Limit", schwärmt Cathey. Erdöl ist hauptsächlich ein Gemisch aus vielen Kohlenwasserstoffen. Es geht um unglaubliche Ressourcen. Für den Anfang rechnet ReconAfrica mit zwei Milliarden Barrel Erdöl - mit deutlich höherem Potenzial in tieferen Gesteinsschichten.

Schwerwiegende Umweltfolgen befürchtet

Was den Energiesektor freuen und Investoren neugierig machen dürfte, erntet zunehmend Gegenwind von Umweltschützern und Anwohnern in der Region. Der Nordosten Namibias ist die einzige größere landwirtschaftlich nutzbare Region in dem Wüstenstaat. Im Ort Rundu lebt Adolf Muremi, der Chef des Bauernverbandes Kavango-Ost. Er steht dem Projekt skeptisch gegenüber.

"Recon Africa sagt, sie hätten die Leute hier informiert - davon ist uns aber nichts bekannt. Man kann doch jetzt schon mit Fehlbildungen bei Babies und mit anderen Krankheiten rechnen, zu der diese Art von Industrie führen kann." Die Landwirtschaft werde genauso betroffen sein wie das Grundwasser, es werde negative Folgen für das Leben für alle Menschen hier haben - da ist sich Muremi sicher.

Umweltschützer erinnern an Nigeria

Das Unternehmen betont, dass es keine Umweltverschmutzung geben wird. Trotzdem warnt Ina-Maria Shikongo von Fridays for Future in Windhuk mit einem eindringlichen Beispiel: "Wir wissen doch alle, was im Niger-Delta passiert ist und wie es dort noch aussieht. Wie soll ein Unternehmen, das kleiner ist als Shell, es schaffen, das Ökosystem intakt zu halten? Wir können doch überall auf der Welt sehen, was dort geschieht, wo fossile Industrien sind."

Im Niger-Delta in Nigeria, in 3500 Kilometer Entfernung, sind nach Aktivitäten des Mineralölkonzerns Shell seit Jahrzehnten Mangroven, Sümpfe und Trinkwasser verunreinigt. Dort wird vom Fluch des schwarzen Goldes geredet. Die Bohrstandorte auf namibischen Gebiet grenzen an mehrere Naturschutzgebiete, und auf dem Gebiet von Botswana befinden sich heilige Stätten der San, der indigenen Bewohner.

Zudem versorgt der einzige Fluss in der Region das weltbekannte Okavango-Delta mit Wasser. Michael Matlapeng vom Tshole Trust, einer Umweltorganisation in Botswana, ist besorgt: "Die Gegend lebt vom Tourismus, und das wird auch Botswana jenseits der Grenze treffen. Da sind viele wilde Tiere. Es würde nicht nur sie töten, sondern das ganze Ökosystem."

"Aufregende Zukunft" - für wen?

ReconAfrica sieht das anders und betont modernere Fördertechniken. Auf einer Investorenkonferenz in Houston hat Konzernvertreter Dough Allan neulich noch die Werbetrommel für das Projekt gerührt: "Wir haben Lizenzen für 3,5 Millionen Hektar Land im Nordosten Namibias und dem Nordwesten Botswanas." Die Chancen und die Gelegenheit hier seien "massiv, und wir haben ganz klar den Vorteil, die ersten zu sein. Wir haben etwas entdeckt, von dem wir glauben, dass es ein neues, gewaltiges Sedimentbecken sein wird." Eine "sehr aufregende Zukunft" verspricht Allan.

ReconAfrica wird in der ersten Dezemberwoche das erste von drei Testlöchern bohren. Wenn die erhofften Rohstoffvorkommen gefunden werden, dann soll die Förderung Mitte des kommenden Jahres beginnen. Das Unternehmen verspricht sich viel von dem Projekt, eigenen Angaben zufolge hat es sich 90 Prozent der Anteile vertraglich gesichert. Dem Staat Namibia stehen zehn Prozent zu - zu wenig, beklagen Aktivisten. Im Nachbarland Botswana sieht es ähnlich aus. Naturschützer haben angekündigt, noch versuchen zu wollen, eine mögliche Ölförderung zu verhindern.

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