Tech-Index NASDAQ Börsen-Revolution mit Anlaufproblemen

Stand: 08.02.2021 11:27 Uhr

Vor 50 Jahren begannen Computer den Aktienhandel in den USA zu erfassen - die NASDAQ war geboren. Was die Börsen revolutionierte, war anfangs keine reine Erfolgsgeschichte.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Bis vor 50 Jahren war das Kaufen und Verkaufen von Aktien in den USA eine komplizierte Angelegenheit. Es gab zwar die großen Börsen, wie die New York Stock Exchange oder die American Stock Exchange. Doch der Markt für Papiere, die dort nicht gelistet waren, war völlig unreguliert, sagt Joseph Hardiman, der langjährige Chef der National Association of Securities Dealers (NASD) in den USA. 

"Wenn ich in Baltimore wohne und Aktien einer Firma in Seattle kaufen will, dann musste ich zu meinem lokalen Broker gehen", so Hardiman. "Der musste dann Broker in Seattle anrufen und den Kurs abfragen. Dann musste ich entscheiden: Kaufen oder nicht - und wenn ja bei welchem Broker. Aber bis dahin konnte sich der Kurs schon wieder geändert haben." Es sein ein "sehr ineffizienter Markt" gewesen.

"Chaotisch und unfair"

So ineffizient, dass der US-Kongress Anfang der 1960er-Jahre eine Studie bei der Börsenaufsicht SEC zu diesem sogenannten "Over the counter"-Handel in Auftrag gab. Mit dem ernüchternden Ergebnis: Der Markt sei "ungeregelt, chaotisch und unfair".

"Der Begriff 'over the counter' kommt daher, dass man zum Broker vor Ort gehen und Bargeld über die Theke schieben musste", sagt Hardiman. "Im Gegenzug bekam man das Aktienzertifikat. Das war alles manuell. Entweder man musste selbst hingehen oder anrufen, um einen Kurs zu bekommen."

Und das sollte sich ändern. Hardimans NASD bekam den Auftrag, ein Computersystem zu entwickeln, das diesen gesamten außerbörslichen Handel erfassen sollte. Und am 8. Februar ging die National Association of Securities Dealers Automated Quotations - kurz NASDAQ - an den Start.

Aber auch dieses System brachte erst einmal nur die Kurse der verschieden Broker auf einen Bildschirm. "Ich musste jetzt nicht mehr bei jedem Broker einen Kurs erfragen", sagt Hardiman. "Aber für den tatsächlichen Kauf musste ich dann doch wieder den Broker anrufen. Ich konnte nicht über den Bildschirm das Geschäft abschließen."

Das sollte ich erst 1984 ändern, als zum ersten Mal tatsächlich Aktien per Knopfdruck gehandelt wurden. Doch der erste große Schritt für die NASDAQ kam bereits zuvor - Mitte der 1970er-Jahre:  "Ab da musste der Broker jeden Abschluss der NASDAQ melden", so Hardiman. "Jetzt konnte man nicht nur die unterschiedlichen Kurse sehen, sondern auch welcher Broker bei welcher Notierung den Abschluss gemacht hat. Das hat nicht nur den Markt befeuert, sondern war auch ein Instrument zur Kontrolle."

Kleinere Gewinnspanne für Broker

Das sei die eigentliche Revolution für den Börsenhandel gewesen, sagt der New Yorker Finanzhistoriker John Steele Gordon: "Einfach, weil man viel mehr Informationen hatte. Dadurch wurde auch die Gewinnspanne der Broker kleiner. Das war das Ende der kleinen Boutique-Broker. Sie wurden durch Giganten wie Merrill Lynch ersetzt, die ihrem Umsatz mit Masse machten, die ein kleiner Broker gar nicht abwickeln konnte."

Trotzdem waren die ersten Jahre der NASDAQ keine Erfolgsgeschichte. Der Handel begann genau beim Indexstand von 100. Drei Jahre später war er auf 56 gesunken. Denn der Start war ausgerechnet in eine Krise der Wall Street gefallen. Doch dann wurde die NASDAQ eine große Erfolgsgeschichte, die mit Namen wie Microsoft oder CNN verknüpft ist. 

"Die spannendste Zeit sind die 1990er-Jahre", sagt Gordon. "Der NASDAQ Index stieg und stieg und stieg bis auf 5132 Punkte im März 2000. Ein paar Jahre vorher stand der Index noch bei 1000. Und dann kam der Absturz: Innerhalb eines Monats verlor der Index 40 Prozent seines Wertes."

Mehrere Rückschläge

Die Dotcom-Blase war geplatzt. Der Index brauchte Jahre, um die Verluste wieder aufzuholen. Seitdem hat die NASDAQ weitere Rückschläge weggesteckt: die Terroranschläge vom 11. September, die Finanzmarktkrise, Corona. Heute steht der Index mit über 13.600 Punkten so hoch wie nie. Und für Börsengänge von Startups ist die NASDAQ attraktiv wie eh und je: 

"Es ist viel einfacher an die NASDAQ zu kommen und dort Geld einzusammeln. Die New York Stock Exchange ist nur für die großen Jungs. Aber jeder will da hin", so Gordon. "So wie Microsoft, die an der NASDAQ gestartet sind, aber jetzt auch an der New York Stock Exchange notiert sind."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. Februar 2021 um 07:41 Uhr.

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