Container stehen auf Zügen im ܜberseehafen in Bremerhaven | Bildquelle: picture alliance / Carmen Jasper

Sicherheitsmängel im Güterverkehr "Man holt sich die Lok und fährt los"

Stand: 09.05.2018 11:23 Uhr

Sie arbeiten oft länger als erlaubt, sind übermüdet: ARD-Recherchen zeigen, dass Lokführer von Güterzügen unzureichend kontrolliert werden. Auch auf Güterbahnhöfen gibt es eklatante Sicherheitsmängel.

Von Michael Houben, WDR

Diese Woche rammte ein Nahverkehrszug in Bayern einen Güterzug, vor kaum zwei Wochen verursachte die Entgleisung eines Güterzugs Millionenschäden. Die  Suche nach Ursachen dauert noch an. Bahnunfälle scheinen sich zu häufen.

Der Trend zeigt sich auch in Zahlen des Eisenbahnbundesamtes. Im Jahr 2016 überfuhren Lokführer 526-mal ein rotes Signal - mehr als jemals zuvor. Im August 2014 führte ein überfahrenes Signal in Mannheim zu 35 teils schwer Verletzten. Untersuchungen zeigten: Der Lokführer hatte die gesetzlich erlaubten Arbeitszeiten weit überschritten.

Eine Recherche des ARD-Magazins Plusminus belegt nun: Das ist keine Ausnahme. So berichtet ein Lokführer, der seit Jahren für verschiedene Eisenbahnunternehmen arbeitet: "Die planen oft zehn Stunden 45 Minuten als Dienstzeit. Das Maximum, das erlaubt ist. Die wissen aber genau, dass die Strecke mit Sicherheit länger dauert - das werden regelmäßig 14 oder gar 15 Stunden."

Um zu begreifen, wie so etwas möglich ist, empfehlen Lokführer, sich auf einem Güterbahnhof umzuschauen. Auf mehr als 50 "Übergabestellen" parken bundesweit regelmäßig Lokomotiven. Die Lokführer kommen an, steigen auf die Lok und fahren los. Kontrollen gibt es nicht.

Entgleiste Loks stehen im Güterbahnhof von Cuxhaven (Foto vom 21.02.2018) | Bildquelle: picture alliance / Mohssen Assan
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Im Güterbahnhof in Cuxhaven war im Februar ein Autotransportzug mit einem anderen Güterzug zusammengestoßen.

Kontrollen unzureichend

Für die Gleisanlagen zuständig ist die DB. Ein DB-Mitarbeiter erklärt: "Man wird nicht kontrolliert. Man holt sich die Lok und fährt los. Unsere Kollegen von der DB kennen wir. Aber es kommen auch Lokführer von Drittfirmen: Kein Mensch weiß, wer das ist. Es wird kein Führerschein kontrolliert, keine Kontrolle, ob er dienstfähig ist, also Alkohol, Drogen. Auch die Arbeitszeiten oder vorgeschriebene Ruhezeiten - es wird überhaupt nichts kontrolliert. Das ist freie Wildbahn."

Die DB teilt dazu mit, bei der Disposition ihrer Lokführer würden Arbeitszeiten streng kontrolliert. Allerdings fahren fast die Hälfte aller Güterzüge für andere Bahnunternehmen - und die arbeiten mit mehr als 100 Leiharbeitsfirmen, die Lokführer tageweise vermieten - auch an Tochterunternehmen der DB.

Gewerkschaften: Ruhezeiten überprüfen

Bei Lastwagen oder Bussen werden regelmäßig Fahrtenschreiber überprüft. Jeder Fahrer muss eine Fahrerkarte einstecken, mit der seine Fahr- und Ruhezeiten noch nach Monaten geprüft werden können. Bei Lokomotiven gibt es das nicht. Genau das fordert die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG.

Das Bundesverkehrsministerium erklärt auf Nachfrage, Bahnunternehmen seien verpflichtet die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten und würden vom Eisenbahnbundesamt daraufhin überprüft. Für die Kontrolle der tatsächlichen Arbeitszeiten seien Landesbehörden zuständig, etwa Gewerbeaufsichtsämter.

Der gewerkschaftsnahe Verein Mobifair dokumentiert seit Jahren Verstöße gegen die Arbeitszeitordnung im Bahnverkehr und hält diese Kontrollen für keinesfalls ausreichend.  Das Eisenbahnbundesamt habe dafür nicht genug Personal. Die Gewerbeaufsichtsämter hätten keine Chance, da sie - anders als bei Lkw und Bussen - nicht auf Fahrtenschreiber und Fahrerkarten zurückgreifen könnten.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie bei Plusminus um 21.50 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete plusminus am 09. Mai 2018 um 21:50 Uhr.

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