Das BASF-Werk in

Tarifverhandlungen Chemie Es geht nicht nur um Geld

Stand: 21.11.2019 04:17 Uhr

Allein Lohnerhöhungen zu fordern, scheint in vielen Tarifverhandlungen nicht mehr zeitgemäß. Arbeitnehmer der Chemiebranche fordern auch mehr Pflegevorsorge oder Qualifizierung - doch die Arbeitgeber bremsen.

Von Axel John, SWR Mainz

Kaum eine Region ist von der Chemieindustrie so geprägt wie Ludwigshafen. Allein die BASF hat gigantische Ausmaße: Auf zehn Quadratkilometern arbeiten knapp 40.000 Beschäftigte. Es ist das größte Chemieindustrieareal der Welt. In der Umgebung gibt es rund 200 weitere Chemiefirmen mit mehreren Tausend Angestellten. Die Gewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IGBCE) hat hier ihren größten Bezirk.

Gunther Kollmuß von der IGBCE erzählt, dass es den Beschäftigten in der Tarifrunde um mehr als nur das Geld geht: "Die Erhöhung des monatlichen Entgelts steht nicht so sehr im Mittelpunkt. Vielmehr fordern die Kollegen mehr Freizeit und mehr soziale Absicherung. Hier sind die Belegschaften kampfbereit."

Gewerkschaft will neue Tarifmodelle

Heute startet in Wiesbaden die zweite bundesweite Tarifrunde der Chemiebranche. Die Gespräche sind bis morgen angesetzt. Die Stimmung an der Basis nimmt die Gewerkschaft mit in die hessische Landeshauptstadt. So verlangt die IGBCE ein sogenanntes "Zukunftskonto", ausgestattet mit 1000 Euro jährlich. Jeder Beschäftigte soll entscheiden können, ob er sich das Geld auszahlen lässt oder in Freizeit umwandelt.

"Früher hieß es bei mir im Ruhrpott: Arbeit ist Arbeit und Schnaps ist Schnaps. Diese Trennung gibt es nicht mehr", erklärt Verhandlungsführer Ralf Sikorski. "Gerade die jüngeren Kollegen fordern eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Außerdem steigen die Arbeitsbelastungen immer mehr."

Zusätzliche Pflegeversicherung gefordert

Zudem fordert die Gewerkschaft eine tarifliche Pflegeversicherung. Die soll die finanziellen Lücken in der gesetzlichen Vorsorge schließen. Im Haustarifvertrag bei Henkel hat man nach Gewerkschaftsangaben erste, gute Erfahrungen mit dem Instrument gemacht. Jetzt will die IGBCE eine bundesweite Regelung. "Die gesetzliche Pflege reicht in vielen Fällen vorn und hinten nicht. Das ist eine gesellschaftliches Megathema. Hier brauchen wir innovative Tarifabschlüsse."

Auch die Chemiebranche steht wegen der Digitalisierung vor einer tiefgreifenden Transformation. Deshalb verlangt die IGBCE noch zusätzliche Qualifizierungen für die Beschäftigten. Eine "spürbare Lohnerhöhung" rundet den Forderungskatalog ab. Im laufenden Verhandlungspoker will die IGBCE eine konkrete Zahl für mehr  Entgelte aber - noch - nicht nennen.    

Chemieindustrie im Abwärtssog

Der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Georg Müller, muss beim Blick auf diese Forderungen tief durchatmen. Müller kennt die Branche genau. Der Personalchef der Bayer AG ist seit vier Jahren auch der Verhandlungsführer der Unternehmen. In dieser Tarifrunde ist für ihn vieles anders: Nach den Boom-Jahren hat der Abschwung auch die Chemieindustrie erfasst. Zuletzt wurden die Zahlen mehrfach korrigiert - immer nach unten.

Für 2019 erwartet die Branche in der Produktion ein Minus von sechs Prozent, der Umsatz rauscht um fünf Prozent nach unten. Müller mahnt deshalb zu Maß und Mitte. "Der Ausblick über 2019 hinaus ist ebenfalls schwierig. Diese negative Gesamtentwicklung setzt uns in der Tarifrunde unter Druck. Der Rückgang in der Produktion und beim Umsatz bei stabiler Beschäftigung macht vielen Firmen Probleme. Gleichzeitig müssen die Unternehmen gerade jetzt investieren, um Standorte und Arbeitsplätze langfristig zu erhalten."

Nachfrage bricht ein

Vor allem die Krise der Automobilindustrie setzt dem drittgrößten Industriezweig in Deutschland zu. Dazu kommen eine schwache Inlandsnachfrage, schleppende Geschäfte in der EU und die globalen Handelskonflikte. Vor diesem Hintergrund rechnet Müller vor: "Allein das Zukunftskonto und die Pflegezusatzversicherung ergeben zusammen schon Mehrkosten von 2,5 Prozent. Dazu kommt noch die Qualifizierung der Mitarbeiter." Auch das koste Geld, sagt Müller. "Hier sind nicht nur die Arbeitgeber gefordert. Und dann will die Gewerkschaft auch noch ein spürbares Lohnplus. Da braucht es schon viel Phantasie, um die Kosten im Griff zu halten."

Produktionsstraße bei VW
galerie

Die Krise der Automobilindustrie wirkt sich auch in der Chemiebranche aus.

"Über Nullrunden müssen wir nicht philosophieren"

In den Verhandlungsrunden wurde von Unternehmerseite immer wieder das Wort "Nullrunde" bei den Löhnen fallen gelassen. Das weckt beim Gewerkschafter Sikorski die Kampfeslust. "Es werden Horrorszenarien verbreitet. Die allermeisten Betriebe schreiben unter dem Strich keine roten Zahlen. Nach acht Rekordjahren haben wir einen Rückgang, aber keine Rezession. Wir kehren jetzt eher zur Normalität zurück." Einige Firmen stünden zwar vor Herausforderungen, räumt Sikosrski ein. "Aber dem werden wir nicht mit einem halben Prozentpunkt mehr oder weniger Lohn gerecht. Wir haben Öffnungsklauseln oder Standortvereinbarungen, um passgenau zu reagieren. Über Nullrunden müssen wir also nicht philosophieren."

In den zurückliegenden Jahren liefen die Tarifrunden relativ harmonisch ab. Es gab viel zu verteilen. Das ist diesmal anders. Für einen Tarifabschluss müssen Arbeitgeber und Gewerkschaft noch an der richtigen Mischung arbeiten. Noch stimmt die Chemie zwischen beiden Seiten nicht.  

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. November 2019 um 21:45 Uhr.

Darstellung: