Biotechnologie in Deutschland Viele Ideen, wenig Geld

Stand: 27.02.2021 07:48 Uhr

Spätestens durch die Erfolge von BioNTech und CureVac ist Biotechnologie aus Deutschland weltweit in aller Munde. Dabei fristet die Branche hierzulande immer noch ein Schattendasein.

Von Axel John, SWR  

Wendelsheim in Rheinland-Pfalz ist bei Wanderern beliebt. Zahlreiche Gasthäuser bieten ihre Tropfen zur Einkehr an. Sogar in den USA ist Wendelsheim bekannt - aber nicht wegen seiner Weinkultur. So setzt Schauspieler Michael J. Fox seine Hoffnungen auf die kleine Gemeinde in Rheinhessen. In Wendelsheim entwickelt das Biotechnologieunternehmen MODAG Verfahren gegen neurologische Erkrankungen - unter anderem auch gegen Parkinson. Fox leidet seit Jahren unter der tückischen Nervenkrankheit.

Spitzenforschung in der Provinz 

In Wendelsheim steht Torsten Matthias im Labor seiner Firma. Er hat MODAG vor acht Jahren gegründet und in den ersten Jahren privat mit mehreren Millionen Euro finanziert. Forscher des Max-Planck-Instituts Göttingen und von der Ludwig-Maximilians-Universität in München sind ebenfalls Mitgründer. "Wir haben für uns komplettes Neuland entdeckt, und eine Finanzierung zu diesem Zeitpunkt von außen war undenkbar," erinnert sich Matthias an die schwierige Anfangszeit. "Die Mittel wurden damals nur in die Entwicklung des Medikamentes gesteckt, und wir haben unentgeltlich neben unseren regulären Jobs am Feierabend und am Wochenende gearbeitet, um MODAG zum Laufen zu bringen." 

Lange auf sich allein gestellt 

Inzwischen läuft es bei MODAG. Biochemiker Matthias hofft, dank eines neuartigen Verfahrens bald ein Medikament auf dem Markt zu bringen, das auch gegen Parkinson hilft. MODAG arbeitet dafür mit internationalen Partnern zusammen - vor allem in den USA und Großbritannien. "International haben wir bei der Forschung einen hohen Stellenwert. Hier in Deutschland laufen wir unter 'ferner liefen'. Das merken wir auch finanziell."

So unterstützte die "Michael J. Fox Foundation" MODAG bislang mit mehr als drei Millionen Dollar. Aus England gab es von "Cure Parkinson’s Trust" Gelder für die Forschung. Ein Investor aus der Schweiz steuerte zehn Millionen Euro bei. "Aus Deutschland habe ich damals nichts erwartet. Es gibt für Start-Up-Unternehmen in Deutschland bis auf Ausnahmen kein strukturiertes, dauerhaftes Förderprogramm des Staates oder größeres privates Engagement wie zum Beispiel in den USA", zieht Matthias ein ernüchterndes Fazit über staatliche Stellen und private Investoren beim Start seines Unternehmens.

Michael J. Fox und seine Frau Tracy Pollan
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Michael J. Fox (hier 2016 mit seine Frau Tracy Pollan) gehört zu den Unterstützern von MODAG. Der Schauspieler leidet an Parkinson.

"Drama für den Standort" 

Solche Schilderungen von Gründern hört Michael Motschmann seit Jahren. Motschmann ist Vorstand der MIG AG in München, die derzeit in 29 Start-ups investiert. Motschmann gehört bei BioNTech zu den Investoren der ersten Stunde. 2006 steckte er rund 13,5 Millionen Euro in das Mainzer Start-up von Özlem Türeci und Ugur Sahin. Heute sitzt Motschmann im Aufsichtsrat von BioNTech.       

"Wir haben genügend Wissen, aber schaffen zu selten Werte aus diesem Wissen in der Wirtschaft. Das ist ein Drama für den Standort Deutschland", kritisiert Motschmann. Biotechnologie ist für den 63-Jährigen hierzulande eine Geschichte der verpassten Chancen. Man brauche in dieser Branche viel Geduld, noch bessere Nerven und vor allem viel Geld. "Es dauert rund zwölf Jahre, bis aus der Forschung ein Präparat entstehen kann. Das muss durchfinanziert werden. Diese Risikobereitschaft fehlt in Deutschland weitgehend. In den USA ist das ganz anders."

Banken und Fondsgesellschaften hätten dort Analysten aus dem Bereich der Medizin oder Naturwissenschaften. So bringe man aufstrebende Start-Ups an die Börse, wo neue Geldgeber bereitstünden. "In Deutschland ist das praktisch unmöglich. Deshalb ist BioNTech auch im Oktober 2019 an die Nasdaq in New York gegangen, um an neue Mittel für seine Krebsforschung zu kommen. Hier wäre das nichts geworden." Und welche Firma sei zuletzt in den DAX gebracht worden, fragt Motschmann rhetorisch und gibt die Antwort selbst: "Ein Essens-Lieferdienst, der keinen Gewinn macht! Wo sind die jungen Tech-Unternehmen?"

Michael Motschmann | Bildquelle: MIG
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Michael Motschmann wünscht sich für die deutsche Biotech-Branche mehr risikofreudige Investoren.

Die Börsenkrise von 2000 wirkt nach 

Wie aber könne Deutschland jetzt den Rückenwind von BioNTech für die Biotechnologie nutzen? "Viele haben beim Zusammenbruch des Neuen Marktes 2000 viel Geld verloren. Das wirkt bis heute nach," erklärt Motschmann. Aber der Staat müsse Anreize setzen. "Am besten wären niedrige oder gar keine Steuern auf Gewinne aus Investitionen in junge Unternehmen. Geht eine Sache schief, entgeht dem Fiskus nichts, und der Investor geht mit dem Verlust nach Hause." Habe das Unternehmen aber Erfolg, profitiere der Staat durch Einnahmen - etwa durch Gewerbe- und Körperschaftssteuern und Lohnsteuern der Arbeitnehmer. "Das wäre ein Konjunkturprogramm ohne direkte staatliche Eingriffe." 

Hoffnung auf einen Neustart  

In Berlin befindet sich der Sitz des Biotechnologie-Verbandes ganz nah am Regierungsviertel. Im Zentrum der Regierungspolitik stand die Branche trotz zahlreicher Versprechen der vergangenen Jahrzehnte aber nicht. Auch Geschäftsführerin Viola Bronsema hofft auf die Gunst der Stunde. 

"Biotechnologie hat großes Potenzial für unsere Gesundheit, nicht nur in der aktuellen Pandemie. Bei Krebs oder Autoimmunerkrankungen sind biotechnologische Arzneimittel schon jetzt unverzichtbar. Wir müssen unseren Therapieentwicklern ermöglichen, ausreichend Kapital für ihre klinische Studien einzuwerben", so Bronsema. "Die Rahmenbedingungen müssen in Deutschland dafür endlich so verändert werden, dass privates Kapital und institutionelle Anleger Anreize haben, in die biotechnologische Forschung zu investieren." Zudem sollten ihrer Meinung nach die unterschiedlichen Förderprogramm des Bundesforschungsministeriums gestrafft und konzentriert werden. 

Knappe Kassen trotz Rekordinvestitionen

Immerhin: Im vergangenen Jahr erreichten deutsche Biotech-Unternehmen ein Finanzierungsvolumen von mehr als drei Milliarden Euro - ein neuer Höchststand. Damit liegt der Standort Deutschland im europäischen Vergleich jetzt mit an der Spitze.  

Allerdings trugen die Impfstoffentwickler BioNTech und Curevac die Hälfte zu der Rekordsumme bei. Das bedeutet: Kleine und mittlere Firmen leiden weiter unter knappen Kassen. Wie groß der Abstand zur Konkurrenz in den USA aber inzwischen geworden ist, zeigt der Blick auf deren Gesamtbudget im vergangenen Jahr. Experten kommen nach neuesten Erhebungen auf gut 65 Milliarden Euro.

Über dieses Thema berichtete B5 Wirtschaft kompakt am 27. Februar 2021 um 07:38 Uhr.

Korrespondent

Axel John | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

Axel John, SWR

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