Halbleitertechnik Asiatische Chiphersteller dominieren

Stand: 15.02.2021 13:21 Uhr

Derzeit herrscht in vielen Bereichen ein Mangel an Halbleitern, allen voran in der Auto- und der Unterhaltungsindustrie. Wer sind die großen Hersteller - und wie könnte das Problem gelöst werden?

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Während die Autobauer wegen des weltweiten Mangels an Halbleitern ihre Produktion drosseln müssen, herrscht bei den Chipherstellern Hochstimmung. Der Philadelphia Semiconductor Index, in dem die Aktien der 30 größten US-Halbleiterkonzerne gebündelt sind, ist im Vergleich zum Februar 2020 um mehr als 50 Prozent gestiegen.

Tatsächlich haben Unterbrechungen der Lieferketten bei gleichzeitig anziehender Konjunktur sowie einem durch die Pandemie ausgelösten riesigen Schub bei der Digitalisierung der Chipbranche ein ungeahntes Nachfragehoch beschert.

Gigantische Investitionspläne

Um den Mangel zu beseitigen, haben die Hersteller gigantische Investitionspläne angekündigt, denn ohne Prozessoren und Speicherchips wird sich künftig in der Industrie kein Rad mehr drehen. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber allein der US-Hersteller Globalfoundries will in diesem Jahr seine Investitionen verdoppeln. Davon wird vor allem der Standort Dresden profitieren, wo das Unternehmen eigenen Angaben zufolge Europas größte Chipfabrik besitzt.

Die dortige Produktion soll um das Zweieinhalbfache auf eine Million Siliziumscheiben (Wafer) pro Jahr erweitert werden. Dem Vernehmen nach handelt es sich um eine Investition von deutlich mehr als einer Milliarde Euro. Eine riesige Summe, die ohne Hilfe der öffentlichen Hand wohl nicht zu stemmen ist. Deshalb gibt es auch Gespräche mit der Bundesregierung, wie der Dresdner Geschäftsführer von Globalfoundries Manfred Horstmann kürzlich erklärte.

23 Milliarden Euro in neue Fabriken

Der Bau von Chipfabriken ist äußerst kostenintensiv. Ein einzelnes Werk kann rasch mehrere Milliarden Euro kosten. Das können selbst Megakonzerne wie Samsung oder Intel kaum alleine stemmen. Deshalb gehört die Chipindustrie zu den am höchsten subventionierten Branchen der Wirtschaft.

Zudem versuchen die Unternehmen den Kapitalmarkt anzuzapfen, um sich frische Mittel zu besorgen. So hat sich das taiwanesische Unternehmen TSMC, der weltgrößte Auftragsfertiger für Chips, mit der Ausgabe neuer Anleihen gerade neun Milliarden Euro für den Ausbau seiner Fertigungsanlagen beschafft.

Das ist aber noch lange nicht alles. TSMC rüstet sich für ein gewaltiges Wachstum. Vorstandschef C. C. Wei will allein im laufenden Jahr bis zu 23 Milliarden Euro in neue Maschinen und den Ausbau seiner Fabriken stecken. TSMC gilt derzeit als der fortschrittlichste Halbleiterhersteller der Welt, weil er im großen Stil Chips auf Basis der sogenannten Fünf-Nanometer-Technologie produzieren kann. Größter Abnehmer dieser Halbleiter ist der iPhone-Hersteller Apple.

Eines der zehn wertvollsten Unternehmen

Damit haben die Taiwaner auch technologisch den langjährigen Branchenführer Intel überholt, auch wenn sie selbst keine Chips verkaufen, sondern lediglich für andere Hersteller arbeiten. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde das Unternehmen zuletzt bekannt, weil es im vierten Quartal nicht so viele Chips liefern konnte, wie die Kunden bestellt hatten. In der Folge mussten VW, Daimler und Ford ihre Produktion drosseln.

Dabei ist TSMC inzwischen größer als viele seiner Auftraggeber. Für das laufende Quartal rechnet der Konzern mit einem Umsatz von umgerechnet elf Milliarden Euro. Das ist etwa so viel wie der größte deutsche Chipproduzent Infineon für das gesamte Jahr prognostiziert. Der rechnet im Geschäftsjahr 2020/21 (30. September) mit einem um mehr als zwei Milliarden auf 10,8 Milliarden Euro steigenden Erlös. Auch an der Börse wird TSMC längst gefeiert. Ihr Aktienkurs hat sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt. Den Berechnungen der Agentur Bloomberg zufolge gehört TSMC inzwischen zu den zehn wertvollsten Unternehmen der Welt.

Samsung holt auf

TSMC steht in direkter Konkurrenz zu dem südkoreanischen Konzern Samsung, der neben Intel zu den weltweit führenden Speicherchip-Produzenten gehört. Aber inzwischen bemühen sich auch die Koreaner vermehrt um Aufträge für andere Chiphersteller. Zudem hat Samsung für die kommenden Jahren ein gigantisches Investitionsprogramm von mehr als 100 Milliarden Dollar angekündigt, um seine Fertigungskapazitäten in der Halbleitersparte zu erhöhen und die Lücke zu TSMC zu schließen.

Mit den Geldern will sich Samsung Maschinen beschaffen, die den Bau von Chips auf der Basis von EUV-Technologie (Extreme Ultra-Violet) ermöglichen. Nur wenn dies gelinge, könne der Konzern TSMC überholen und die Marktführerschaft übernehmen, behaupten Analysten.

Europäer weit abgeschlagen

Im Vergleich dazu stehen die Europäer weit abgeschlagen an der Seitenlinie. So will Infineon in diesem Jahr 1,6 Milliarden Euro investieren. Damit soll die neue Fabrik im österreichischen Villach bereits im letzten Quartal des laufenden Geschäftsjahres an den Start gehen können. Bislang hatte Infineon das Ende des Kalenderjahres anvisiert.

Auch die Bundesregierung bemüht sich, die Chipindustrie zu unterstützen. Im Rahmen des europaweiten Instruments "Important Project of Common European Interest" (IPCEI) hilft Berlin derzeit dabei, neue moderne Chipfabriken zu errichten. Dabei stellt das Bundeswirtschaftsministerium bis 2023 eine Milliarde Euro für Investitionen und Innovationen im Bereich Spezialchips für Autos zur Verfügung. Auch die erweiterten Chip-Fabriken von Bosch, Infineon und demnächst Globalfoundries in Dresden sind Beispiele für öffentliche Hilfen in dem Bereich.

Schnelle Abhilfe beim derzeitigen Chipmangel ist trotzdem nicht zu erwarten, brauchen doch die neuen Fertigungskapazitäten einen Vorlauf von bis zu zwei Jahren, bis sie ihre volle Wirkung entfalten können. Der Boom in der Chipindustrie hat also gute Chancen, sich noch eine Weile fortzusetzen.

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