Tesla-Chef Elon Musk | Bildquelle: ALEXANDER BECHER/EPA-EFE/Shutter

Gewerkschafter über Elon Musk "Er hat etwas teuflisch Geniales"

Stand: 23.11.2020 14:40 Uhr

Tesla-Gründer Musk liegt mit den Gewerkschaften in den USA im Dauerclinch. Sie werfen dem Milliardär Habgier, schlechte Bezahlung und mangelnden Arbeitsschutz in seinem kalifornischen Werk vor.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles, zzt. Silicon Valley

Wer wissen will, wie es bei Tesla am Fließband bereits heute zugeht, der muss nach Fremont kommen, wo sich das Hauptwerk des kalifornischen E-Auto-Herstellers befindet. Fremont ist eine Stadt mit gut einer Viertelmillion Einwohnern und liegt direkt an der Bucht von San Francisco. Auf der gegenüberliegenden Seite, dem Silicon Valley, rund 25 Kilometer entfernt, hat Tesla seinen Firmensitz. Gut 10.000 Angestellte arbeiten in der "Tesla Factory", in der die vier Fahrzeugmodelle des Konzerns gebaut werden.

Am Fließband 16 Euro pro Stunde

Rome Aloise ist Chef der Transportgewerkschaft Teamster in der Region. Er steht vor den Werkstoren der Tesla-Fabrik, rein darf er aber nicht. Elon Musk, der Chef von Tesla, will keine Gewerkschaften. Und diejenigen, die sich bei Tesla dafür stark machen, müssen befürchten, ihren Job zu verlieren.

"Aus Gewerkschaftssicht hat er etwas teuflisch Geniales. Wir respektieren ihn für das, was er erreicht hat. Das Diabolische an ihm ist aber, wie er es verhindert hat, dass sich die Arbeiter hier gewerkschaftlich organisieren." Aloise behauptet, Musk wolle aus reiner Habgier keine Gewerkschaft. Ein Tesla-Fließbandarbeiter verdiene umgerechnet nur rund 16 Euro pro Stunde.

Tesla-Werk in Fremont | Bildquelle: picture alliance / San Jose Merc
galerie

Das Werk von Tesla in Freemont (Kalifornien). Der E-Autobauer hat es 2020 mit einem Börsenwert von 631 Milliarden Dollar auf Platz neun der wertvollsten Unternehmen der Welt geschafft.

"Die Fluktuation in dem Werk ist hoch, die Arbeit ist nicht leicht, und es gibt viele Verletzungen, viele gehen dann wieder. Vor allem, wenn sie statt 19 Dollar 20 Dollar pro Stunde verdienen können", sagt der Gewerkschafter. Die Loyalität sei nicht sehr hoch; es sei denn, es gibt nicht genug Arbeit, wie gerade in der Pandemie: "Dann bleiben die Leute länger, weil sie keine andere Wahl haben."

"Er hält sich nicht ans Gesetz"

Auch die Zahl der Arbeitsunfälle und der chronischen Erkrankungen im Tesla-Werk ist nach Berechnungen der Arbeitsschutzorganisation Worksafe im benachbarten Oakland deutlich höher als im Rest der US-Autoindustrie - und zwar um 31 Prozent.

Gewerkschafter Aloise sagt, wer beim benachbarten Bushersteller Gillig am Fließband stehe, der gehe inklusive aller Sozialleistungen mit umgerechnet 59 Euro pro Stunde nach Hause. "Machen wir uns nichts vor: Musk hat hier 10.000 Arbeitsplätze geschaffen, das sorgt für große Steuereinnahmen. Die Leute geben das Geld hier oder in benachbarten Bezirken wieder aus. Das hat großen Einfluss. Gleichzeitig hält er sich nicht ans Gesetz und kommt damit auch noch durch."

Blick auf die Baustelle der "Gigafactory", Mitte September. | Bildquelle: dpa
galerie

Blick auf die Baustelle der Tesla-"Gigafactory" in Grünheide bei Berlin. Hier sollen im kommenden Jahr die ersten Elektroautos produziert werden.

Drohung mit dem Umzug

Wie man ein Unternehmen wie Tesla führt, habe sich Musk von den benachbarten Tech-Unternehmen im Silicon Valley abgeschaut, erklärt der Soziologie-Professor Chris Benner von der University of California in Santa Cruz: "Wie viele Unternehmensgründer in der Tech-Industrie des Silicon Valley glaubt er, sich an keine Regeln halten zu müssen." Musks gesamte Karriere sei so verlaufen, daher interessiere es ihn nicht, welche Auswirkungen seine Entscheidungen auf das Leben anderer Menschen haben. "Ja, er ist ein Visionär, aber auch jemand, der ständig um sich selbst kreist und einzig auf sich fokussiert ist", sagt Benner.

In Kalifornien hat Tesla seine Bedingungen gegenüber Staat und Öffentlichkeit diktiert. Die Chancen, dass sich in puncto Entlohnung etwas ändert, stehen schlecht. Musk hatte im Mai während des Corona-Lockdowns sogar damit gedroht, das Unternehmen in einen anderen Bundesstaat zu verlagern.

Benner rät deshalb Gewerkschaften und Politikern in Deutschland zur Wachsamkeit. Es werde sehr darauf ankommen, wie stark die Regierung auf die Einhaltung von Vorgaben achte und wie stark die Gewerkschaften seien. "Ich weiß, dass in Deutschland die Gewerkschaften sehr stark sind. Ich hoffe, dass damit die extremen Seiten von Musk abgefedert werden können. Deutschland kann wirtschaftlich von Tesla profitieren: auch ohne dass die Arbeiter ausgebeutet werden."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. November 2020 um 13:43 Uhr.

Darstellung: