Mitarbeiter von thyssenkrupp demonstrieren vor der Konzernzentrale in Essen. | Bildquelle: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Umbau bei thyssenkrupp Neue Strategie, alte Ängste

Stand: 05.12.2019 04:06 Uhr

Zurück zum Kerngeschäft Stahl, das Tafelsilber Aufzugssparte wird verkauft - so will die thyssenkrupp-Spitze den Konzern zurück in die Erfolgsspur bringen. Trotzdem trauen viele Stahlarbeiter dem Frieden nicht.

Von Wolfgang Landmesser, WDR

Werner von Häfen telefoniert in diesen Tagen viel mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen. "Total verunsichert" seien die, sagt der langjährige Betriebsratschef von thyssenkrupp Steel, der inzwischen im Ruhestand ist. So kurz vor Weihnachten hatten viele auf eine gute Nachricht gehofft. Aber die Pläne des Managements der Stahlsparte bedeuten tiefe Einschnitte - so steht dem Grobblechwalzwerk in Duisburg-Hüttenheim vor dem Aus. Dort arbeiten rund 900 Menschen.

Kaum Hoffnung für Grobblechwerk

Anpassen, Schließen oder Verkaufen - das sind die Optionen, die das Strategiepapier des Managements für den Bereich "Heavy Plate" nennt. Das ist Stahl, der etwa zum Brückenbau oder für gepanzerte Limousinen verwendet wird, mit dem thyssenkrupp aber hohe Verluste macht. Dass die Chefs diesen Bereich explizit als Problem hervorheben, zeige, dass kaum Hoffnung bleibt, meint von Häfen. Entsprechend deutlich müsse jetzt die Antwort der Arbeitnehmerseite ausfallen.

Die neuen Pläne für den Stahlbereich hatte das Management dem Betriebsrat am Dienstag mitgeteilt. Heute wollen die Arbeitnehmervertreter dazu Stellung nehmen - anlässlich einer Betriebsversammlung am Standort Duisburg. Aber nicht nur für die Stahlarbeiter in der Grobblechherstellung ist die Frage, wie es jetzt weiter geht. Auch für die Beschäftigten, die Spezialstahl für die Autoindustrie oder den Maschinenbau herstellen, ist noch unklar, was die Strategie für sie im Einzelnen bedeutet.

Stahl hängt an Aufzugssparte

Vieles hängt am Gewinnbringer im Konzern, der Aufzugssparte. Der Plan von Martina Merz, der neuen Chefin des Gesamtkonzerns: Den Bereich ganz oder teilweise verkaufen - und die Milliarden-Einnahmen reinvestieren. Davon sollen auch die Stahlwerke profitieren. Doch über die bereits geplanten Investitionen hinaus sei der Spielraum begrenzt, heißt es bereits in der Essener Konzernzentrale.

An großen Worten fehlt es dagegen nicht: "Wir erfinden den Stahl neu", lautet die Überschrift der Mitarbeiter-Information zur neuen Strategie. Das Management beschreibt die aktuelle Situation des Konzernbereichs in drastischen Worten: "Wir sind in der Abwärtsspirale". Andererseits gebe es genügend Punkte, die für den Ausbau des Stahlgeschäfts sprechen: hohe Fachkompetenz, hochwertige Produkte und ein starker Standort in Duisburg.

Längerer Konflikt mit dem Management

Von schönen Worten wollen sich die Beschäftigten nicht einlullen lassen. "Das wird ein längerer Konflikt", sagt ein Mitarbeiter des Betriebsrats. Weil jetzt schwierige Gespräche anstehen, hat der Konzern die bis Ende des Jahres vereinbarte Beschäftigungsgarantie um bis zu sechs Monate verlängert.

Damit setzt sich eine Hängepartie fort, unter der die Stahlarbeiter schon seit vielen Jahren leiden. Für die geplante Fusion mit dem indischen Stahlkonzern Tata hatten die Arbeitnehmervertreter mit dem Management einen eigenen Tarifvertrag ausgehandelt. Aber der Tata-Deal scheiterte am Veto der EU-Kommission, für den Stahlbereich war damit wieder alles offen. Die neue Devise des Konzerns lautet jetzt: Stahl ist Kerngeschäft und das Tafelsilber wird verkauft - also die Aufzugssparte.

Unsicherheit trotz Stahlbooms

Ein klares Bekenntnis zum Stahl vermissten die Beschäftigten in den vergangenen Jahren, sagen Gesprächspartner aus dem Betriebsrat. Und das, obwohl thyssenkrupp mit dem Rohstoff in den zurückliegenden Boomjahren gutes Geld verdient habe. Dazu kamen krasse Fehlentscheidungen: Mit Stahlwerken in Südamerika setzte der Konzern Milliarden in den Sand - Milliarden, die für die Modernisierung der Werke in Deutschland fehlen, sagen die Arbeitnehmervertreter.

Positiv aus Sicht der Beschäftigten: Das Management setzt auf die Zukunft - dazu zählt auch die klimafreundliche Stahlproduktion. Durch den Einsatz von Wasserstoff sollen die CO2-Emissionen dramatisch sinken. Für den Bereich "Grobblech" dürfte in dieser Strategie aber kein Platz mehr sein. Und weitere Einschnitte sind nicht ausgeschlossen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Dezember 2019 um 21:00 Uhr.

Darstellung: