Kopie einer 200-Lire-Banknote in einer Wechselstube in Istanbul | Bildquelle: dpa

Finanzkrise in der Türkei "Ankara muss den IWF an Bord holen"

Stand: 13.08.2018 18:51 Uhr

Angesichts der Währungskrise in der Türkei versucht die Zentralbank des Landes nun, die Finanzstabilität zu sichern. Laut ifo Institut reicht das nicht. Der IWF müsse helfen. Das scheitert jedoch an Präsident Erdogan.

Von Günter Marks, tagesschau.de

Der Verfall der türkischen Währung Lira verunsichert Banken und Investoren. Auch die Bundesregierung beobachtet die Lage "durchaus aufmerksam", wie Regierungssprecher Steffen Seibert sagte. Droht die Finanzkrise in der Türkei andere Länder mitzureißen? Undenkbar ist das nicht. Denn die türkische Wirtschaft ist stark im Ausland verschuldet und auf internationale Kreditgeber angewiesen.

"Das Wachstum der Türkei basierte in den vergangenen Jahren zu einem erheblichen Teil darauf, dass der Binnenkonsum angekurbelt wurde", sagt Erdal Yalcin, Mitarbeiter am ifo Institut in München und Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Hochschule HTWG Konstanz. "Das geschah zum einen mit großen Bauprojekten, aber vor allem auch durch den privaten Konsum, der über Kredite finanziert wurde. Und diese Kredite wiederum kamen aus dem Ausland - insbesondere aus Europa", so der Ökonom.

Die türkischen Banken haben rund 200 Milliarden Euro Schulden angehäuft und müssen diese in Euro oder US-Dollar begleichen. Doch die Kredite werden immer teurer in der Rückzahlung, je schwächer die Lira ist.

Clemens Fuest, ifo Institut für Wirtschaftsforschung, zum Kursverfall der Lira
tagesthemen 22:15 Uhr, 13.08.2018

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Kredite vor allem aus Spanien, Italien und Frankreich

Laut Yalcin sind vor allem Banken aus Spanien, Italien und Frankreich in der Türkei tätig. Es gebe auch direkte Kredite aus Deutschland - insbesondere von der Deutschen Bank und von der Commerzbank. Aber im Vergleich zu den Südeuropäern seien die Volumina viel kleiner.

Die deutschen Banken seien zudem auch indirekt betroffen, so der Ökonom. "Die südeuropäischen Banken haben ja Mutterkonzerne, die mit deutschen Banken verflochten sind. Das heißt, wenn es zu einem Banken-Kollaps kommt, was derzeit sehr wahrscheinlich ist, dann wird es bei den südeuropäischen Banken auch Finanzverwerfungen geben, die sich auch in den Norden hineinziehen könnten."

Kritik an Zentralbank

Übers Wochenende hatte die Lira noch einmal über zehn Prozent verloren. Am frühen Montag reagierte die türkische Zentralbank. Sie verschärfte die Regeln für die Kapitalreserven der Banken und stellte dem Finanzsystem rund zehn Milliarden Lira, sechs Milliarden Dollar und umgerechnet drei Milliarden Dollar in Gold zur Verfügung. Damit sicherte sie den türkischen Banken Liquidität zu. Die Lira erholte sich daraufhin etwas, konnte aber nur einen Teil der Verluste vom Morgen wettmachen.

Laut Yalcin reagierte die türkische Zentralbank zu spät. "Die Zentralbank hätte viel eher die Zinsen anheben müssen, um das kreditgetriebene und auf kurzfristiges ausländisches Finanzkapital angewiesene Binnenwachstum runterzufahren", sagt er.

Politischer Druck von Erdogan

Doch offenbar war der politische Druck auf die Zentralbank sehr groß. In der Vergangenheit hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan durch Ankündigungen, er werde künftig die Geldpolitik stärker kontrollieren, dafür gesorgt, dass die Zinsen für Kredite niedrig blieben, zugleich aber auch Fragen nach der Unabhängigkeit der Notenbank aufgeworfen.

Die Reaktionen von Montag würden somit "das strukturelle Problem und insbesondere das Vertrauensproblem zwischen den politischen Interessen und der Unabhängigkeit der Zentralbank" nicht einfach lösen, sagt Yalcin. Die Zentralbank müsse losgelöst sagen können: "Was auch immer die Politik sagt, wir als Zentralbank werden mit aller Kraft die Währung schützen", so der Ökonom.

Zusätzliche Verunsicherung bei den Investoren

Die Finanzprobleme der Türkei werden erschwert durch den jüngsten Konflikt mit den USA und die von Washington erhobenen Einfuhrzölle auf Stahl und Aluminium. Zwar haben diese laut Yalcin ökonomisch keinen großen Einfluss auf die Krise. "Da reden wir über eine Milliarde Dollar an türkischen Exporten. Insgesamt exportiert die Türkei Handelswaren im Wert von 140 Milliarden Dollar", sagt er. Das politische Signal sei viel entscheidender. Es schaffe zusätzliche Verunsicherung bei den Investoren.

Die wirtschaftlichen und finanziellen Probleme der Türkei hätten sich schon seit mehreren Jahren abgezeichnet. Auch der Krieg in Syrien, politischer Streit mit den EU-Staaten sowie markige Ankündigungen während des jüngsten Präsidentenwahlkampfs beförderten die Finanzkrise. Das wirtschaftliche Risiko im Land habe sich erhöht und das Fremdkapital verteuert, sagt Yalcin. "Die Finanzierung des Wachstums ist immer teurer geworden. Dadurch haben die Investoren in den letzten Monaten zusehends das Vertrauen verloren." Und das habe dazu geführt, dass der Wechselkurs verfiel.

Entwicklung beschleunigt sich von selbst

Die Inflation liegt in der Türkei mittlerweile bei mehr als 15 Prozent. Und die Entwicklung beschleunigt sich. Viele Investoren ziehen ihre Gelder aus Angst vor Verlusten ab, weil die türkische Währung weiter drastisch an Wert zum Dollar und zum Euro einbüßt. Dadurch sinkt der Wert Lira nur noch weiter, und die Waren verteuern sich - ein Teufelskreis.

Der Handel mit Waren ist momentan nur schwer möglich - vor allem mit Gütern aus dem Ausland wie zum Beispiel Elektronik-Artikel oder Werkzeuge. Händler sagten am Wochenende dem ARD-Studio Istanbul, sie seien sich unsicher, ob sie ihre Produkte überhaupt verkaufen sollten, denn sie wüssten nicht, zu welchem womöglich höheren Preis sie die Produkte in dieser Woche nachordern müssten.

Auch Versicherungen haben Probleme. Sie können kaum noch Policen herausgeben, weil die Rückversicherer in Euro oder Dollar bezahlt werden. Der Tourismus weist zwar einen positiven Trend auf. Nach schlechten Jahren kommen wieder mehr Reisende. Aber die Veranstalter bieten Dumpingpreise an. Das drückt die Gewinne zusätzlich.

Vorgaben zu Strukturreformen

Eine schnelle Lösung für die Krise zeichnet sich nicht ab. Erdogan rief zuletzt seine Landsleute dazu auf, ihre ausländischen Devisen oder ihr Gold in türkische Lira zu tauschen. Das hatte er im letzten Jahr schon mal getan - ohne nachhaltigen Effekt. Und er sprach von "Kampagnen" und einem "Wirtschaftskrieg" gegen sein Land.

Der Ökonom Yalcin plädiert dafür, den Internationalen Währungsfonds (IWF) hinzuzuziehen. Laut Yalcin würde der IWF in einer solchen Situation klare politische Vorgaben zu Strukturreformen machen, um die Inflation in den Griff zu bekommen, das politische Risiko zu reduzieren und zu einer kontrollierten Kreditbeziehung zu den ausländischen Investoren wieder herzustellen. "Man gibt Kontrolle ab. Wenn der IWF kommt, dann muss die heimische Politik sich der internationalen Politik unterordnen", sagt er.

Dazu müsse aber der politische Wille vorhanden sein, weiß auch Yalcin. Doch Präsident Erdogan lehnt eine Intervention des IWF ab. Er sieht in solchen Vorschlägen einen Versuch, die politische Unabhängigkeit des Landes zu untergraben - gerade von den Kräften, die er für die Wirtschaftskrise der Türkei verantwortlich macht. Das strikte Nein des Präsidenten - ein weiteres schlechtes Signal für die Finanzmärkte, meint Yalcin.

Der türkische Präsident Erdogan | Bildquelle: AFP
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Der türkische Präsident Erdogan lehnt Hilfen vom IWF ab. Er will sich nicht vom Westen abhängig machen, den er beschuldigt, für die Wirtschaftskrise verantwortlich zu sein.

IWF hatte schon 2001 geholfen

Dabei könnte Erdogan das Wirken des IWF auch anders beurteilen - aus eigener Erfahrung. Als Erdogan im Jahr 2001 Ministerpräsident wurde, habe die Türkei auch mit wirtschaftlichen Probleme zu kämpfen gehabt, sagt Yalcin. "Damals hat der IWF das Land sehr erfolgreich aus einer schweren Krise herausgeführt. Wenn man sieht, dass der IWF konstruktiv geholfen hat, dann sollte man seine Unterstützung vielleicht in Erwägung ziehen."

So zeichnet sich derzeit kein Ausweg aus der Finanzkrise der Türkei ab. Zwar signalisiert die türkische Regierung, dass sie im Streit mit den USA für eine diplomatische Lösung offen sei. Doch die tiefen strukturellen Probleme des Landes bleiben vorerst ungelöst.

Mit Informationen von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. August 2018 um 20:00 Uhr.

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Günter Marks, tagesschau.de

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