Gewitterwolken über dem Bankenviertel von Frankfurt am Main | Bildquelle: dpa

Risiken für die Finanzbranche Gibt es zu viele Banken?

Stand: 15.01.2021 11:26 Uhr

Der Bankensektor blickt ungewissen Zeiten entgegen. Wegen pandemiebedingter Insolvenzen könnte eine Welle von Kreditausfällen drohen. Können Zusammenschlüsse davor schützen?

Von Andreas Clarysse, HR

Das Wehklagen der Banken ist in den vergangenen Jahren immer lauter geworden. Erst musste nach der Finanzkrise zusätzliches Eigenkapital aufgenommen werden, jetzt drücken zusätzlich die hohen Auflagen der Regulierungsbehörden. Ultraniedrige Zinsen zerstören das Zinsdifferenzgeschäft und die lahmende europäische Wirtschaft führt auch nicht zu sprudelnden Gewinnen. Die notwendige Digitalisierung ist sehr teuer - und die geringen Gewinnmöglichkeiten werden auch noch durch schlanke, findige Fintech-Firmen abgestaubt. Aber all diesen außergewöhnlichen Schwierigkeiten zum Trotz halten sich immer noch mehr als 5000 Banken in Europa über Wasser. Viel zu viele, sagen zahlreiche Bankenvorstände und Experten.

Folgen der Corona-Krise noch nicht absehbar

Dass die Situation für viele Banken existenzbedrohend ist, unterstreicht der Bankenexperte und Professor für Finanzen, Andreas Hackethal, von der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Als Abteilungsleiter am Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE kennt er sich mit dem europäischen Finanzsystem und seinen Akteuren aus.

"Der europäische Bankensektor leidet seit Jahren unter geringer Profitabilität und einer notorisch dünnen, wenn auch seit der Finanzkrise verbesserten Eigenkapitaldecke", sagt er. Das sei besonders jetzt in Corona-Zeiten heikel, weil die langfristigen Folgen dieser Krise noch unbekannt sind: "Je nach Ausmaß und Schwere der Krise können bei den Kreditinstituten Kapitallücken in Höhe von zwischen 143 Milliarden Euro und 600 Milliarden Euro entstehen."

Fusionen als Gegenmittel?

Eine Lösung all dieser Probleme scheint auf der Hand zu liegen: Banken sollen fusionieren, um so den Markt zu konsolidieren. Bei allen Erwägungen, die für einen Zusammenschluss von Instituten sprechen mögen, muss den Eignern der großen Geschäftsbanken klar sein: Wer nicht frisst, kann gefressen werden - und wer will das schon. Also lieber fressen - auch wenn man sich verschlucken könnte?

Wenn es um grenzüberschreitende Fusionen oder Übernahmen geht, werden immer wieder die Namen der beiden größten deutschen Geschäftsbanken genannt. Die Commerzbank, die an der Börse nur noch mit 6,6 Milliarden Euro gehandelt wird, steht auf der Liste der Interessenten ganz oben. Schon seit Jahren ringt sie vergeblich um ein Geschäftsmodell, das ihre Eigenständigkeit auf lange Frist sichern soll.

Die Deutsche Bank hat sich durch die Sanierungserfolge der letzten Jahre etwas Luft verschafft, auch wenn die Schweizer UBS angeblich Zusammenschlüsse mit anderen europäischen Banken durchgespielt haben soll, bei denen - so wird gemunkelt - der Name der größten deutschen Bank gefallen sei.

Die EZB offen für Zusammenschlüsse

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat kürzlich bekannt gegeben, sie werde Fusionen und Übernahmen keine größeren Hindernisse in den Weg legen. Der von ihr vorgelegte Leitfaden soll unter anderem Fehleinschätzungen der Banken-Vorstände vermeiden helfen und das Handeln der Aufsichtsbehörden vorhersagbarer machen.

Was spricht also für den Zusammenschluss von Banken über europäische Grenzen hinweg? "Vieles", meint Experte Hackethal: "Von einer Marktkonsolidierung erhofft man sich stärkere und stabilere Kreditinstitute, die über Kreditvergabe zum Aufschwung beitragen. Stärker sollen die Banken durch Kosteneinsparungen bei Zentralfunktionen und IT und durch mehr Schub in Richtung Digitalisierung werden."

Mehr Stabilität solle von Umschuldungen kommen, wenn gesunde Geldhäuser verschiedene Kredite nach einer Fusion übernähmen und umwandelten. Fusionen bringen laut Hackethal eine Bereinigung des Marktes mit sich, und gleichzeitig werde das Problem drohender Kreditausfälle gelöst, "ohne erst darauf zu warten, dass die Corona-Krise dafür sorgt", so Hackethal.

Regularien-Wirrwarr als Fusionsverhinderer

Allerdings gibt es auch schwergewichtige Gründe, die gegen Fusionen von Banken sprechen. "Grenzüberschreitende Aktivitäten sind noch unattraktiv wegen der komplexen Regularien", meint der Finanzwissenschaftler. "Außerdem sind aufgrund der national abgegrenzten Bankenmärkte die Überlappungen im Vertriebsnetz und damit die erwarteten Kostensynergien geringer als bei nationalen Fusionen."

Dass es grenzüberschreitende Zusammenschlüsse unter europäischen Banken bisher kaum gegeben habe, liege "in erster Linie an ihrer hohen Komplexität und Zweifeln an der ökonomischen Sinnhaftigkeit", sagte kürzlich auch Felix Hufeld, der Präsident der Finanzaufsicht BaFin, dem "Handelsblatt".

Kreditausfälle könnten Zusammenschlüsse erzwingen

Klar ist: Die Coronakrise wird viele Firmenpleiten zur Folge haben, bei denen zahlreiche Banken auf ihren Krediten sitzen bleiben werden. Einige der schwächsten Banken werden deshalb diese Krise nicht überstehen - so wird der allgemeine Fusionsdruck erhöht. Aber das dauert noch mindestens einige Monate.

Denn zahlreiche große europäische Banken haben sich in den Chefetagen neu aufgestellt - und das neue Führungspersonal bei der Commerzbank, UBS, ING, ABN Amro und der Credit Suisse benötigt Zeit, um sich einzuarbeiten. Fusionen stehen da nicht unbedingt ganz oben auf der Prioritätenliste.

Digitalisierung als Schlüssel zum Erfolg

Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis es zu grenzüberschreitenden Fusionen kommt, doch es führt wohl kein Weg an vermehrten Zusammenschlüssen vorbei. Auch wenn reine Größe nicht das entscheidende Kriterium sei, meint Hackethal: "Aber die regulatorischen Anforderungen und vor allem die Digitalisierung sind von kleineren und erst recht von unprofitablen Einheiten nicht zu stemmen."

Im sich abzeichnenden Wettbewerb mit den Technologieriesen könnten Banken ohnehin nur bestehen, wenn sie ihren Kunden auch online die besten Lösungen anbieten könnten: "Dazu brauchen sie Daten - und dazu viele Kunden", sagt er.

Auch Verbraucher könnten profitieren

Stichwort Kunde: Wo bleibt der bei der Diskussion über Bankenkonsolidierung? "Intensiver Wettbewerb ist über kostenfreie Konten ohne Strafzinsen natürlich gut für die Verbraucher", sagt Hackethal. ""Wenn er jedoch dazu führt, dass Zukunftsinvestitionen unterbleiben und die Banken im Wettbewerb mit internationalen Banken und Technologiefirmen zurückfallen, dann kann das auch nicht im langfristigen Interesse von Verbrauchern und Geschäftskunden sein."

Für Bankkunden stellt sich die Frage: Bleibt man als Privatkunde oder Unternehmen bei der altehrwürdigen Hausbank? Geht man zu einer fusionierten europäischen Großbank? Oder wechselt man zu einer Technologiefirma, die "auch" Bankgeschäfte erledigt? Am Ende wird es eine Frage des Vertrauens sein.

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