Karina Vigelahn, Josephine Schineis | Bildquelle: Christian Schineis

Frauen in der Baubranche Immer noch exotisch

Stand: 12.12.2020 11:09 Uhr

Frauen in der Baubranche sind immer noch die Ausnahme - was viel mit der westdeutschen Berufstradition zu tun hat. Im Osten sieht es hingegen schon lange anders aus.

Von Andreas König, rbb

Die Baunternehmerin Karina Vigelahn aus Königs Wusterhausen in Brandenburg will in spätestens fünf Jahren die Geschäfte an ihre Tochter Josephine Schineis übergeben. Die wird gerade Bauingenieurin und hatte die Idee zu diesem Schritt. Denn sie will endlich loslegen. Derzeit absolviert die 30-Jährige die letzten Lehrveranstaltungen ihres Studiums an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft, pandemiebedingt von zu Hause aus am Laptop. Im Februar wird sie dann anfangen als Praktikantin in der Baufirma ihrer Mutter. Hier will sie dann auch ihre Bachelorarbeit schreiben und in drei bis fünf Jahren dann selbst das Unternehmens leiten.

Mutter übergibt Familienfirma an Tochter: Was in anderen Branchen ganz normal ist, ist im Baugewerbe nach wie vor die große Ausnahme. Gilt die Arbeit auf dem Bau doch nicht nur als Männerdomäne, sie ist es auch nach wie vor. Nur 1,5 Prozent der Beschäftigten, die mauern, sägen, Beton mischen oder Bagger fahren, sind weiblich. Immerhin gut ein Drittel ist es in den Architektur-, Planungs- und Ingenieurbüros.

Erst seit 26 Jahren dürfen Frauen auf dem Bau arbeiten

Das hat auch viel mit der Geschichte zu tun. Bis 1994 galt in den alten Bundesländern noch das bis dahin 120 Jahre alte Beschäftigungsverbot für Frauen im Bauhauptgewerbe. Zu schwer und zu schmutzig sei die Arbeit auf den Baustellen. Nur in der DDR war erlaubt, dass Frauen auch Kräne und andere Baumaschinen lenken. Eine ostdeutsche Realität, der im Westen nach der Wiedervereinigung Klischees und Vorurteile entgegen schlugen.

Das hat auch Karina Vigelahn zu spüren bekommen, als sie 1995 praktisch von heute auf morgen in den elterlichen Betrieb einsteigen musste. Ihr Vater war erkrankt und konnte die Firma nicht mehr allein leiten. Obwohl sie selbst als Holzbau-Ingenieurin vom Fach war, war es für die damalige Juniorchefin nicht leicht, sich in die Belange des "Vigelahn Bauteams" einzuarbeiten, das vornehmlich Bodenplatten für Gebäude gießt und Erdreich bewegt. 17 Beschäftigte, davon zwei Frauen im Büro: sonst Baggerfahrer, Maurer, Zeichner.

Doch Vigelahn hat es geschafft und kann heute über Sätze, die sie sich damals noch anhören musste, nur noch lächeln: "Mit einer Frau verhandele ich nicht" oder "Ich möchte gern den Chef sprechen". "In den vergangenen 25 Jahren hat sich schon viel verändert", sagt die 51-jährige Unternehmerin. Allerdings habe sie in all den Jahren nicht eine einzige Bewerbung einer Lkw-Fahrerin oder Maurerin auf dem Tisch gehabt. Umso mehr würde sie sich freuen, wenn sich das irgendwann auch mal ändere.

Die Chancen für Frauen auf eine Karriere um Baugewerbe steigen

In ihrem Studienjahrgang sei das Verhältnis ausgewogen, sagt Vigelahns Tochter Josephine Schineis. 50 zu 50, halb Frauen, halb Männer - und in der Ausbildung spiele das Geschlecht keine besondere Rolle. Dabei wollte Schineis eigentlich nicht auf den Bau. Gelernt hat sie Hotelfachfrau. Gastronomie sei schon immer ihr Ding gewesen, sagt sie, von Kindheit an. Anschließend habe sie "Livescience-Engineering" studiert und in der Lebensmittelbranche gearbeitet.

Doch dann der Entschluss, in die Fußstapfen der Mutter zu treten und sich selbstständig zu machen. Einerseits suche sie die Herausforderung; andererseits sei sie stolz auf das, was ihre Mutter geschafft habe: Das wolle sie gern fortführen, sagt Schineis. Davon wird sie wohl auch die Corona-Krise nicht abhalten: "Zur Zeit läuft es gut", beantwortet Vigelahn die Frage, wie es um die Auftragslage bestellt sei. Von den Auswirkungen der Pandemie sei die Firma bis jetzt weitgehend verschont geblieben. Auch für das kommenden Jahr werden schon neue Baustellen geplant.

Dann muss auch die Firmenübergabe ordentlich vorbereitet werden: Die künftige Chefin muss lernen, was es heißt, Aufträge an Land zu ziehen und umzusetzen, ein Unternehmen zu führen, Bilanzen, Verträge, Personalentscheidungen, Geschäftspartner. "Vertrauen zu gewinnen ist am wichtigsten", sagt Noch-Firmenchefin Vigelahn und wähnt sich und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf einem guten Weg. Auch die Tochter sieht das so - und spürt den Wandel: Wenn sie mit ihrer gerade einmal 14-Monate alten Tochter in die Firma kommt, wird die Kleine schon scherzhaft mit "Juniorchefin" begrüßt.

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