Hintergrund

Lkw verlässt die Pfizer-Produktion in Puurs  | Bildquelle: dpa

Lieferung des Impfstoffs Tiefgekühlt zu geheimen Zentren

Stand: 24.12.2020 07:47 Uhr

Nach Weihnachten beginnen in Deutschland die Impfungen gegen Covid-19. Entscheidend dafür ist die Logistik. Wie läuft die Lieferung des Impfstoffs ab? Und gibt es noch Schwachstellen?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Nach der erfolgreichen Zulassung des Impfstoffs BNT162b2 von BioNTech und Pfizer sollen am 27. Dezember die Corona-Impfungen in Deutschland beginnen. "Bis Ende diesen Jahres werden über 1,3 Millionen Impfdosen an die Bundesländer ausgeliefert und von diesen an die Impfteams verteilt", kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an.

Die Auslieferung startete bereits am Mittwoch. Die deutschlandweit ersten 151.125 Impfdosen werden nach Angaben der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit am Samstag erwartet. Bis Ende Januar sollen schließlich drei bis vier Millionen Dosen zur Verfügung stehen. Für das erste Quartal wird insgesamt mit elf bis 13 Millionen gerechnet - deren Verteilung ist eine logistische Mammutaufgabe.

Verteilung über Anlieferungszentren

Zunächst klingt die Planung in der "Nationalen Impfstrategie COVID-19" des Gesundheitsministeriums recht simpel: Die Hersteller liefern die Impfstoffdosen an zentrale Stellen in den EU-Mitgliedsstaaten, von wo aus sie verteilt werden.

Dahinter steckt allerdings eine gigantische Lieferkette mit großen Herausforderungen. Nach früheren Angaben des Bundesgesundheitsministeriums gibt es in allen Ländern zusammen 27 Anlieferungszentren. Mittlerweile stimmt die Zahl laut einer Sprecherin nicht mehr - ob mehr oder weniger, blieb zunächst unklar. Aus Sicherheitsgründen sind die meisten Standorte nicht bekannt. BioNTech geht von 25 aus.

Lieferung zur Impfstelle binnen drei Tagen

Von dort aus werden die Dosen an die 450 Impfzentren verteilt. Allein in Bayern sind etwa 100 Einrichtungen einsatzbereit, in Niedersachsen rund 50. Dazu kommen noch einmal 100 mobile Impfteams.

Die Produzenten selbst geben sich gelassen. "Wir sind in der Lage, den Impfstoff innerhalb von drei Tagen an den Ort des Impfens zu bringen", schreibt Pfizer auf der Konzern-Homepage. Bis zum 26. Dezember sollten die Dosen in jedem EU-Mitgliedsland sein, damit die Impfungen am 27. beginnen könnten, betonte auch BioNTech-Finanzvorstand Sierk Poeting vorgestern.

Von Deutschland über Belgien wieder nach Deutschland

Die Mainzer Firma bekräftigte, zusammen mit Pfizer noch in diesem Jahr bis zu 50 Millionen Dosen herstellen zu wollen und 2021 bis zu 1,3 Milliarden. Das Unternehmen ziehe alle Möglichkeiten in Betracht, um seine Produktion auszuweiten.

Noch produziere BioNTech vor allem in Mainz, berichtete eine Sprecherin tagesschau.de. Ab dem ersten Quartal 2021 folge dann auch Marburg. Die im September von Novartis übernommene Anlage soll im Februar und damit früher als geplant an den Start gebracht werden.

Spezielle Kühlung erforderlich

Die in Deutschland hergestellten Ausgangsstoffe werden nach Belgien gebracht. In der Kleinstadt Puurs in der Provinz Antwerpen werden sie im Werk von Pfizer weiterverarbeitet. Der fertige Impfstoff wird schließlich in Flaschen abgefüllt sowie schockgefrostet. In Puurs befindet sich auch das Zentrallager mit Tiefkühlschränken. Dort stünden bis Ende des Jahres 12,5 Millionen Dosen für die EU bereit, hatte BioNTech-Geschäftsvorstand Sean Marett am Dienstag mitgeteilt.

In speziellen Transportboxen werden die Dosen in die verschiedenen Staaten ausgeliefert - mit 23 Kilogramm Trockeneis pro Sendung und besonderer Überwachungstechnik. Denn das Vakzin muss bei minus 70 Grad Celsius gekühlt werden, um die chemische Stabilität und damit die Wirksamkeit langfristig aufrechtzuerhalten.

Impfstoffschränke bei Pfizer in Belgien | Bildquelle: via REUTERS
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Impfstoffschränke bei Pfizer in Belgien.

Über Flugzeuge oder Transporter in die EU-Staaten

"Die Arbeiten sind nun in vollem Gange, um die ersten Chargen für die Verteilung vorzubereiten", hieß es am Mittwochmorgen von Pfizer. Aus Sicherheitsgründen äußere man sich zu diesem Zeitpunkt jedoch "nicht zu den Details der einzelnen Lieferungen".

Allerdings werde international sowohl der Straßen- als auch der Lufttransport genutzt. Daher stellt sich beispielsweise die Frachtfluglinie Lufthansa Cargo auf den Transport von großen Mengen tiefgekühlter Impfstoffe ein. Einer Sprecherin zufolge rechnet das Unternehmen mit entsprechenden Aufträgen. Von diesem bestimmten Impfstoff könne ein Frachtflugzeug rund eine Million Dosen transportieren. Zur Kühlung kämen spezielle Container mit Trockeneis zum Einsatz.

Impfdosis des Impfstoffes von Biontech/Pfizer | Bildquelle: REUTERS
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Die Impfdosen werden per Lkw nach Deutschland geliefert.

In Deutschland ist das Ganze durch den vergleichsweise kurzen Weg weniger aufwändig. Medienberichten zufolge werden die Impfdosen zunächst per Lkw zu einem Umschlagplatz - angeblich ein Gelände der Bundeswehr in Niedersachsen - gebracht. Laut Bundesgesundheitsministerium gibt es diesen jedoch nicht. "BioNTech und Pfizer liefern direkt an die Länder aus", sagte eine Sprecherin am Mittwoch auf Anfrage von tagesschau.de.

Dezentrale Planung in den Ländern

Für die Lagerung und die Weitergabe an die Impfzentren vor Ort sind die Länder selbst verantwortlich. Außerdem müssen sie das benötigte Zubehör wie Spritzen, Kanülen, Pflaster und Desinfektionsmittel bereitstellen.

Den Transport regeln die meisten Länder über Kooperationen mit speziell auf Pharma ausgerichteten Logistik-Konzernen oder Hilfsorganisationen. Niedersachen und Baden-Württemberg beauftragten etwa die Deutsche Post DHL. Allein für Niedersachen werde das Unternehmen rund 2,2 Millionen Impfdosen und etwa 350 Paletten Impfzubehör lagern und transportieren, hatte DHL schon vor zwei Wochen berichtet. Dabei würden verschiedene Temperaturbereiche berücksichtigt werden.

In Nordrhein-Westfalen übernimmt die Lagerung und Belieferung das Logistik-Unternehmen Kühne+Nagel. Die Firma werde die Impfstoffdosen in das zentrale Distributionszentrum des Landes liefern, in kleinere Mengen umpacken und täglich an 53 Impfzentren sowie weitere Einrichtungen des Gesundheitswesens in ganz NRW verteilen, heißt es in einer Mitteilung.

Gibt es Schwachstellen?

"Die Logistik ist gut vorbereitet", sagt Matthias Klumpp, Professor für Logistik an der Universität Göttingen und Forscher am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) Dortmund, im Gespräch mit tagesschau.de. Natürlich gebe es Herausforderungen wie etwa die Kühlung. Doch das sei alles schon länger bekannt gewesen.

Matthias Klumpp, Prof. für Logistik an der Uni Göttingen
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Matthias Klumpp ist Professor für Logistik an der Uni Göttingen und Forscher am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik.

Die Problematik betreffe sowieso nur die Strecke von Belgien in die Lagerungstätten der Bundesländer. Innerhalb Deutschlands sei das mit Kühlschränken und Transportboxen zu lösen. "Da sehe ich keine Hürden", so der Logistik-Experte.

Im Gegensatz zu Flugzeugen hätten Lastwagen kein Gewichts- oder Sicherheitsproblem. Trockeneis gilt im Luftverkehr als Gefahrgut, da es sich um gefrorenes Kohlendioxid handelt, das sich im Schmelzprozess in hochgiftiges Gas verwandelt.

Bei kurzen Wegen sind allerdings keine Minusgrade notwendig. Nach Entnahme aus den Eisschränken ist der Impfstoff laut BioNTech noch fünf Tage bei zwei bis acht Grad Celsius in normalen Kühlschränken haltbar. Das Impfen selbst kann sogar bei Zimmertemperatur erfolgen.

Erfahrungen sammeln und austauschen

Auch mit der dezentralen Organisation in den Bundesländern zeigt sich Logistik-Fachmann Klumpp zufrieden. Wenn nur ein Unternehmen beteiligt wäre, könne es zu Engpässen kommen, meint er. Wichtig sei es nun, Erfahrungen auszutauschen und im Prozess weiter zu lernen. "Man sollte besprechen, wie man mit Ausnahmefällen und Verzögerungen im Ablauf umgehen kann", so Klumpp.

Allerdings sei derzeit sowieso kaum mit Unterbrechungen durch mögliche Staus zu rechnen. "Da weniger Leute unterwegs sind, hilft der Lockdown, dass der Transport reibungslos ablaufen kann - besonders in Ballungsräumen", erklärt der Professor.

Die Sicherheit sei ebenfalls keine Schwachstelle. Die Lkws seien nicht markiert. Ein Risiko, dass größere Mengen abhanden kommen, sehe er nicht. "Das Gesamtsystem passt. Aus Expertensicht sieht alles gut aus", verspricht Klumpp.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Dezember 2020 um 18:37 Uhr.

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