Einkaufen mit Termin Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel

Stand: 03.03.2021 13:44 Uhr

Seit Montag dürfen Einzelhändler im Saarland und in Rheinland-Pfalz wieder öffnen - für Kunden mit Termin und aus einem Haushalt. Eine erste Bilanz fällt verhalten aus.

Von Iris Völlnagel, SWR

Ein neues Kleid, Schuhe fürs Kind oder eine neue Kaffeemaschine: Seit Montag ist in Rheinland-Pfalz und im Saarland Einkaufen vor Ort wieder möglich. Allerdings nur mit Termin. Diese können sich Einkaufswillige telefonisch oder online holen. Die Nachfrage ist riesig. Für viele Händler ist das Geschäft trotzdem nicht zufriedenstellend.

Allein im Kaufhaus dank "Click & Meet"

Ein ganzes Kaufhaus für sich alleine, das hatte Anja Niemeyer noch nie. Die Wiesbadenerin liebt einkaufen, aber nicht im Internet. Sehnsüchtig hat sie darauf gewartet, dass im benachbarten Rheinland-Pfalz das Einkaufen mit Terminvergabe startete. Als dies bekannt wurde, hatte sie sich sofort um einen Termin bemüht.

So war sie am Montag eine der ersten, die in der Mainzer Innenstadt einkaufen gehen konnte. Eine Stunde lang durfte sie auf den sechs Etagen des Mainzer Modehauses einkaufen, was das Herz begehrt. Das Haus hatte ihr einen Einkaufsberater zur Seite gestellt, und sie musste eine Maske tragen. Am Ende trug sie einen neuen Wintermantel, einen passenden Schal und eine Bluse zur Kasse.

Rentabel nur im Alleingang

Auch Andreas Nagel freut sich, dass er in seinem Mainzer Geschäft für Kinderschuhe nun wieder Kunden beraten kann. Zuvor hatte er es "auf Zuruf" versucht, das ging nur begrenzt. Nun hat er im Halbstundentakt die Termine vergeben. Pro Kind nimmt er sich eine halbe Stunde Zeit; kommen Eltern mit zwei Kindern, sind es 45 Minuten. Er ist so gut wie ausgebucht.

Normalerweise beraten sie in seinem 60 Quadratmeter großen Laden zu zweit. Das macht er nun alleine. So laute die Regel - und nur so rechne sich das für ihn jetzt auch, sagt Nagel. Das Termin-Shopping sei ein großer Aufwand, aber nach dem Lockdown sei er froh, dass er wieder Kundschaft begrüßen dürfe. Schuhkauf sei von den Temperaturen abhängig. Wenn es nun wieder wärmer werde, brauchten die Menschen neue Schuhe.

Nur ein Geschenk im Landtagswahlkampf?

Natürlich sei ein geöffneter Laden besser als ein geschlossener, sagt Olaf Decker. Der Geschäftsmann betreibt in der Mainzer Innenstadt ein Lederwarengeschäft. Neben Taschen und Koffern verkauft er vor allem Schulranzen. 270 Quadratmeter umfasst sein Laden: Viel Fläche, die er jetzt gar nicht nutzen darf, weil die Verordnung vorsieht, dass maximal die Mitglieder eines Haushalts von einer Person bedient werden dürfen. Deshalb steht er nun allein in seinem Laden. Außerdem fehlt ihm Planungssicherheit, das belaste ihn.

Decker fühlt er sich von der Landesregierung überrollt. "Das Termin-Shopping ist ein Wahlgeschenk", schimpft er. Es sei auch nur bis zum 14. März geplant, bis zu dem Tag, an dem in Rheinland-Pfalz eine neue Regierung gewählt wird. "Wenn zu mir Kunden kommen, die einen Schulranzen brauchen, kann ich sie nicht in fünf Minuten abspeisen. So eine Beratung braucht länger und die Oma darf nicht mitkommen, wenn sie nicht im selben Haushalt wohnt. Dabei ist doch Schulranzenkauf Sache der Oma."

Viele sind unzufrieden, aber fast alle machen mit

Rund 90 Prozent der Einzelhändler in Rheinland-Pfalz nutzten die Möglichkeit des Termin-Shoppings, weiß Thomas Scherer, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Rheinland-Pfalz. Bei mehr als der Hälfte seien schon alle Termine für diese und kommende Woche vergeben, so das Ergebnis einer Umfrage des Verbands. Allerdings habe knapp jeder zweite, 45 Prozent der Mitglieder, angegeben, mit der Möglichkeit des Termin-Shoppings unzufrieden zu sein.

Das Problem sieht Scherer vor allem in der Regelung, dass nur Menschen aus einem Hausstand gleichzeitig im Laden sein dürfen. Dabei war sein Verband bei den Verhandlungen immerhin so erfolgreich, dass die Regelung einen kompletten Haushalt umfasst. Ursprünglich sei nur eine Person aus einem Hausstand vorgesehen gewesen. Jetzt kann wenigstens eine Familie gemeinsam einkaufen gehen, so Scherer.

Dennoch: Bei vielen Händlern komme durch den Verkauf nicht genügend Geld herein, um die Kosten zu decken. Das betreffe vor allem die großen Kaufhäuser mit mehr Verkaufsfläche. Ihnen nutze die Regelung nur wenig, so Scherer, und sei etwas "für die Seele, dass die Geschäfte überhaupt wieder öffnen, aber nicht für die Geldbeutel der Händler."

Forderung nach vollständiger Öffnung bleibt bestehen

Dass die Regelung ein Wahlgeschenk der Landesregierung sei, lasse sich nicht ganz von der Hand weisen. Dennoch könne die Regelung nur eine Überbrückung sein: "Was wir brauchen, ist die Öffnung der Geschäfte", fordert Scherer. Jetzt seien den Unternehmern zu sehr die Hände gebunden, dabei liege es doch im Wesen von Unternehmern, dass sie gern etwas unternehmen möchten.

Bei diesen Forderungen hat der Verbandsgeschäftsführer auch die Gespräche im Kopf, die er die letzten Wochen mit vielen seiner Mitglieder führte. Viele hätten ihre Altersversicherung angegriffen, um ihre Geschäfte am Laufen zu halten. Schon deshalb sei es nun Zeit zu handeln.

Korrespondentin

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Iris Völlnagel, SWR

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