Mann mit Kleinkind im Homeoffice

Neue Corona-Regeln Planen Großkonzerne mehr Homeoffice?

Stand: 21.01.2021 13:33 Uhr

Die neue Homeoffice-Verordnung soll Arbeitgeber dazu bewegen, mehr Beschäftigte von zu Hause aus arbeiten zu lassen. Doch die DAX-Konzerne reagieren verhalten, wie eine Umfrage von tagesschau.de zeigt.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Voraussichtlich ab Mitte der kommenden Woche ist es soweit: Firmen sind rechtlich dazu verpflichtet, ihren Mitarbeitern das Homeoffice zu ermöglichen. Die Arbeitgeber sollen Beschäftigten im Falle von Büroarbeit oder vergleichbaren Tätigkeiten anbieten, auch zu Hause arbeiten zu können, wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe dagegen sprechen, wie Bundesarbeitsminister Hubertus Heil ankündigte.

Das Ziel: Kontakte am Arbeitsort, aber auch auf dem Weg dorthin zu reduzieren. Im Zweifelsfall sollen sich die Arbeitnehmer an den Betriebsrat und im "äußeren Konfliktfall" an die Arbeitsschutzbehörden der Länder wenden. Dann seien auch Kontrollen und im "allergrößten Notfall" auch Bußgelder möglich.

Die Politik erhofft sich von der neuen Regelung ein wirksames Mittel im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Es gebe in diesem Bereich "erhebliche Potenziale, die wir heben können, um Infektionszahlen zu senken", sagte etwa Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff. Die Verordnung gilt zunächst befristet bis zum 15. März.

"Kein Änderungsbedarf"

Doch welchen Effekt hat die Angebotspflicht beim Homeoffice wirklich? Kann sie tatsächlich ein Schlüssel in der Corona-Krise werden? Eine Umfrage von tagesschau.de unter den zehn nach Börsenwert größten DAX-Unternehmen zeigt: Zumindest bei den Großkonzernen könnten die neuen Regeln weniger stark wirken als gedacht.

So erklären viele Konzerne aus der obersten deutschen Börsenliga, dass sich durch die Regelung nicht viel ändere. "Für Adidas ergibt sich durch die neue Verordnung absehbar kein Änderungsbedarf, da ohnehin bereits nahezu alle Mitarbeiter mobil von Zuhause arbeiten", teilte der Sportartikelhersteller mit. Von den rund 5400 Beschäftigten in der Adidas-Zentrale seien das aktuell über 95 Prozent.

Bei Siemens liege die Bürobelegungsquote weltweit bei lediglich fünf bis 15 Prozent, so der Industriekonzern gegenüber tagesschau.de. Von den rund 90.000 Mitarbeitern arbeiten demnach derzeit etwa 61.000 im den eigenen vier Wänden. Schon seit März 2020 gelte, dass alle Beschäftigten im Homeoffice sein sollen, bei denen das möglich ist. An den bisherigen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen werde Siemens "vorerst festhalten".

Maskenpflicht in der Produktion

Andere große DAX-Konzerne äußern sich ähnlich. Auch von BASF heißt es, der Chemiekonzern erfülle bereits jetzt weitgehend die Anforderungen und neuen Vorgaben, wie eine Sprecherin sagte. Schon seit Oktober - genau wie im Frühjahr 2020 - gelte bei BASF das Prinzip: "Mitarbeiter, deren Tätigkeiten es hergeben, arbeiten ausschließlich von zu Hause." Von 39.000 Beschäftigten am Standort seien das rund 11.000. Die anderen arbeiten laut eigenen Angaben nach wie vor im Werk, um es am Laufen zu halten. Viele Tätigkeiten, beispielsweise in Produktion und Technik sowie in der Forschung, seien mobil nicht durchführbar. Für sie gebe es seit Mitte November eine grundsätzliche Maskenpflicht.

Heils "Corona-Arbeitsschutzverordnung" sieht neben dem Homeoffice auch eine Begrenzung der Mitarbeiterzahl in geschlossenen Räumen vor und eine Vorgabe für Arbeitgeber, "medizinische Gesichtsmasken", FFP2-Masken oder "vergleichbare Atemschutzmasken" zur Verfügung zu stellen, wenn es nicht möglich ist, Abstände einzuhalten.

Mögliche Nachjustierungen

Auch die Deutsche Telekom habe eine "klare und deutliche Homeoffice-Empfehlung für alle Mitarbeitenden, bei denen das aufgrund ihrer Tätigkeit möglich ist", schreibt der Kommunikationskonzern. Dazu gehörten auch Beschäftigte in den Service-Centern. "80 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im Homeoffice", sagte ein Unternehmenssprecher im Gespräch mit tagesschau.de.

Nur Kollegen des technischen Services und des technischen Außendienstes, die ihre Aufgaben nicht aus dem Homeoffice heraus erledigen können, seien ausgenommen. Zudem stünden den Mitarbeitern die Büros mit notwendigen Hygienemaßnahmen auf Wunsch flexibel zur Verfügung - wenn die Heimarbeit aus privaten oder familiären Gründen nicht gut möglich ist. Hat die neue Verordnung darauf Auswirkungen? "Wir überprüfen, ob wir bei den Regelungen nachjustieren müssen", betont der Sprecher.

Der Darmstädter Pharmakonzern Merck prüft ebenfalls gerade die betriebliche Umsetzung der Regelungen im Detail. "Mitarbeiter, deren Tätigkeitsfeld es erlaubt, haben wir angesichts der im Spätsommer wieder steigenden Infektionszahlen bereits im Oktober gebeten, wenn möglich von zu Hause aus zu arbeiten", erklärte ein Sprecher. Personal, das von der Schließung von Schulen und Kitas betroffen sei, könne in Absprache mit ihrer Führungskraft ebenfalls dort arbeiten. Gleiches gelte für Mitarbeiter mit Vorerkrankungen.

Großteil der SAP-Angestellten im Homeoffice

Bei der Allianz sind nach Konzernangaben an allen Standorten etwa 85 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice. Zudem seien die Vorsichtsmaßnahmen seit dem 26. Oktober wieder ausgeweitet worden: Eine maximale Anwesenheitsquote in Büros, ein grundsätzliches Zutrittsverbot für Besucher und Dienstleister sowie das Verbot von Dienstreisen. Im Dezember seien die Angestellten darüber hinaus zu noch einmal zu verstärkter Vorsicht aufgerufen worden. "Daher haben wir all unsere Kolleginnen und Kollegen gebeten, bis auf Weiteres wirklich nur in dringenden Fällen ins Büro zu kommen", so eine Sprecherin.

Auch Deutschlands nach Marktkapitalisierung größtes Unternehmen SAP schickte bereits vor der neuen Angebotspflicht ein Großteil der Beschäftigten in die Heimarbeit. "Wir stehen hinter allen Maßnahmen, die dabei helfen, die Corona-Pandemie wirkungsvoll zu bekämpfen. 95 Prozent aller SAP-Mitarbeiter arbeiten bereits von zu ause - und werden dies auch mindestens bis Juni tun", sagte ein Sprecher des Software-Konzerns zu tagesschau.de.

Verschärfte Maskenpflicht bei VW?

Bei Volkswagen arbeiten laut Konzern aktuell 47.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mobil. "Das entspricht einer Steigerung von fast 20 Prozent gegenüber dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020", sagte eine VW-Sprecherin. Allen Beschäftigten, die mobile Arbeit nutzen könnten, werde ermöglicht, im Homeoffice zu arbeiten, so der Autobauer gegenüber tagesschau.de. Das Unternehmen prüfe jetzt, ob zusätzlicher Handlungsbedarf erforderlich sein - zum Beispiel durch die Ausweitung der Pflicht zum Tragen medizinischer Masken. Der Daimler-Konzern gibt an, im Schnitt befänden sich mehr als zwei Drittel aller Mitarbeiter in der Verwaltung im Homeoffice. "Wir beobachten die aktuelle Corona-Situation genau und werden, wenn notwendig, weitere Maßnahmen einleiten", so eine Sprecherin des Stuttgarter Herstellers.

Ein Mitarbeiter geht mit einem Mund- und Nasenschutz an Fahrzeugen in der Produktion vorbei. | Bildquelle: dpa
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Nicht bei allen Tätigkeiten - gerade in der Industrie - ist Homeoffice möglich. Ein Industrie-Lockdown ist aber weiterhin nicht geplant.

Potenzial noch nicht ausgeschöpft?

Auch Arbeitgeberverbände verweisen auf die bereits ergriffenen Maßnahmen der Betriebe. "Wir machen das alles schon", sagte etwa Arndt Kirchhoff, Präsident der Landesvereinigung Unternehmensverbände Nordrhein-Westfalen, am Mittwoch dem WDR mit Blick auf die verschärften Regeln. Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung war dagegen zum Ergebnis gekommen, dass im November deutlich weniger Beschäftigte von zu Hause aus arbeiteten als im ersten Lockdown.

Nachholbedarf angesichts der neuen Homeoffice-Verordnung könnten indes vor allem kleinere Unternehmen haben. "Großkonzerne mit einem größeren Budget und höherer Planungssicherheit haben es meist einfacher als kleinere mittelständische Firmen oder Familienbetriebe", sagte Oliver Stettes, Arbeitsmarktforscher am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), im Gespräch mit tagesschau.de. Im Mittelstand sei es "schwerer, die Arbeit digital zu organisieren." Dazu kommt: Die Arbeitnehmer sollen laut Arbeitsministerium auch im Fall eines Homeoffice-Angebots weiterhin frei entscheiden können, ob sie ins Büro fahren oder nicht.

Über dieses Thema berichtete mdr aktuell am 21. Januar 2021 um 11:18 Uhr.

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