Kanülen mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca in einem Labor in Indien. | Bildquelle: REUTERS

Corona-Vakzin für Privatkunden Kritik am weltgrößten Impfstoff-Hersteller

Stand: 10.12.2020 15:32 Uhr

Erhalten alle Menschen gerechten Zugang zur Corona-Impfung? Der Hersteller Serum Institute aus Indien will bald auch private Kunden beliefern. Finanzkraft könnte dann entscheidend sein, fürchten Hilfsorganisationen.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi, zzt. in Hamburg

Noch sind die Anträge für eine Notfall-Zulassung eines Corona-Impfstoffes in Indien nicht genehmigt, da gibt es schon Kritik an den Vermarktungsplänen der Hersteller. Das Serum Institute of India in Pune im indischen Bundesstaat Maharashtra, der größte Hersteller von Impfstoffen weltweit, will die begehrte Abwehr-Arznei gegen das Virus nicht nur an die indische Regierung verkaufen, sondern möglichst bald auch an private Interessenten - zu höheren Preisen.

So soll der von AstraZeneca und der Universität Oxford entwickelte Impfstoff auf dem freien Markt für umgerechnet bis zu 13 US-Dollar pro Impfdosis abgegeben werden. Die Regierungsbehörden müssten nur rund 250 Rupien - umgerechnet etwa drei Dollar - zahlen, so Adar Poonawalla, der Chef des Serum Institutes. Dies sei der bestmögliche Preis für den Impfstoff, sagte Poonawalla dem indischen Fernsehsender NDTV. Auch wenn das bedeute, dass sein Unternehmen mit den ersten Impfdosen kaum Gewinn mache.

Produktion läuft auch ohne Zulassung

Schon im Januar könnte das Serum Institute bis zu 100 Millionen Dosen des Oxford-Impfstoffs ausliefern. Das Familienunternehmen hat schon längst mit der Produktion begonnen, auch ohne staatliche Zulassung. Die Regierung habe ein Ziel von 300 bis 400 Millionen Impfdosen bis Juli 2021 genannt, so Poonawalla, aber möglicherweise kaufe sie einen Teil auch von Pfizer oder anderen Herstellern.

Während die ersten Lieferungen direkt an die indische Regierung gehen sollen, will das Serum Institute schon in den ersten drei Monaten des neuen Jahres auch andere, private Interessenten beliefern. Die Notfallzulassung schließe das zwar aus, sagte Poonawalla, denn sie erlaubt nur die Immunisierung der besonders gefährdeten Gruppen wie etwa medizinisches Personal und ältere Menschen. Aber schon im Februar oder März liege vielleicht eine volle Lizenz vor, und dann werde auch die Allgemeinheit versorgt.

Konkurrenz zwischen armen und reichen Ländern?

Damit befeuerte Poonawalla die Debatte über eine gerechte Verteilung des weltweit begehrten Impfstoffes. Während in anderen Ländern noch an einer Prioritätenliste gearbeitet wird, befürchten Hilfsorganisationen und andere Gegner eines privaten Verkaufs, dass die Finanzkraft einer Bevölkerungsgruppe und auch die eines Landes darüber entscheiden könnte, wer zuerst einen Schutz gegen das Coronavirus bekommt.

Es stehe noch nicht genügend Impfstoff zur Verfügung, und schon hätten sich die reichen Länder ihren Anteil und große Teile der für nächstes Jahr geplanten Produktion gesichert, beklagte Anna Marriott, die Expertin für Gesundheitspolitik der Hilfsorganisation Oxfam, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Dabei müsse keine Konkurrenz zwischen armen und reichen Ländern entstehen, wenn die Regierungen entsprechende Regelungen träfen, so Marriott. Die Pharmakonzerne sollten ihre Forschungsergebnisse und ihr Know-how zur Verfügung stellen, damit noch mehr Hersteller mit der Produktion beginnen könnten und jeder so schnell wie möglich eine Impfung bekomme.

Auch in Indien gibt es eine Prioritätenliste

In Indien werde zunächst das medizinische Personal gegen das Virus geimpft, kündigte der Staatssekretär des Gesundheitsministeriums in Delhi, Rajesh Bhushan, an; außerdem Polizei und Sicherheitskräfte sowie ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen, die durch eine Corona-Infektion besonders gefährdet sind. Insgesamt seien das etwa zehn Millionen Menschen.

In Indien liegt die Zahl der täglichen Neuinfektionen seit rund einem Monat unter der Marke von 50.000. Seit Beginn der Pandemie haben sich offiziell knapp zehn Millionen Menschen in Indien mit dem Coronavirus infiziert. Die Dunkelzifffer wird deutlich höher geschätzt. Fast 142.000 Covid-19-Patienten sind gestorben.

Haben Vorfälle in Großbritannien aufgeschreckt?

Und doch lässt sich die zuständige indische Behörde Zeit mit der Freigabe eines Impfstoffs. Beim Oxford-Impfstoff fehlten noch Unterlagen, hieß es. In Großbritannien, wo vor wenigen Tagen die ersten Impfungen mit dem Pfizer-Präparat verabreicht wurden, warnte die Regulierungsbehörde vor möglichen allergischen Reaktionen. Das hat die indische Zulassungsbehörde offenbar aufgeschreckt. Es gebe mehrere Impfstoff-Hersteller, deren Entwicklung unterschiedlich weit vorangeschritten sei, so Gesundheitsstaatsekretär Rajesh Bhushan. Einige könnten vielleicht schon in den kommenden Wochen mit einer Lizenz rechnen. Genaue Termine seien Sache der nationalen Regulierungsbehörde.

Sollte das Serum Institute entgegen aller Erwartungen keine Zulassung für den Oxford-Impfstoff bekommen, bedeutete dies ein Millionenverlust für das Unternehmen, das einer der reichsten indischen Familien gehört. Doch wahrscheinlich verfügt Firmenchef Poonawalla, einziger Sohn des Firmengründers, schon bald über eines der weltweit begehrtesten Arzneimittel: einen Impfstoff, der die größte Pandemie seit mehr als 100 Jahren beenden soll.

Kritik an Vermarktung des Corona-Impfstoffs in Indien
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
10.12.2020 14:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete BR24 am 10. Dezember 2020 um 15:51 Uhr.

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