Leere Tische und geschlossene Schirme stehen vor einem Restaurant in Dresden, während auf der Königstraße die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos Lichtspuren ziehen. | Bildquelle: dpa

IWF-Schätzung Jede neunte Firma ohne Hilfe pleite

Stand: 19.01.2021 18:33 Uhr

Ohne Staatshilfen und die Aussetzung der Insolvenzpflicht wäre in der Corona-Krise laut IWF jedes neunte deutsche Unternehmen pleite gegangen. Der Ausstieg aus den Maßnahmen könnte daher schmerzhaft werden.

Die milliardenschweren Staatshilfen und ausgesetzte Insolvenzpflicht haben in der Corona-Pandemie jede neunte Firma in Deutschland vor einer Pleite gerettet. Davon wären vor allem kleine Betriebe betroffen gewesen, erklärte der Internationale Währungsfonds (IWF) in Washington. Lediglich rund zweieinhalb Prozent der Unternehmenskredite wären damit gefährdet gewesen.

Besonders die Hotel- und Gastronomie-Branche stand allerdings stark unter Druck. Hier hätten laut IWF rund 30 Prozent ihre Schulden nicht mehr bedienen können, weil ihnen die Einnahmen wegbrachen. Der Ausstieg aus den Stützungsmaßnahmen werde für Deutschland zu einem "Balanceakt" und schmerzhaft, warnte IWF-Experte Shekhar Aiyar.

Insolvenzwelle im Herbst ausgeblieben

Der Staat müsse einen sanften Übergang zur Normalität ermöglichen, indem er - etwa von erzwungenen Schließungen zur Eindämmung der Pandemie - stark betroffene Unternehmen weiter stütze und das Ende für nicht lebensfähige Firmen erleichtere, heißt es in der IWF-Analyse. Sanierungsexperten kritisieren, dass die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht auch Unternehmen schütze, die auch ohne die Krise keine Überlebenschance hätten.

Was jedoch gegen die Annahme des IWF spricht: Als zahlungsunfähige Unternehmen zwischen Oktober und Dezember wieder Insolvenz anmelden mussten, war die befürchtete Pleitewelle ausgeblieben. In der Bundesregierung wird derzeit debattiert, ob die Antragspflicht über Ende Januar hinaus verlängert werden soll, weil die Hilfen für die Umsatzausfälle im November und Dezember nur zäh fließen.

Noch mehr Kredite ungeeignet

Ein Teil der Staatshilfen wird in Form von Krediten gezahlt. Experten warnen, dass das die Unternehmen langfristig schwächen könnte. "Ich fürchte, dass die niedrigen Eigenkapitalquoten die deutsche Wirtschaft über Jahre hinaus belasten werden", sagte Michael Baur, Europachef der Unternehmensberatung Alix Partners, der Nachrichtenagentur Reuters. Bei vielen Firmen habe durch die hohen Verluste und die steigenden Schulden "eine komplette Kernschmelze stattgefunden".

Noch mehr Fremdkapital sei aber keine Lösung, weil die Unternehmen dadurch in eine Sackgasse gerieten. Wenn sich ihr Geschäft nach der Krise nicht schnell erhole, "könnte ein nächster Sturm die wackligen Dächer vieler Unternehmen ganz abdecken".

Sanierungsexperte Baur bezeichnet daher Erleichterungen für Eigentümer als geeignet. Aber auch neue Investoren, die den Unternehmen frisches Geld zur Verfügung stellen, seien nötig, um die zu dünn gewordene Eigenkapitaldecke wieder aufzufüllen. "Der Staat könnte zum Beispiel bei Sanierungskapitalerhöhungen unter bestimmten Voraussetzungen auf die Kapitalsertragsteuer verzichten", schlägt Baur vor.

IWF lobt deutsche Rettungspolitik

Der IWF traut der deutschen Wirtschaft derweil in diesem Jahr eine spürbare Erholung zu. Das BIP dürfte um 3,5 Prozent wachsen, teilten die Ökonomen mit. Damit korrigiert der IWF zum zweiten Mal in gut sechs Monaten die Schätzung nach unten - im Oktober hatte die Prognose bei 4,2 Prozent gelegen, im Juni noch 1,2 Punkte höher.

Die Bundesregierung prognostizierte bislang einen Anstieg von 4,4 Prozent, wird diese Schätzung aber Ende Januar überarbeiten. Der längere Lockdown dürfte für eine vorsichtigere Prognose sorgen.

Der IWF lobte, Deutschland sei besser als vergleichbare Staaten durch die Pandemie gekommen. Die Bundesregierung solle die Hilfsmaßnahmen für die Wirtschaft dennoch keinesfalls zu früh einstellen. Die Finanzpolitik müsse expansiv bleiben, bis sich die konjunkturelle Erholung gefestigt habe, erklärte der IWF.

Entwickle sich die Wirtschaft schwächer als erwartet, sollten zusätzliche Mittel bereitgestellt werden. Deutschland habe ausreichend Möglichkeiten, um im Notfall nachzulegen. Der IWF begrüßte in diesem Zusammenhang, dass Finanzminister Olaf Scholz (SPD) auch 2021 die Schuldenbremse mithilfe des Bundestages außer Kraft setzt.

Olaf Scholz | Bildquelle: AFP
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Der IWF lobt Olaf Scholz (SPD) für die Aussetzung der Schuldenbremse.

Impfungen sollten Lage verbessern

Der Fonds hebt deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Branchen hervor. Anfang des Jahres dürften die hohen Infektionszahlen noch für Einschränkungen sorgen. Sobald es für alle Bürger Impfmöglichkeiten gebe, sollte sich die wirtschaftliche Lage allerdings verbessern.

Deutschland verwende im Zeitraum 2020 und 2021 mehr als zehn Prozent seiner Wirtschaftskraft für den Kampf gegen Corona, außerdem seien öffentliche Bürgschaften ausgeweitet worden. Damit habe Deutschland innerhalb Europa eines der größten Rettungspakete geschnürt.

"Die Ausweitung der Kurzarbeit hat zudem eine entscheidende Rolle gespielt, um Jobs zu erhalten und die Einkommen der Haushalte zu sichern", heißt es im Länderbericht. Unternehmen seien weiter an Kredite gekommen und hätten auch über andere Maßnahmen zusätzliche Liquidität erhalten.

2020 ist die deutsche Wirtschaft wegen der Folgen der Pandemie um 5,0 Prozent geschrumpft und damit erstmals seit elf Jahren. Ein noch stärkeres Minus hatte es zuletzt 2009 in der globalen Finanzkrise mit damals 5,7 Prozent gegeben.

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