Piloten als Lokführer Vom Cockpit in den Führerstand

Stand: 04.03.2021 15:49 Uhr

Die Corona-Krise hat auch Tausenden Piloten und Pilotinnen ihren einst sicher geglaubten Job gekostet. Sie müssen sich eine andere Beschäftigung suchen. Dabei liebäugeln einige mit der Deutschen Bahn.

Carlos Sprüngli war 25 Jahre lang Pilot, bevor er in der Corona-Krise seinen Job verlor. Nun lässt er sich zum Lokführer der Schweizer Bundesbahn umschulen. "Das Leben geht weiter", sagte er dem Fernsehsender "Euronews": "Das ist wie in einer Beziehung. Wenn der andere nichts mehr von dir will, muss man seinen Stolz herunterschlucken und nach vorne blicken."

Auch hierzulande gibt es erste Piloten - Schätzungen sprechen von einem Dutzend - die sich zu Lokführern umschulen lassen, besonders jene, die für insolvente Gesellschaften gearbeitet haben wie SunExpress oder Germania. Die Bahnbetreiber, ob in der Schweiz oder in Deutschland, freuen sich über das gestiegene Interesse; haben sie doch Mühe, ausreichend Personal zu finden.

Wie groß das Interesse der Bahnbetreiber am ehemaligen Flugpersonal ist, zeigt auch das Beispiel der ehemaligen Flugbegleiter und -begleiterinnen der insolventen Gesellschaft Germanwings: Viele wurden von der Deutschen Bahn gezielt angesprochen, um sie auf den Job als Zugbegleiter umzuschulen.

18.000 Jobs gefährdet

Von einem Massenandrang arbeitsloser Flugbegleiter und Piloten kann dennoch nicht gesprochen werden. Dabei geht die europäische Pilotenvereinigung EPA davon aus, dass von den etwa 65.000 Kräften auf dem Kontinent rund 18.000 dauerhaft ihren Job verlieren. Allein bei der deutschen Lufthansa sollen im kommenden Jahr bis zu 1200 von rund 5500 Kollegen gehen, schätzt die Vereinigung Cockpit. Noch hat das Unternehmen die Möglichkeit, das Cockpitpersonal bis zum 31.12.2021 in Kurzarbeit zu belassen. Darüber hinaus gilt ein Kündigungsschutz bis zum 31.03.2022. Doch danach könnte es eng werden.

Dass die Lufthansa deutlich weniger Piloten braucht, zeigt auch die Mitte Februar verkündete Entscheidung, die Flugschule am Standort Bremen weitgehend zu schließen und dort nur noch die Theorie zu lehren. Der Praxisunterricht soll stattdessen nach Rostock-Laage verlegt werden. Die Trainingsflüge mit Cessna-Ausbildungsjets, die erst 2007 angeschafft wurden, enden in Bremen voraussichtlich zur Mitte des Jahres. In Rostock finden die Trainingsflüge dann in günstigeren Propellermaschinen statt.

Von Bremen nach Rostock

Von den rund 700 Flugschülern am Standort Bremen will die Lufthansa nur 150, die in ihrer Ausbildung bereits weit fortgeschritten sind, einen Abschluss ermöglichen. Den anderen wurde bereits nahegelegt, ihre Ausbildung an einer anderen Flugschule fortzusetzen oder sich beruflich neu zu orientieren. Laut Medieninformationen haben mehr als 100 der Flugschüler bereits Klage dagegen eingereicht.

Erhard Walther, Chef und Gründer der Hamburger Beratungsgesellschaft Interpersonal, glaubt nicht, dass die in der Krise arbeitslos gewordenen Piloten woanders unterkommen, etwa bei Airlines in den Golfstaaten oder Südamerika. "Ich fürchte, dass einige Piloten verglühen. Es ist sehr aufwendig, Lizenz und medizinische Voraussetzungen aufrecht zu erhalten."

Für ältere Kollegen werde sich das vielleicht auch gar nicht mehr rechnen. "Jüngere, die vielleicht auch eine Familie versorgen müssen, werden in andere Berufe wechseln." Der Betreiber der Job-Börse career.aero für fliegerisches Fachpersonal sieht zudem ein klassisches Betätigungsfeld für Ex-Piloten derzeit versperrt: "Die Flughäfen und Zulieferer haben im Moment selbst zu große Mannschaften an Bord."

Probleme mit der Lizenz

Für viele Piloten ist ihr Beruf allerdings mehr als ein gewöhnlicher Job, sondern eine Lebensstellung, sagt der Luftverkehrsexperte der Arbeitsagentur am Flughafen Frankfurt, Holger Bausch. "Die meisten sorgen sich erst einmal um die Aufrechterhaltung ihrer Lizenz und schauen, was weltweit möglich ist."

Lufthansa-Pilotin Leila Belaasri weist auf Probleme mit der Verkehrspilotenlizenz ATPL hin, die in Deutschland keinen anerkannten Berufsabschluss darstelle. "Diese Einstufung spiegelt das facettenreiche Kompetenzprofil eines Piloten nicht wider. Folglich ist es signifikant wichtig, die Unterstützung des Luftfahrtbundesamtes zu gewinnen, um die rechtlichen Voraussetzungen für eine bessere Anerkennung zu schaffen. Damit Kollegen leichter in andere Berufe quer einsteigen oder bei verwandten Studiengängen nicht ganz bei Null anfangen müssen."

Alle Piloten können nicht Lokführer werden

Arbeitsvermittler Bausch rät den Betroffenen zur Selbstanalyse: "Die Bewerber müssen im Einzelfall schauen, welche Teilgebiete ihres bisherigen Jobs sie ausbauen wollen. Das könnten beispielsweise Luftrecht, Technik oder auch die Meteorologie sein." Interpersonal-Chef Walther sieht ebenfalls Möglichkeiten außerhalb der Fliegerei: "Grundsätzlich können Piloten mit ihren Kompetenzen auch gut in technischen Hochrisiko-Umfeldern eingesetzt werden, zum Beispiel in Kraftwerken. Das haben bislang noch zu wenige potenzielle Arbeitgeber erkannt."

Deshalb dürfe die Umschulung von Piloten oder Pilotinnen, etwa zu Lokführern, auch nicht überbewertet oder als Allheilmittel betrachtet werden. "Wir können nicht einfach aus 1000 Piloten 1000 Lokführende machen, selbst wenn es dem Klimaschutz zugutekommt", warnte kürzlich Kirsten Lühmann, verkehrspolitische Sprecherin der SPD und stellvertretende Bundesvorsitzende des DBB Beamtenbunds. Das Gleiche gelte für Flugbegleitungen, sie hätten im Flugzeug einen anderen Job als im Zug. Zudem wisse derzeit niemand, wie es in der Luftfahrt in ein paar Jahren aussehe. Einen generellen Ausbildungs- und Einstellungsstopp sowie eine massenhafte Umschulung von Flugpersonal hält sie für falsch - auch aus einem ganz anderen Grund: "Ohne jungen Nachwuchs vergreist das Personal."

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