Corona am Arbeitsplatz Gesund ins Büro, krank nach Hause?

Stand: 09.04.2021 08:16 Uhr

Im März haben laut ifo-Institut nur rund 30 Prozent teilweise oder vollständig im Homeoffice gearbeitet. Es könnten aber noch viel mehr sein, sagen Experten. Der Ruf nach strengeren Regeln wird lauter.

Von Tim Diekmann, SWR

Der Fertigsuppen-Hersteller Knorr in Heilbronn kennt kein Homeoffice. Damit die Regale im Supermarkt auch in der Pandemie gefüllt sind, muss Knorr auch in Zeiten hoher Infektionszahlen weiter produzieren. Zum Schutz der Mitarbeiter setzt der Unilever-Konzern, zu dem auch Knorr gehört, in seinen Werken auf Tests und moderne Technik: "Schon seit Beginn des Jahres setzen wir flächendeckend in unseren Werken PCR-Gurgeltests ein", berichtet ein Konzernsprecher. Einmal in der Woche solle sich jeder Mitarbeiter selber testen: "Die Probe kommt dann ins Labor, und der Mitarbeiter bekommt per SMS das Testergebnis." Scanner an den Werkstoren erfassen zudem die Körpertemperatur von jedem, der rein will. Es gilt Maskenpflicht und auch ein Augenschutz muss getragen werden.

Viele Infektionen am Arbeitsplatz

Doch nicht überall funktioniert der Infektionsschutz am Arbeitsplatz so wie bei Knorr. Im Gegenteil: Das Robert Koch-Institut hat zuletzt immer mehr Infektionen im beruflichen Umfeld beobachtet. Sie machen inzwischen elf Prozent der nachvollziehbaren Corona-Ausbrüche aus. Es ist damit wahrscheinlicher, sich im Büro anzustecken, als im Krankenhaus oder im Alten- und Pflegeheim.

Martin Kunzmann, Vorsitzender des DGB Baden-Württemberg, wundert das nicht. Immer wieder wird dem Gewerkschaftschef berichtet, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern das Homeoffice verwehren: "Es macht mich schon nachdenklich, wie manche Unternehmen mit der aktuellen Situation umgehen. Mir sind Beispiele bekannt, in denen Risikogruppen gezwungen werden, ins Büro zu kommen."

Ruf nach Homeoffice-Pflicht wird lauter

Dabei hat die Bundesregierung erst im Januar Arbeitgeber per Verordnung aufgefordert, Heimarbeit zu ermöglichen, "wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen." Wie wenig erfolgreich diese freundliche Aufforderung der Regierung ist, zeigt ein aktueller Blick auf die Zahlen: Laut ifo-Institut arbeiteten im März nur rund 30 Prozent der Beschäftigten in Deutschland teilweise oder vollständig im Homeoffice.

Das sei zu wenig, mahnt der Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie: "Homeoffice ist ein wichtiger Faktor in der Pandemie-Bekämpfung. Aber der momentane Anteil der Beschäftigten im Homeoffice ist zu gering, da geht noch mehr." Die 30 Prozent, die schon jetzt von zu Hause arbeiten, habe man ohne größeren Aufwand erreicht, so Zeeb. "Ich glaube nicht, dass die restlichen 70 Prozent alle nicht von zu Hause arbeiten könnten."

Der DGB Baden-Württemberg wünscht sich gegenüber tagesschau.de, "dass das Recht auf Homeoffice und der Schutz der Beschäftigten im Betrieb auch konsequent durchgesetzt werden. Das muss die Gewerbeaufsicht kontrollieren." Und auch der Vorsitzende der Arbeitnehmergruppe von CDU/CSU im Bundestag, Schummer, fordert in einem Zeitungsinterview, Unternehmen müssten "dort, wo es möglich ist, Homeoffice verpflichtend anbieten, zumindest für einige Tage in der Woche".

Alternativen zum Homeoffice?

Gegen eine Homeoffice-Pflicht hat auch Aerosolforscher Martin Kriegel von der TU Berlin nichts einzuwenden. Kriegel weiß, wie groß der Einfluss von Großraum- und Gruppenbüros auf die Infektionszahlen sein kann. "Das Risiko, sich bei der Arbeit im Büro anzustecken, ist bis zu acht Mal höher als im Supermarkt oder im ÖPNV", erklärt Kriegel anhand eines von ihm durchgeführten Rechenmodells. Die Erklärung: Weil wir etwa 500 Liter Luft pro Stunde ein- und ausatmen, sei es wahrscheinlich, dass in einem geschlossenen Raum nach einiger Zeit "die Aerosolpartikel, an denen Viren haften können, von einer anderen Person eingeatmet werden."

Nur halbe Zeit im Büro?

Im schlimmsten Fall könne eine infizierte Person im Raum mehrere andere Personen anstecken. Das Infektionsrisiko sinkt, wenn weniger Mitarbeiter in einem Büro sitzen und alle dauerhaft Masken tragen. Eine Alternative zum Homeoffice seien in Verbindung mit den bekannten Schutzmaßnahmen auch Wechselmodelle: "Warum muss ich acht Stunden in einem Büro sitzen, gehen nicht auch vier Stunden?", fragt Kriegel. Das würde das Risiko einer Ansteckung immerhin halbieren.

Dass Produktionsstätten wie Knorr in Heilbronn aber auch weiterhin geöffnet bleiben müssen, ist sowohl dem Aerosolforscher, als auch dem Epidemiologen Zeeb klar. Regelmäßige Tests und strikte Kontaktvermeidung könnten dort helfen, Ausbrüche wie 2020 in der Fleischindustrie zu verhindern.

Der Unilever-Konzern, der neben Knorr fünf weitere Werke in Deutschland mit etwa 5000 Mitarbeitern betreibt, betont den Erfolg seiner Corona-Schutzmaßnahmen: Bislang habe es in den wöchentlichen PCR-Tests nicht einen positiven Fall gegeben. Ob diese hohen Sicherheitsstandards aber auf Dauer aufrechterhalten werden können, ist fraglich. Allein Unilever gibt nach eigenen Angaben für Tests & Co. einen siebenstelligen Betrag aus - und das jeden Monat.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. April 2021 um 15:21 Uhr.

Korrespondent

Tim Diekmann | Bildquelle: SWR / Alexander Kluge Logo SWR

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