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Tarifpoker bei VW Die Vier-Prozent-Frage

Stand: 13.01.2021 14:09 Uhr

Volkswagen und IG Metall verhandeln über den VW-Haustarifvertrag. Die Spielräume sind begrenzt: einerseits wegen der Krise, andererseits wegen des vergleichsweise hohen Niveaus der geltenden Regelung.

Von Jörg Ihßen, NDR

Versorgungsengpässe, Absatzschwäche, Kurzarbeit: Das sind die wirtschaftlichen Vorzeichen, unter denen der Tarifpoker bei VW in diesem Jahr bestritten wird. In dieser von Krise geprägten Atmosphäre fordert die IG Metall ein um vier Prozent höheres Entgelt, eine Garantie für 1400 Ausbildungsplätze und bezahlte Freistellung für möglichst viele Metaller ohne Bedingungen wie Schichtarbeit, Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen. Soweit die Kernpunkte.

Statt der sonst üblichen Armada von rund 60 Tarifpartnern, die sich sonst kameragerecht im Spalier die Hände schüttelten, trifft sich heute eine kleine Gruppe von Verhandlern mit Mundschutz und Sicherheitsabstand in Wolfsburg. Ohne Fotografen und Kamerateams.

Unsicherheit in der Pandemie

Unweit des Büros wird im Stammwerk die Produktion gedrosselt, viele Mitarbeiter sind in Kurzarbeit oder im Homeoffice. Computerbauteile wie zum Beispiel Halbleiter fehlen, im Emder Werk rollen deshalb rund 10.000 Autos nicht vom Band. Zulieferprobleme nehmen ständig zu. In Zeiten des geplanten Aufbruchs Richtung Elektromobilität und digitaler Vernetzung von Autos fehlen plötzlich Autositze. Jeden Tag droht in Pandemiezeiten in der Autoindustrie ein neues Problem.

"Heikel" nennt das der mächtige Konzernbetriebsrat Bernd Osterloh und sieht "im ersten Quartal, wenn nicht länger" harte Zeiten auf die Autobranche zukommen. Trotzdem stärkt er auf Flugblättern dem IG Metall-Tarif-Verhandlungsführer Thorsten Gröger den Rücken: "Vier Prozent mehr Entgelt ist eine Forderung mit Augenmaß, die in die Zeit passt." Vom VW-Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Arne Meiswinkel, gibt es vor dem ersten Treffen nur so viel: "Fest steht, dass dieses Jahr weiterhin von Unsicherheit geprägt und von den Auswirkungen der Coronapandemie überschattet sein wird."

Tückische Details

Das klingt zunächst nicht nach Streit oder verhärteten Fronten, die bei Volkswagen schon mal fast 20.000 Beschäftigte zum Warnstreik auf die Werksstraßen brachten. Das klingt nach Tücken im Detail. Oder zumindest zähen Verhandlungen. Denn wie im Flächentarifvertrag für die Metallindustrie geht es auch bei VW vor allem um darum, Löhne schnell, flexibel und unbürokratisch zu gestalten. Diesen Wunsch entdecken Wirtschaftsexperten auf beiden Seiten - nur mit verschiedenen Vorzeichen.

Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft fordert für die gesamte Metallbranche eine Nullrunde. Sozialforscher Professor Wolfgang Schroeder vom Wissenschaftszentrum Berlin hingegen hält VW für besser aufgestellt als viele andere Unternehmen und sieht deshalb bei den Entgeltforderungen in den kommenden Verhandlungen auch Luft nach oben: "Die Rahmenbedingungen sind in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit bei Volkswagen durch den starken Markt in China immer noch weitaus besser als anderswo in der Autobranche."

Der berühmte "Schnaps mehr"

Arbeiten VW-Beschäftigte also, wie schon so oft, auf einer Insel der Glückseligen in einem kriselnden Marktumfeld? Ökonom Schroeder sieht bei diesen Tarifverhandlungen einen ersten Wandel bei den zentralen Themen. Geht es in der Fläche vor allem um die Rettung von Tausenden Arbeitsplätzen, hat man bei VW eine Beschäftigungssicherung bis 2029 - und damit eher ein Luxusproblem.

Was soll man den Mitgliedern noch bieten? Den berühmten "Schnaps mehr", wie es in Gewerkschaftskreisen gern hieß. Das sind in diesem Jahr vor allem Arbeitsmodelle. Aber, so Ökonom Schröder, die Gesamtsituation der Automobilbranche hole die Wolfsburger ein: "Die Insel VW wird immer stärker mit den Wirtschaftsproblemen des Landes verbunden. Die Unsicherheit des Arbeitsplatzes spielt unabhängig von der Lage bei VW durch die Unsicherheitskonstellationen eine immer größere Rolle. Deshalb wird das Thema der Beschäftigungssicherung auch bei den Tarifverhandlungen immer wichtiger.“

An die tarifliche Reallohnsteigerung von vier Prozent glaubt bei VW auch in Gewerkschaftskreisen deshalb kaum jemand. Zwar verweisen die IG-Metall-Verhandlungsführer darauf, dass die letzte Tariferhöhung im Sommer 2018 erfolgte. Aber dem Ziel, möglichst vielen Beschäftigten in der Automobilindustrie weiter Arbeit zu geben, fühlten sich bisher beide Tarifpartner ebenso verpflichtet wie dem Anspruch, die Aus- und Weiterbildung auch im Tarifvertrag weiter zu entwickeln. Hier einen gemeinsamen Kompromiss zu finden, könnte bedeuten, dass man sich letztendlich auf eine moderate Lohn- und Entgeltsteigerung einigt. Eventuell sogar auf eine Einmalzahlung, heißt es im Vorfeld aus Verhandlungskreisen. Aufgrund der schwer einzuschätzenden Pandemiefolgen ist auch eine kurze Laufzeit der Tarifvereinbarungen wahrscheinlich.

Mögliche Streitpunkte: flexible Arbeitszeiten und Erfolgsprämien

Absehbare Knackpunkte bleiben aber trotzdem: zum einen die tariflichen Freistellungszeiten für Beschäftigte, die Schichtarbeit leisten, Kinder betreuen oder Angehörige pflegen. Hier haben IG-Metall-Mitglieder die Möglichkeit, zwischen einem Gehaltszuschuss oder freien Tagen zu wählen. Diese Leistung des Arbeitgebers wollen die Gewerkschaften bedingungslos auf alle Mitglieder ausweiten. VW-Verhandlungsführer Meiswinkel will sich hierzu bisher nicht äußern. Beide Tarifpartner werden bei den Verhandlungen des Haustarifvertrags sicher beobachten wollen, wie dazu die Auseinandersetzung beim Metall-Flächentarifvertrag verläuft.

Zum anderen ist da noch das Thema der leistungsorientierten Vergütung. Diese wurde bereits im VW-Vorstand um Herbert Diess abgeschafft und in eine Vergütung umgewandelt, die sich am Erfolg des Unternehmens orientiert. Was für Top-Manager gilt, soll in tabellarischen Abstufungen auch für die 120.000 Gewerkschaftsmitglieder gelten. Dieses Thema gilt für beide Seiten als schwierig.

Höherer Stundenlohn durch Arbeitszeitverkürzung?

Branchenanalyst Frank Schwope von der Nord/LB erwartet insgesamt aber eine eher verhaltene Tarifauseinandersetzung vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und der dadurch entstehenden wirtschaftlichen Entwicklung. "Mit Blick auf den drohenden Personalüberhang in Folge der Umstellung auf die Elektromobilität wären beide Seiten gut beraten, gemeinsame Modelle zu entwickeln, die den Stundenlohn erhöhen, indem die Arbeitszeit verkürzt wird."

Eine frühe Einigung wird von Tarifparteien nicht erwartet. Die Friedenspflicht endet am 28. Januar. Danach könnte es zu Streiks kommen. Die Pandemie ist hier nicht zwingend ein Hinderungsgrund. Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes zum Beispiel haben im Herbst vergangenen Jahres Warnstreiks durchgeführt, obwohl die Corona-Infektionszahlen anstiegen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Januar 2021 um 15:00 Uhr.

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