Lebensmittel-Einkauf Was Bio-Siegel verraten - und was nicht

Stand: 18.02.2021 10:06 Uhr

Immer mehr Menschen ernähren sich gesund, regional und nachhaltig. Der Appetit auf Bio-Produkte steigt. Welchen Siegeln können Verbraucher vertrauen? Und wie aussagekräftig sind sie?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Gerade in der Corona-Krise, in der viele Menschen häufiger kochen und zu Hause essen, wächst die Lust auf regionales Gemüse oder andere Produkte aus heimischer Herstellung. Nach aktuellen Angaben des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) füllten 2020 mehr Kunden als jemals zuvor ihre Einkaufstaschen mit Bio-Lebensmitteln. Die Pandemie verstärke den Wunsch nach gesundem und umweltschonend produziertem Essen.

Laut BÖLW kletterten die Einnahmen der Branche im vergangenen Jahr um mehr als 20 Prozent auf knapp 15 Milliarden Euro - und doppelt so stark wie der Lebensmittelmarkt insgesamt. Das sei ein neuer Rekord, sagte auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner am Mittwoch zur Eröffnung der weltgrößten Naturkostmesse Biofach in Nürnberg, die in diesem Jahr digital ausgerichtet wird.

Bio-Siegel wird 20 Jahre alt

Dem jüngsten Öko-Barometer zufolge, einer jährlichen Umfrage im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums, gaben 37 Prozent der mehr als 1000 Befragten an, 2020 häufig oder ausschließlich Bio-Produkte gekauft zu haben. Gerade bei Klassikern wie Eiern, Obst und Gemüse sei die Nachfrage am größten. Aber auch beim Fleisch-Kauf achten Verbraucher demnach immer stärker auf ökologische Aspekte.

"Aus Gelegenheits- sind Gewohnheitskäufer geworden, und auch insgesamt greifen immer mehr Verbraucher zu Bio-Produkten", so Klöckner im Januar bei der Veröffentlichung der Ergebnisse. Dies habe auch mit der Kennzeichnung zu tun. Am staatlichen Bio-Siegel sind Produkte und Lebensmittel zu erkennen, die nach den EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau produziert und kontrolliert werden. Diese Regeln sollen einheitliche Standards in der ökologischen Produktion und artgerechter Tierhaltung garantieren. In diesem Jahr wird das Siegel 20 Jahre alt.

Wirrwarr an Siegeln

Für Unternehmen ist dieses Bio-Siegel freiwillig. Aber: Wer das Kennzeichen verwendet, wird kontrolliert. Grundsätzlich müssen alle Zutaten des jeweiligen Produkts aus dem ökologischen Landbau stammen. Bis zu fünf Prozent darf nichtökologisch sein - aber nur, wenn diese Ausnahmen nicht in optimaler Qualität verfügbar sind. Bei der Kennzeichnung muss die Codenummer der zuständigen Kontrollstelle angegeben werden.

Deutsches (l.) und europäisches Öko-Siegel
galerie

Das Bio-Logo der EU (rechts) kennzeichnet Lebensmittel aus kontrolliert ökologischer Landwirtschaft. Das deutsche Bio-Siegel können Hersteller zusätzlich und freiwillig verwenden.

Seit 2010 gibt es zusätzlich ein Bio-Logo der Europäischen Union. Auch dieses Siegel dürfen nur Lebensmittel tragen, für die eine zugelassene Kontrollstelle ihre Zustimmung erteilt hat. Sie sind daher verpflichtet, strenge Bedingungen für Herstellung, Verarbeitung, Transport und Lagerung zu erfüllen und ebenfalls zu mindestens zu 95 Prozent aus Bio-Zutaten zu bestehen. Alle vorverpackten Lebensmittel, die als Bio-Produkte in der EU erzeugt und verkauft werden, müssen das Logo verwenden.

Neun von zehn Bio-Produkten werden im Supermarkt gekauft. Gerade dort können Verbraucher jedoch neben den staatlichen Siegeln oft viele weitere Logos entdecken. Einige Handelsketten haben gar eigene Bio-Siegel auf ihren Produkten. Auch Verbände oder Produkttester besitzen teils spezielle Kennzeichen. Aber sind diese Siegel nur Marketing oder zeugen sie tatsächlich von Qualität?

"Bio" und "Öko" sind klar definiert

Grundsätzlich sind die Begriffe "Bio" und "Öko" für Lebensmittel gesetzlich geschützt. Wer mit ihnen wirbt, muss die EU-Rechtsvorschriften nach der EG-Öko-Basisverordnung erfüllen.

"Diese schreibt unter anderem vor: den Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutz- und Düngemittel, eine tiergerechte Haltung mit Auslaufmöglichkeiten, ein Verbot von Gentechnik und eine geringe Verwendung von Zusatzstoffen", schreibt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) auf seiner Homepage. Mindeststandards bei der Tierhaltung seien zum Beispiel Tageslicht und der Zugang zu einer Außenfläche.

Die Bezeichnung "kontrollierter Anbau" beruhige hingegen zwar das Gewissen, sei aber oft irreführend. Auch "naturnah" oder "integrierter Pflanzenanbau" sind eher Begriffe, die zum Kaufen anregen sollen, allerdings keinen ökologischen Nutzen haben. Sie unterliegen laut BUND keinen gesetzlichen Festlegungen. Auch die Kennzeichnung von benutzter Gentechnik sei freiwillig.

Welche Produkte kommen aus der Region?

"Nur, wo Bio oder Öko draufsteht, ist auch Bio oder Öko drin", bestätigt Armin Valet, zuständig für Ernährung bei der Verbraucherzentrale Hamburg, im Gespräch mit tagesschau.de. Denn diese Produkte müssten den Vorgaben der EU entsprechen. Auch da könne es "schwarze Schafe" geben, aber in der Regel sei mit den verlässlichen Siegeln alles in Ordnung, es gebe nur wenige Verstöße.

Alles weitere seien Bezeichnungen, die nicht unbedingt auf zertifiziertes Bio hinweisen. "Da müssen Verbraucher vorsichtig sein", so der Lebensmittelexperte. Viele Begriffe seien eben nicht geschützt und böten viel Spielraum.

Einheitliche Regelungen fehlen auch beim "regionalen Anbau". Für manche Hersteller sei Ostdeutschland eine Region, für andere die gesamte Bundesrepublik, heißt es vom BUND. Daher fordern die Umweltschützer detailliertere Logos zur Kennzeichnung der Herkunft eines Produkts.

"In Hamburg wird teilweise mit regionalen Hinweisen geworben, obwohl die Produkte etwa aus Baden-Württemberg kommen", sagt auch Valet. Da der Begriff "Region" nicht klar definiert ist, sei das nicht verboten. Darüber hinaus bedeute "Bio" nicht gleichzeitig Regionalität. "Auch Bio-Produkte können weit gereist sein und aus aller Welt kommen", so der Verbraucherschützer.

Hinweise auf den Verpackungen

Vielen umweltbewussten Menschen ist das Thema Herkunft sehr wichtig. So gab ein Fünftel der Befragten im Öko-Barometer an, dass sie 2020 häufiger regionale Produkte gekauft hätten.

Die regionale Herkunft ist Verbraucherschützern zufolge bei den Logos deutscher Bio-Verbände eher gewährleistet als beim Discounter oder den Bio-Siegeln der EU. "Unterschieden werden kann zwischen den Bio-Mindeststandards seitens der EU sowie den Anbauverbänden, die in ihren Richtlinien weitere Kriterien aufgestellt haben", sagt Valet. Die bekanntesten seien Naturland, Bioland und Demeter, die etwa strengere Vorgaben zu Futtermitteln oder Bodenflächen umsetzen.

"Es ist 'Bio' heißt noch lange nicht, dass es deutsches 'Bio' ist", so Christiane Kunzel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen gegenüber tagesschau.de. Dafür sei es wichtig, dass Verbraucher auf die Verpackung schauten. Denn bei Gemüse und Obst müsse die Herkunft zwingend gekennzeichnet sein.

"Beispielsweise bei Kartoffeln oder Möhren kann es sein, dass sie trotz gleicher Verpackung in der einen Woche aus Deutschland und in der anderen aus Ägypten oder Israel kommen", sagt Kunzel. Insgesamt seien die Verbraucherschützer aber froh über die EU-Verordnung, da sie einiges erleichtere. "Irreführende Werbung mit "Bio" oder "Öko" fällt sofort auf und wird strikt kontrolliert."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Juli 2019 um 18:42 Uhr.

Darstellung: