Nach Check24-Debakel Das Elend mit den Girokonten

Stand: 08.04.2021 15:17 Uhr

Ab heute bietet die Stiftung Warentest ihren Girokonten-Vergleich für Verbraucher kostenlos an. Das ist aber nur eine Übergangslösung in einer Geschichte voller Pleiten, Pech und Pannen.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

"Für ein Girokonto inklusive Girocard und Onlinebuchungen sollte niemand mehr als fünf Euro im Monat oder 60 Euro im Jahr bezahlen." Wer mehr zahlt, sollte einen Wechsel in Betracht ziehen. Zu diesem Schluss kommt die Stiftung Warentest auf Basis ihres Vergleichs von 316 Girokonten von mehr als 130 Banken.

Ab heute ist dieser Girokonten-Vergleich für alle Verbraucher kostenlos einsehbar auf der Website der Stiftung Warentest, die damit quasi im staatlichen Auftrag operiert. Denn nur dank der Stiftung Warentest kann Deutschland derzeit die so genannte europäische Zahlungskontenrichtlinie erfüllen. Diese sieht vor, dass alle Verbraucher Zugang zu mindestens einer objektiven und kostenlosen Vergleichswebsite für Girokonten haben müssen.

Verbraucherschützer zufrieden

Nachdem der Online-Riese Check24 seine Vergleichsseite Ende Januar nach nur fünf Monaten und heftiger Kritik abgeschaltet hatte, entschloss sich die Große Koalition, künftig eine staatliche Vergleichsplattform anzubieten. Diese soll von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) aufgebaut werden und im zweiten Quartal 2022 an den Start gehen. Bis dahin bietet die Stiftung Warentest ihren Girokonten-Vergleich kostenlos an.

"Wir finden es sehr begrüßenswert, dass nach einigen Umwegen dann doch eine staatliche Lösung gefunden werden soll. Das haben wir von Anfang an gefordert, das ist der richtige Schritt", betont Claudio Zeitz-Brandmeyer, Finanzmarkt-Experte der Verbraucherzentrale Bundesverband, gegenüber tagesschau.de.

Gebäude der Stiftung Warentest in Berlin
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Die Stiftung Warentest springt mit ihrem Girokonten-Vergleichsportal bis 2022 in die Bresche.

Beim Aufbau eines staatlichen Vergleichsportals könnte für die BaFin auch ein Blick über den deutschen Tellerrand hinaus lohnend sein: "Von europäischen Kollegen wird uns immer wieder Belgien als Best-Practice-Beispiel genannt. Hier wird der Verbraucher per Fragen zu für ihn passenden Konten hingeführt", unterstreicht Zeitz-Brandmeyer. Das Angebot der Stiftung Warentest sei allerdings eine "gute und nachvollziehbare Übergangslösung".

Schäuble präferierte die private Lösung

Verbraucher haben nun also ab sofort - und nicht erst 2022 - eine Möglichkeit, die Vielzahl der Girokonten hinsichtlich Kosten und Konditionen kostenlos zu vergleichen und die für ihre Bedürfnisse beste Lösung herauszufiltern.

Für die Politik ist das Hin und Her mit den Vergleichsportalen hingegen in erster Linie die Geschichte eines Scheiterns. Schließlich hatte sich der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble einst bewusst gegen die nun favorisierte staatliche Lösung und stattdessen für ein amtliches Zertifizierungsverfahren privater Plattformen entschieden. Der bis Januar 2021 verfügbare Girokonten-Vergleich von Check24 wurde vom TÜV Saarland zertifiziert - und auch das Bundesfinanzministerium gab sein Okay.

Doch schon kurz nach dem Start häufte sich die Kritik an dem Check24-Vergleichsportal. Im November 2020 reichte die Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) Klage gegen Check24 ein: Die Kontenvergleiche entsprächen nicht den gesetzlichen Anforderungen. Der Marktvergleich sei unvollständig und intransparent, die Daten häufig veraltet. Der Finanzdienstleister schaltete den Girokonten-Vergleich daraufhin ab und verwies zur Begründung auf die "unklare Rechtslage".

Wolfgang Schäuble | Bildquelle: OMER MESSINGER/EPA-EFE/Shutterst
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Wollte keine staatliche Lösung: Wolfgang Schäuble.

Das kostenlose Girokonto - ein Auslaufmodell

Für die Verbraucher kommt das Gezerre um die Girokonten-Vergleichsportale zur Unzeit, sind sie aktuell doch mehr denn je auf einen kostenlosen und objektiven Vergleich der Kontoführungskonditionen der verschiedenen Banken angewiesen.

Denn das kostenlose Girokonto - lange Zeit eine Selbstverständlichkeit - wird immer mehr zum Auslaufmodell. So sind die Gebühren für Girokonten per Oktober 2020 durchschnittlich um 6,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, wie das Statistische Bundesamt im November mitteilte. Binnen vier Jahren, von 2015 bis 2019, summierten sich die Preissteigerungen auf insgesamt 25 Prozent.

"Ein objektiver und kostenloser Girokonten-Vergleich ist zwar kein Allheilmittel", betont VZBV-Finanzmarktexperte Zeitz-Brandmeyer. "Aber er macht es für Verbraucher ein Stück weit einfacher, sich gegen Kontogebührenerhöhungen zu wehren und ein anderes Angebot zu finden."

Die Folgen der Negativzinsen

Doch wieso steigen die Girokonten-Gebühren eigentlich so rasant? Hintergrund ist die seit der Finanzkrise 2008 andauernde Niedrigzinsphase, die 2014 in eine Negativzinsphase überging. Mittlerweile erhebt die Europäische Zentralbank (EZB) auf kurzfristige Einlagen der Banken einen Strafzins von 0,5 Prozent.

Die meisten Banken wagen es bislang nicht, diese Strafzinsen an private Kunden weiterzureichen - obwohl auch diesbezüglich zunehmend die Dämme brechen. Stattdessen verteuert das Gros der Geldhäuser lieber die Girokonten.

Ob dieser für Verbraucher so unschöne Schritt für die Banken überhaupt so zwingend ist, wie diese gerne betonen, sei einmal dahingestellt. Die Bundesbank kam jedenfalls in ihrem Monatsbericht im Oktober 2020 zu dem Schluss, dass der EZB-Strafzins nicht automatisch zu niedrigeren Bankgewinnen führt.

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