Urteil gegen Pharmakonzern Millionenstrafe für tödliche Appetitzügler

Stand: 29.03.2021 16:47 Uhr

In Frankreich ist die Pharmafirma Servier zu einer Strafe von 2,7 Millionen Euro verurteilt worden. Mehr als 2000 Menschen könnten an dem Medikament Mediator gestorben sein, weil der Konzern die Risiken der Diabetes-Arznei als Appetitzügler verschwiegen hatte.

Es ist einer der größten Arzneimittelskandale in Frankreich: Das vor allem als Appetitzügler weit verbreitete Medikament Mediator - eigentlich ein Diabetes-Medikament - wird allein in Frankreich für den Tod von 500 Menschen verantwortlich gemacht. Mediator wurde 2009 verboten, in Deutschland war es nie auf dem Markt.

2,7 Millionen Euro Strafe muss Servier nun zahlen. Der Pharmakonzern habe um die Risiken des Appetitzüglers gewusst, diese aber jahrelang verschwiegen, so die Begründung der Pariser Richter. Sie sprachen das Unternehmen der schweren Täuschung und der fahrlässigen Tötung schuldig. Servier habe seinen Profit über das Wohlergehen von Patienten gestellt, indem es unverantwortlich zugelassen habe, dass ihr Diabetes-Medikament Mediator auch als Abnehmmittel verschrieben wird.

Weltweit mehr als 2000 Tote

Mediator wurde in Frankreich seit den 70er Jahren vertrieben - ursprünglich als Blutfettsenker für Menschen mit Diabetes. Da das Medikament allerdings auch eine appetitzügelnde Wirkung hatte, wurde es von vielen Menschen auch zum Abnehmen genutzt. Trotz früher und zahlreicher Warnungen, dass Mediator unter anderem Herzklappen verdicken kann, wurde das Medikament erst Jahrzehnte später vom Markt genommen. Weltweit sollen laut einer Studie aus dem Jahr 2010 innerhalb von 33 Jahren mehr als 2000 Menschen an den Folgen der Einnahme gestorben sein.

Servier hatte argumentiert, es habe nichts über die tödliche Gefahr seines Medikaments gewusst, wenn es als Abnehmmittel benutzt wird. Es habe Mediator auch nie als Diät-Pille bezeichnet. Über Risiken habe das Unternehmen erst 2009 erfahren. Die Anwälte des Konzerns plädierten auf Freispruch. Ein Arzt machte auf solche Befürchtungen bereits 1998 aufmerksam und sagte aus, auf ihn sei Druck ausgeübt worden, sie zurückzuziehen. Als von Gesundheitsbehörden der Schweiz, Spaniens und Italiens Fragen zu Nebenwirkungen des Medikaments gestellt wurden, wurde es zwischen 1997 und 2004 von diesen Märkten zurückgezogen. Erst nach einer zweiten von einem besorgten Arzt angestoßenen Untersuchung nahm Servier 2009 das Medikament auch vom französischen Markt.

Schlussstrich unter zehnmonatigen Prozess

Das heutige Urteil markiert einen vorläufigen Schlussstrich für einen Mammutprozess, der sich von 2019 bis 2020 über zehn Monate hinzog. Fast 400 Anwälte arbeiteten an dem Fall, mehr als 6500 Personen hatten geklagt. Die Urteilsverkündung dauerte fast drei Stunden. Vom Vorwurf des Betrugs wurde Servier freigesprochen. Das Gericht verhängte eine Geldstrafe von 2,7 Millionen Euro und ordnete die Zahlung Hunderter von Millionen Euro an die Kläger an - allein für schwere Täuschung fast 159 Millionen Euro. Ein Servier-Manager bekam eine vierjährige Haftstrafe auf Bewährung. Auch die nationale Gesundheitsbehörde wurde zu einer Geldstrafe von mehr als 300.000 Euro verurteilt: Sie sei ihrer Rolle als oberste Arzneimittelbehörde nicht nachgekommen und habe das Medikament erst viel zu spät vom Markt genommen.

Vor einigen Jahren war der Pharmahersteller Servier bereits von einem Gericht in Nanterre zivilrechtlich verurteilt worden. Auch damals sagten die Richter, der Pharmakonzern hätte um die Risiken des Medikaments gewusst und hätte Ärzte und Patienten informieren müssen.

Mit Informationen von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 29. März 2021 um 17:10 Uhr.

Darstellung: